Szenenfoto aus "Scherbenberge"

© Johan Leplae/Die Fremden

Kiku
05/13/2019

Kämpferin, Beschwichtiger, Karrieristin

Unterschiedlicher Umgang mit Ungerechtigkeit in „Scherbenberge“, dem jüngsten Stück der Theatergruppe „Die Fremden“.

Zwei dichte, heftige und doch immer wieder von Humor durchzogene Stunden: Das ist „Scherbenberge“, die jüngste Produktion der multikulturellen Theatergruppe „Die Fremden“ (aktuelle Wiener Aufführungsserie ausverkauft, im Frühjahr in Vorarlberg, im Herbst wieder in Wien). Die Gruppe - Herkünfte von Afghanistan und Armenien über Belgien, Bulgarien, Iran, Polen, Slowakei bis Nigeria und Österreich - entwickelt ihre Stücke auch immer selbst.

Lydia Kardaminjouk ist eine Kämpferin. Sie lässt sich nichts gefallen. Vor allem Ungerechtigkeiten kann sie - auch sehr gut sicht- und spürbar (Vanda Sokolović) - nicht ertragen. Als die Familie - Sohn Ilyas (Maisam Rahimi) und Ehemann Feliks Tomasz Nowak) vor dem Bürgerkrieg flüchtet, muss sie den Verlust des zweiten Sohnes Jannis verschmerzen. Er ist irgendwo vermisst, sie haben nie wieder etwas von ihm gehört.

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Ilyas wird bei einer Frauenleiche verhaftet. Die Mutter ist von seiner Unschuld überzeugt, der Vater beruhigt und besänftig. Nach dem Motto „nur keine Wellen“, will er sich ins Schicksal der Verurteilung des Sohnes - samt „Rückführung“ ergeben. Vielleicht war er’s ja doch.

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Herrlich ironisch

Das ist der eine Handlungsstrang. Ein zweiter kreist um die Familie Büchner. Er, Klaus (Markus Payer) ist im Museum für Sicherheit verantwortlich für die neue sehr ideologische Ausstellung, arbeitet praktisch Tag und Nacht. Tochter Maryam (Rabia Alizada), fühlt sich in der Schule nicht wohl, will sie hinschmeißen. Niloofar Nadimi gibt eine herrlich ironische Gluckhennen-Mutter und vernachlässigte Ehefrau Monire.

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Gefühllos

Der dritte Kreis sind eine resolute Staatsanwältin Dr. Anita Sterk (Sofie Leplae). Sie macht ratz-fatz in Sachen Anklage gegen den Flüchtlings-Jugendlichen Ilyas. Gegen Ende wird sich erst herausstellen, warum - das sei aber, um die Spannung nicht zu nehmen, hier natürlich nicht verraten. Lydia, die mit ihr reden will, wimmelt sie ab. Einfach empathielos erscheint sie. Rechtsstaat sei eben was anderes als Gerechtigkeitsempfinden. Nicht zuletzt geht’s ihr um die eigene Karriere. Dieser ist ihr sogar wichtiger als die Liebe zu Mike (Osas Imafidon), gegen dessen Abschiebung sie nichts unternimmt.

Dieser Kreis ist eng verbunden mit jenem aus kariakturenhaftem Museumsdirektor Schmidt (Armen Abisoghomyan), hartherziger, rechtspopulistischer Sicherheitsministerin (Katerina Rumenova-Jost) und dem Waffenlobbyisten und engem Freund der Ministerin Emilio Foss (Garegin Gamazyan).

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Verkettung

Überschneidungen ergeben sich zwischen allen Handlungssträngen - Ort dafür ist das Museum, in dem ja Klaus Büchner aber beispielsweise auch Feliks Kardaminjouk arbeitet. Und hier wird die Ministerin die neue Ausstellung eröffnen will, die vor allem ihre politischen Botschaften transportieren soll. Und in eben diesem Museum kommt es am Ende zum Show-Down.

Es ist aber nicht nur die spannende Handlung und das kurzweilige, abwechslungsreiche Spiel (Slow-Motion- und Stummfilm-Szenen) des Ensembles, das dieses Stück ausmacht. Musik - von Simon & Garfunkels „Sound of Silcene“ im passenden Moment über ein Gitarren-Schmachtlied bis zu John Lennons und Yoko Onos „Imagine“ - unterstreicht so manche Stimmungen. Wunderbar auch das ständig von den Darsteller_innen umgebaute Bühnenbild -  einzig und allein aus einem halben Dutzend an Leitern.

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Infos: Was? Wer? Wann? Wo?

Scherbenberge
Theatergruppe „Die Fremden“

Mitwirkende
Lydia Kardaminjouk: Vanda Sokolović
Feliks, ihr Ehemann: Tomasz Nowak
Ilyas, Sohn der beiden: Maisam Rahimi
Monire: Niloofar Nadimi
Maryam, ihre Tochter: Rabia Alizada
Klaus Büchner, Ausstellungs-Checker, Ehemann von Monire, Maryams Vater: Markus Payer
Staatsanwältin Anita Sterk: Sofie Leplae
Mike, Freund der Staatsanwältin: Osas Imafidon
Ministerin für Sicherheit: Katerina Rumenova-Jost
Museumsdirektor, Herr Schmidt: Armen Abisoghomyan
Emilio Foss, Waffenlobbyist und Museums-Sponsor: Garegin Gamazyan

Leitung und Regie: Dagmar Ransmayr

Kartenreservierung empfohlen: diefremden@gmx.at

Wann & wo?
20. bis 22. Juni 2019
Festival schauplatz.theater
Ludesch, Vorarlberg

24./25. Oktober 2019
15./16. November 2019
Off-Theater: 1070, Kirchengasse 41

http://www.diefremden.at

http://www.off-theater.at/

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