Kiku
15.11.2018

Ignaz Tod verfängt sich im Getränke-Schnapp-Reich-Greife

Auszug „Opa Erwin fängt den Tod“ mit dem Caroline Docar den Dixi-Kinderliteraturpreis 2018 in der Kategorie Text gewonnen hat.

Woche für Woche trafen sie einander in Opa Erwins Erfinderwerkstatt und arbeiteten an wichtigen Projekten, um die schwierige Welt draußen ein wenig einfacher zu machen. Sie sägten und schraubten und ölten und schleiften. Sie pinselten und zimmerten, sie bohrten und sie wummerten, sie löteten und hämmerten. Dabei gelangen ihnen kolossal praktische Erfindungen, mit denen sie stets großartige Erfolge feierten: der Brüll-Apparat, der dafür sorgen konnte, dass die großen LeutemMax gut zuhörten, wenn er etwas Wichtiges zu sagen hatte. Der Zeit-Zurück-Dreher, der einem dabei half länger aufbleiben zu dürfen. Und die höchst praktische Tanten-Küss-Maschine: Immer wenn die Stadt-Tante zu Besuch kam, und für Max’ Geschmack kam das ein bisschen zu häufig vor, holte er dieses raffinierte Meisterstück hervor. Damit gelang es ganz leicht den schmatzigen, nassen und über-parfürmierten Küssen zu entkommen. Anstelle von Max’ Wange bekam die nun stets nur ein reifer Pfirsich ab. Und den Pfirsich störten sie ja nicht weiter. Auch an diesem Freitag-Frühabend kam Max gut gelaunt und voller Erwartung bei Opa Erwin an.

In seinem Kopf schwirrten eine Menge Ideen für neue Erfindungen herum und das war auch gut. Schließlich würden er und Opa Erwin den Kuchen-Sucher, ihr neuestes Projekt, bestimmt heute fertig stellen. Max betrat die Efeu-berankte Terrasse von Opa Erwins Haus und klingelte. Zwei Mal kurz, zwei Mal lang und noch einmal kurz. Dieser geheime Klingel-Code war sehr praktisch. Durch ihn wusste Opa Erwin sofort, dass kein Staubsauger-Vertreter oder verärgerter Nachbar vor der Tür

war, oder einer von denen, die immer zu Besuch kommen und über den lieben Gott plaudern wollten. Wenn die Türklingel kurz, kurz, lang, lang, kurz machte, war klar, dass Max draußen stand – bereit seiner Arbeit als Erfinder-Assistent nachzukommen.

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Szenenischer Sprung

Als Opa Erwin am nächsten Morgen aufwachte, dachte er noch, dass es ein Tag wie jeder andere werden würde. Wie immer weckte ihn Bratwurst mit einem nassen Kuss und während Opa sich reckte und streckte und sein Rücken dabei knackte, drehte Oma Hilde sich noch einmal zur Seite, schnarchte auf und schmatzte in ihr Kissen. Opa zog sich seine Pantoffel und den Bademantel an und ging in die Küche, um eine Scheibe Brot für sich und ein Rad Salami für Bratwurst abzuschneiden. Mit dem fertigen Butterbrot in der Hand trat er aus dem Haus, um die Zeitung aus dem Postkasten zu holen. Doch noch bevor er den ersten Bissen machen konnte, entdeckte Opa Erwin etwas: Auf der anderen Seite des Gartens, oben im Apfelbaum, hing ein pechschwarzes Bündel zappelnd in der Luft. Er ging über die Wiese, um sich das seltsame Ding genauer anzusehen. Auf den ersten Blick sah es aus, als hätte sich ein gigantischer Rabe in seinem eigenen Gefieder verstrickt. Er zippelte und zappelte und der Baumwipfel wackelte. Erst auf den zweiten und dritten Blick wurde Opa Erwin klar, wo hier das Problem lag – und zwar am Getränke-Schnapp-Reich-Greifer.

Der Getränke-Schnapp-Reich-Greifer war ein weiterer Geniestreich aus Opas und Max‘ Erfinderwerkstatt. Dank ihm konnte man den ganzen Tag im Obstgarten herum klettern und musste nicht einmal dann vom Baum steigen, wenn man durstig wurde. Mit seinen vielen Händen schnappte er ganz einfach Limonadenflaschen, die Oma Hilde in den Garten brachte, und reichte sie bis in den höchsten Baum hinauf. Ohne seinen Griff auch nur einmal zu lockern, konnte der Getränke-Schnapp-Reich-Greifer stundenlang in einer haltenden Position verharren. Genau das war dem schwarz gekleideten Zappler aber zum Verhängnis geworden, der fest am Schlafittchen seiner Kutte gepackt in der Luft baumelte.

„Bestimmt schon 6 Uhr 45. Oder 7 Uhr? Ach herrje, doch wohl noch nicht 7 Uhr! Lass mich endlich los, du!“, schimpfte die schlaksige Gestalt und zerrte am Getränke-Schnapp-Reich-Greifer-Arm. „Entschuldigen Sie“, begann Opa Erwin, doch der Gefangene bemerkte ihn gar nicht und jammerte weiter vor sich hin. „Angenommen es wäre tatsächlich schon 7 Uhr, dann würde das ja bedeuten – ach du liebe Zeit! Dann war’s das für heute mit Stirnfalten bei Frau Helga! Die könnte man maximal beim nächsten Durchlauf wieder einarbeiten. Es sei denn man würde die Falten-Route neu datieren? Nein, unmöglich, das wirft den gesamten August-Plan über den Haufen. Ach du meine Güte!“

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„Entschuldigen Sie!“, wiederholte Opa Erwin mit festerer Stimme. Die Gestalt drehte ihren Kopf und sah zum ersten Mal, dass jemand neben ihr stand. „Guten Morgen!“, grüßte Opa Erwin. „Guten Morgen?“, entgegnete die Gestalt empört, „Phö! Ein schöner Morgen ist das!“ Schmollend wandte sie sich ab, verschränkte die Arme und baumelte sanft im Wind. Opa überlegte kurz, räusperte sich und weil er nicht so recht wusste, was er sagen sollte, fragte er: „Was tun Sie denn in meinem Getränke-Schnapp-Reich-Greifer?“

„Was ich in Ihrem - was tue?“ Das Wesen musterte Opa Erwin verständnislos. „Wie spät ist es überhaupt?“, erkundigte es sich dann. Opa Erwin fing an, sich immer mehr über die Situation und das schlaksige, schwarze Bündel zu wundern. „7 Uhr 30“, antwortete er brummig, woraufhin der Baumler wild in der Luft zu rotieren begann. „7 UHR 30?!“, jaulte er strampelnd. Doch es war aussichtslos: Aus dem festen Griff des Getränke-Schnapp-Reich-Greifers gab es kein Entkommen und so resignierte das Wesen bald. „Das war’s dann mit Nierensteinen für Herrn Peter“, schluchzte es verdrossen. Opa Erwin hatte keinen blassen Schimmer, was das alles zu bedeuten hatte und obwohl es ihm leid tat, wie aufgelöst das Ding im Apfelbaum wirkte, hatte er langsam genug. Immerhin war das hier sein Garten und sein Apfelbaum und es war höchste Zeit ein paar Antworten zu bekommen.

„Wenn Sie mir die Frage gestatten: Was – ich meine woher – ich meine – wer sind Sie eigentlich und was zum Kuckuck soll das alles hier?“, brummte er in einer besonders brummigen Jetzt-habich-die-Nase-aber-voll-Stimme. Das Wesen war äußerst unbeeindruckt von Opa Erwins Brummkonzert. „Wer ich bin.“, sagte es zu sich selbst. „Fragt mich dieser alte Mann, wer ich bin. Na der hat vielleicht Nerven!“ Dann suchte es aber doch noch seine Manieren zusammen, drehte sich zu Opa und antwortete mit etwas freundlicherer Stimme: „Gestatten, Tod mein Name. Ignaz Tod. Alterserzeuger und letzte Instanz.“

„Wie bitte?“, entgegnete Opa Erwin skeptisch. Er war ein Forscher, ein Erfinder, ein Mann der Wissenschaft. Wie sollte er glauben, dass hier, in seinem Garten und gefangen im Getränke-Schnapp-Reich-Greifer seines Enkels, wenige Meter über dem Rasen, der Sensenmann höchstpersönlich in der Luft hing, wie ein hilfloses Kätzchen, das man im Genick packt hatte?

„Wenn ich es Ihnen sage“, beteuerte der Tod und lüftete zum Beweis seine Kutte, sodass Opa Erwin ein paar Knochen-Füße an Knochen-Beinen zu sehen bekam, die aus einem Knochen-Körper ragten.

„Donnerwetter aber auch“, staunte Opa Erwin. Das hatte ihn überzeugt und brachte seinen Forschergeist erst richtig in Fahrt. „Und was genau führt den Tod höchstpersönlich in meinen bescheidenen Garten?“, fragte er gespannt. „Wenn Sie es genau wissen wollen, ich bin gerade im Dienst“, antwortete Ignaz Tod. „Ich habe Wehwehchen zu verteilen, Gebrechen zu kontrollieren und so weiter. Sie glauben doch wohl nicht, dass die Leute einfach so vor sich hin altern und sterben?“

Verächtlich lachte er kurz auf. „Dann könnte den Job ja jeder machen, wenn er so leicht wäre. Nein, nein, mein Lieber, so ist es nicht. Es gehört viel, sehr viel Arbeit und Muße dazu, verstehen Sie? Sie ahnen ja nicht, wie viel Aufwand und Hingabe dahinter steckt! Alles Handwerk, mein Lieber, solides Handwerk! Aber dank Ihrer Maschine hier“, ergänzte der Tod bitter, während er vergeblich versuchte nach einem Arm des Getränke-Schnapp-Reich-Greifers zu treten „ist das für mich ein verlorener Arbeitstag!“

Noch bevor Opa Erwin antworten konnte, zog Ignaz Tod eine Papierrolle aus seinem Kuttenärmel und begann vorzulesen: „6 Uhr 30, Frau Gertraud, Hüftschmerzen auf Stufe 2,5 erhöhen. 7 Uhr, Frau Helga, Stirnfalten nachzeichnen. 7 Uhr 15, Herr Peter, Nierensteine streuen. Und wenn es vorhin 7 Uhr 30 war, dann ist es inzwischen bestimmt bereits 7 Uhr 45. Bis ich diese Kunden nachgearbeitet habe ist es womöglich 9 Uhr, aber auch nur, wenn ich innerhalb der nächsten 5 inuten meine Route fortsetzen kann. Wenn ich aber Pech habe und es zu weiteren Verzögerungen kommt, vielleicht sogar 9 Uhr 15. Alle Folgetermine müssten also nach hinten gestaffelt werden. Falls das überhaupt möglich ist! Den 8 Uhr Termin zum Nasenhaare pflanzen bei Herrn Alfons werde ich kaum halten können, genauso wenig den bei Herrn Erwin um 8 Uhr 30, wo ich ein Rücken-Knarren installieren wollte.“

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Opa Erwin horchte auf. „Ein Rücken-Knarren?“

„Gewiss!“, entgegnete Ignaz Tod eifrig und hielt Opa Erwin die dicht bekritzelte Liste unter die Nase „Hier steht es schwarz auf weiß! Am 3. Februar vor zwei Jahren wurde ein morgendliches Knacken im Rücken befestigt. Das soll heute um 8 Uhr

30 nachjustiert und um ein Knarren erweitert werden.“ Opa Erwin schluckte. Er war es gewohnt, dass sein Rücken nach dem frühmorgendlichen Recken und Strecken ein Knacken von sich gab. Das Recken, strecken und knacken gehörte genauso zu seinem Tag, wie ein nasser Aufwach-Kuss von Bratwurst und das Butterbrot zum Frühstück. Ein Recken und Strecken und Knacken und Knarren hingegen – der Gedanke gefiel ihm nicht. Die Dinge waren gut, wie sie waren, fand Opa Erwin. Ein Knarren würde diese Harmonie nur unnötig stören.

„Ich würde auf das Knarren gerne verzichten, wenn Sie erlauben“, brummte Opa Erwin. „Sie?“, fragte Ignaz Tod verdattert. „Ja, ich. Ich bin Herr Erwin und möchte hiermit auf die Installation des Rücken-Knarrens verzichten. Im Gegenzug helfe ich Ihnen gerne aus meinem Getränke-Schnapp-Reich-Greifer.“

„Verzichten? Was meinen Sie mit ‚verzichten‘? Es steht doch auf der Liste! Ich

kann nicht einfach Aufträge stornieren, wie es mir passt. Wissen Sie was passiert, mein Lieber Herr Erwin, wenn man einfach aus einer Laune heraus die Regeln ändert? Chaos und Anarchie!“

„Sie sind doch aber der Tod. Sie sind der Chef – es sind Ihre Regeln“, argumentierte Opa.

„Kein Wort mehr“, antwortete Ignaz Tod strikt „Es war ja sehr nett mit Ihnen zu plaudern, aber ich habe einen engen Terminplan und keine Zeit für weitere Diskussionen. Darum wäre ich Ihnen jetzt sehr verbunden, Herr Erwin, wenn Sie mich endlich herunter lassen würden.“

Opa Erwin war ein geduldiger Mann. Doch auch für ihn war das Maß irgendwann voll. Der Tod benahm sich wirklich unhöflich und rechthaberisch. Man konnte nicht vernünftig mit ihm diskutieren. Stattdessen war er besessen von seiner Liste, seinem Zeitplan und seiner Überzeugung mit allem im Recht zu sein. Opa Erwin räusperte sich, atmete tief ein und sagte so unbrummig und klar wie sonst selten: „Tut mir leid, aber damit bin ich nicht einverstanden. Wir werden darüber wohl zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal verhandeln müssen.“ Vor Erstaunen klappte Ignaz Tod die Kinnlade herunter. Doch er merkte, dass jedes Widerwort zwecklos gewesen wäre.

Resigniert blieb er hängen und sah Opa Erwin dabei zu, wie er den Abmarsch-Mechanismus des Getränke-Schnapp-Reich-Greifers aktivierte und die Maschine an einem langen Seil Richtung Haus führte.