Kiku
04.05.2018

Gedenken, weil damals zu wenig gedacht wurde?!

Text von Hannah Oppolzer (18), basierend auf der Biographie des Nazi-Opfers Jožek (Josef) Kokot, eines Kärnter Slowenen.

Es ist der Name, der mir Brücken schlägt zu jener Vergangenheit. Der Hinweis auf die Individualität, die sich trotz der Kollektivvernichtung, die diesen Ort kennzeichnete, bewahrt hat. Die Buchstaben alleine lassen nicht auf seine Persönlichkeit, seine Eigenarten, seinen Charakter schließen – sie klingen fremd und ausländisch, aber genauso fremd bin ich an diesem Ort des Gedenkens.
Ich, die ich nie wissen werde, wie es sich anfühlte für ihn. Ich, die ich nur versuchen kann, nachzuvollziehen, was an diesem Ort geschah. Aber etwas verändert sich, wenn ich den Namen lese, wenn ich dem Klang der Buchstaben lausche. Es ist ein Zusammenschmelzen von Gegenwart und Vergangenheit. Denn plötzlich bekommt all das, was ich über diese Gräueltaten gehört habe, eine Bedeutung. Plötzlich kenne ich ein Gesicht zu den Fakten und Zahlen und alles wird greifbarer.

Ich habe das Gefühl, die Bahnen der Zeit zu durchbrechen. Meine Schritte auf kantigem Stein, den vielleicht er mit dürren Händen gelegt hat. Meine Hände auf der Mauer, die ihn von dem Menschen trennte, als der er geboren wurde, und ihn zu jener Nummer machte, als die er zu sterben genötigt war.
Ich sehe den Namen und weiß, dass sich dahinter ein Leben verbarg, das auszulöschen niemand das Recht hatte. Und ich stehe hier an diesem Ort des einstigen Schreckens und überlege, was er wohl für ein Mensch war. Seine Lieblingsfarbe will ich wissen und ob er lieber Äpfel oder Birnen gegessen hat.

Ich weiß nicht viel über ihn, aber ich denke, der größte Unterschied zwischen ihm und mir liegt wohl in der Zahl der Möglichkeiten: Ich habe eine Perspektive, ein Leben, eine Zukunft; ihm aber wurde seine zerstört, bevor er danach greifen konnte. Wer hat das Recht, jemandem die Zukunft zu stehlen?

Wer hat das Recht, jemandem das Privileg zu verwehren, eines natürlichen Todes zu sterben? Denn bei ihm hat der Tod all seine Natürlichkeit verloren. Er ist Opfer einer Zeit geworden, die Leben wie Lebensmittel abgewogen hat – zur falschen Zeit am falschen Ort, die falsche Nationalität, die falsche Sprache.
Wir sind es gewohnt alles zu kategorisieren. Wir haben Vorstellungen von gut und schlecht, richtig und falsch. Aber wir müssen verhindern, dass Menschen selbst dieser Wertung unterzogen werden. Wir dürfen nicht zulassen, dass wir Leben gegen Leben abwiegen und wir müssen ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass wir nicht alles tun dürfen, was wir können und, dass wir noch lange nicht das Recht haben, Macht über andere auszuüben, nur weil wir die Mittel dazu besitzen.

Die Gedenkstätte Mauthausen ist ein stiller Ort und vielleicht muss er heute so still sein, weil er damals so laut war, so tobend, so fürchterlich. Vielleicht müssen wir heute gedenken, weil damals zu wenig gedacht wurde.