Kiku
06.04.2018

Gehörtes auf den Brillengläsern lesen

Ideenwettbewerb „Ideas for Ears“: Mehr als zwei Dutzend Kinder aus der halben Welt haben Hörhilfen erfunden.

In der Woche nach Ostern wurden 27 Kinder aus Österreich, Brasilien, Großbritannien, Neuseeland, den USA und Deutschland in Innsbruck ausgezeichnet. Sie hatten Erfindungen für Menschen, die nichts oder sehr schlecht hören gezeichnet oder beschrieben.

Die internationalen Gewinnerkinder

Darunter sind etwa ein Armband, das vibriert, wenn ein Auto vorbeifährt (von Lara, Laura und Malia), ein „Robo-Hund“, der die Tür öffnet und seine Pfote zeigt, wenn es klingelt (von Anna, Magdalena, Lisa, Michael und Jonas B und eine Handybrille. Diese Erfindung von Stefan, Emil, Jonas H. und Maximilian Sch. übersetzt gesprochene Wörter am Handy in geschriebenen Text, der direkt vor den Augen auf der Brille zu sehen ist. Diese Erfindungen kommen aus der Volksschule Uttendorf im Salzburger Pinzgau.

Auf Brillen setzten auch von Katharina Huber und Arwen Hagenfeld aus Deutschland: 3D-Brillen mit „Untertiteln“: Gesprochener Text läuft am unteren Rand der Brillen vorbei. Ihre Idee hatten sie nach einem Kinobesuch, bei dem sie merkten, dass Menschen mit Hörverlust nur das Bild des Films sehen, aber die Töne nicht wahrnehmen konnten – wobei es dafür Apps gibt, die Film-Untertitel am Handy oder Tablet anzeigen.

Katharina Huber und Arven Hagenfeld, Deutschland

Jacob Levy aus Großbritannien nutzt ebenfalls Augengläser für seine Erfindung, Menschen mit Hörbeeinträchtigung auf Geräusche und Gefahren rund um sie aufmerksam zu machen. Seine Hörbrille macht Geräusche sichtbar und bildet gesprochene Sprache auf den Gläsern ab, sodass der Träger sie lesen kann.

Jungerfinder Jacob Levy aus Großbritannien

Alexandre Fernandes Batalha aus Brasilien, der selber auf beiden Ohren Cochlea-Implantate trägt, hat sieben Smartphone-Apps entwickelt. Zwei Highlights davon sind eine App, die in lauten Umgebungen aktiviert wird, um die Geräusche herauszufiltern und so die Tonqualität zu verbessern. Diese App ermöglicht es damit, gesprochene Sprache besser zu verstehen. Eine weitere App dachte sich Alexandre für blinde Cochlea-Implantat-Träger aus – mit dieser können sie Vieles über gesprochene Sprache steuern. Bei seinem Besuch in Innsbruck traf er auch seinen Chirurgen Rudolph Häusler wieder, der ihm vor knapp zehn Jahren in Brasilien seine Hörhilfe eingepflanzt hat.

Nacht-Pflaster

Olivia Strang aus Neuseeland hat ein Spezialpflaster erfunden, das Träger_innen eines Hör-Implantats weckt, wenn der Wecker läutet oder ein Alarm ausgelöst wird. Der Grund dafür: Träger eines Hör-Implantats legen ihr Gerät über Nacht ab, um es zu trocknen und aufzuladen. Während der Nacht hören sie daher nichts. Zusätzlich hat Olivia ein Klebeschild entwickelt, das auf jedem konventionellen Feueralarm angebracht werden kann und hörbeeinträchtigte Personen alarmiert.

Olivia Strang, Neuseeland

Kleinerer Prozessor

Avery aus den USA hat einen Audioprozessor (der extern getragene Teil des Implantats) entworfen, der viel kleiner ist als der heutige, der seiner kleinen Schwester hören hilft und der kleinen Kindern ein leichteres Tragen ermöglichen würde.

Parker Welsh aus den USA hat am Wettbewerb teilgenommen, um seiner Mutter Tracey und seinem Bruder Carter zu helfen, die beide gehörlos sind. Parker nahm Anleihe bei der Natur und schlug vor, regenerative Zellen von Salamandern in menschliche Fresszellen einzubauen. So könnten Heilung und Regeneration von Gewebe (in diesem Fall die Haarzellen im Innenohr) gefördert werden.

Carter und Parker aus den USA

Lob vom Fachmann

Die Auszeichnung fand im Forschungszentrum des Innsbrucker Hör-Implantate-Herstellers MED-EL statt. Neben der Preisverleihung besuchen die Schüler auch das von MED-EL initiierte Audioversum, das interaktive Museum rund ums Hören in Innsbruck.

„Die Ideen der Schüler und Schülerinnen sind genial“, freut sich der Forscher Geoffrey Ball, technischer Leiter bei MED-EL. „Die Kinder haben unglaubliches Engagement gezeigt und keine Mühen gescheut, ihre hervorragenden Ideen auch in aufwändig gebastelten Modellen zu präsentieren. Viele der Ideen könnten gut umsetzbar sein und gehörlosen oder schwerhörigen Menschen wirklich helfen.“ Geoffrey Ball ist Erfinder des Mittelohrimplantats Vibrant Soundbridge und gehört zu jenen Wissenschaftern, die federführend beteiligt waren, als das das Hör-Implantat entwickelt wurde.

Hintergrund: Über Hörverlust

Rund sechs Prozent der Weltbevölkerung – 466 Millionen Menschen – leben mit einschränkendem Hörverlust, 34 Millionen davon sind Kinder. In Österreich leben Schätzungen zufolge ein bis zwei Prozent aller Schulkinder, 15 Prozent aller 15- bis 19-Jährigen, 30 Prozent der über 60-Jährigen und 50 Prozent der über 65-Jährigen mit Schwerhörigkeit. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt eine Reihe von Behandlungsmethoden zur Verbesserung der Kommunikationsfähigkeit bei Hörverlust. Dazu zählen auch Hörimplantate.

Über das Unternehmen

Das österreichische Familienunternehmen wurde von den Ingeborg und Erwin Hochmair gegründet, deren Forschung zur Entwicklung des ersten mikroelektronischen, mehrkanaligen Cochlea-Implantats (CI) führte, das 1977 eingesetzt wurde und die Basis für das moderne CI von heute bildet. Damit war der Grundstein für das Unternehmen gelegt, das 1990 die ersten Mitarbeiter_innen aufnahm. Heute hat MED-EL weltweit mehr als 1.900 Beschäftigte in 30 Niederlassungen. Menschen in 121 Ländern hören mithilfe eines Produkts dieses Unternehmens.  Zu den Hörlösungen von MED-EL zählen Cochlea- und Mittelohrimplantat-Systeme, ein System zur Elektrisch Akustischen Stimulation, Hirnstammimplantate sowie implantierbare und operationsfreie Knochenleitungsgeräte.

www.medel.com