Kiku
18.06.2018

Kraft- und humorvolle Eingreiftruppe für bunte Zukunft

© Bild: Ute Langkafel MAIFOTO

„Roma-Armee“, ein emanzipatorisches Stück für mehr Menschlichkeit, als Abschluss des „E Bistarde – Vergiss mein nicht“-Festivals.

Was vom Titel her vielleicht martialisch wirkt - „Roma Armee“ – präsentiert sich schon vor Beginn der Vorstellung als grellbunter, graffiti-artiger bemalter Vorhang mit Bildern, Parolen wie 1000 Jahre Evolution und dem Rad-Symbol aus der Flagge. Zwischen dem Vorhang taucht ein/e Akkordeon-Spielende/r mit einer Puszta-Sehnsuchtsmelodie auf – und bricht das Klischee sofort: Ein Mann in Frauenkleidern oder eine Frau mit Bart?!

Es folgte eine knapp zweistündige, kraftvolle, sowohl politische als auch immer wieder urpersönliche, mit Songs und vor allem viel Humor durchzogene Performance aus Schauspiel, Tanz, Gesang, vielen Fragen sowie Statements. Geschichte, Gegenwart, Zukunft der Roma und des europäischen Kontinents werden in einer Art und Wiese mit großer – immer wieder auch selbstironischer - Spiellust verhandelt, wie selten noch politische Themen auf die Bühne gebracht worden sind.

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© Bild: Ute Langkafel MAIFOTO

Bunte multikulturelle Gruppe

Ursprünglich initiiert von Simonida und Sandra Selimović für die Wien-Woche initiiert, entwickelten die beiden Theater-Schwestern gemeinsam mit der Regisseurin des Berliner Gorki-Theaters, Yael Ronen das Stück, das auf seiner Tournee durch Europa für zwei Tage auch im Wiener Volkstheater Station machte – während des Festivals „E Bistarde – Vergiss mein nicht“ zum Gedenken der Roma-Opfer während der Naziherrschaft in Österreich. Erarbeitet wurde es vom genannten Trio gemeinsam mit der auf der Bühne zu erlebenden bunt zusammengewürfelten, multikulturellen Gruppe von Romnija, Rom und Romani Traveller aus Österreich, Serbien, Deutschland, dem Kosovo, Rumänien, England und Schweden sowie israelisch-deutsch-türkisch-Berliner Gadjé (wie Nicht-Roma genannt werden), Frauen, Männern, Drag-Queens, sich als hetero-, homo- und/oder bisexuell outend.

Verfolgung allerorten, Ermordung, Vertreibung, Auslöschung in einer Art und Weise, dass viele der Verfolgten ihre eigene Identität verleugnen, sich aufspalten (lassen) in verschiedenste Gruppen oder einander ihre Zugehörigkeit zu Roma abspenstig machen – all das wird thematisiert. In der Vergangenheit, vor allem in Comicfiguren werden Held_innen aufgespürt wie Magneto (X-Men) oder Robin, die eigentlich Roma seien, wenngleich ihnen in Hollywood-Verfilmungen auch wiederum die Identitäten genommen wurden. Bei der Suche nach Heroes geraten sie mitunter in Streit mit anderen verfolgten Völkern, wie Jüd_innen – Konkurrenz der Opfer.

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© Bild: Ute Langkafel MAIFOTO

Für eine Zukunft Europas

„Roma-Armee“ ist ein kraftvoller Abend, der sich trotz aller notwendigen Benennung von Vergangenem, nicht zuletzt, weil unter den Gadjé viel zu wenig bekannt, auch mit dem eigenen Umgang damit auseinandersetzt. Nicht in der Opferrolle wohlig einrichten, sondern um die Zukunft kämpfen. Diese „Armee“ versteht sich als eine schnelle Eingreiftruppe zum Kampf gegen strukturelle Diskriminierung, Rassismus und Antiziganismus, aber auch als Emanzipation aus einer internalisierten Opferrolle.

Und auch wenn die Zukunft eine eigenständig erkämpfte sein muss, die nicht erst recht wieder von anderen vorgegeben werden soll/darf, geht es um eine Zukunft für alle, denn, so zitiert die Gruppe Hannah Arendt: „Die Gemeinschaft der europäischen Völker zerbrach, als – und weil – sie den Ausschluss und die Verfolgung seines schwächsten Mitglieds zuließ.“

 

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© Bild: Ute Langkafel MAIFOTO

Infos: Was? Wer?

Roma Armee
von Yael Ronen und Ensemble
nach einer Idee von Simonida und Sandra Selimović

Regie Yael Ronen

Mit:
Mehmet Ateşçi
Hamze Bytyci
Mihaela Drăgan
Riah May Knight
Lindy Larsson
Orit Nahmias
Sandra Selimović
Simonida Selimović

Bühne: Heike Schuppelius
Malerei & Artwork: Damian Le Bas, Delaine Le Bas
Kostüme: Delaine Le Bas
Mitarbeit Kostüme: Maria Júlia Ubaldino Abreu
Musik: Yaniv Fridel, Ofer Shabi
Video & Animation: Hanna Slak, Luka Umek
Licht: Hans Fründt
Dramaturgie: Irina Szodruch

Regie-Assistenz: Isabella Sedlak
Bühnen-Assistenz: Raissa Kankelfitz
Dramaturgie-Assistenz: Sandra Wolf
Regie-/Dramaturgie-Hospitanz: Finnja Denkewitz
Ausstattungshospitanz: Zora Hünermann, Gökcen Dilek Açay
Kostümhospitanz: Melina Poppe
Inspizienz: Corinna Siewert-Scherzer
Übertitel (Übersetzungen): Yael Ronen und Ensemble und Christian Dawid (Einrichtung)

https://gorki.de/de/roma-armee

http://romanosvato.at/

http://www.volkstheater.at/stueck/roma-armee/

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