Szenenfoto aus "Paradise now (1968 - 2018)

© photo.vog

Kiku
07/02/2019

Geballte Energie und Kraft des Veränderungswillens

13 Jugendliche der belgischen Gruppe fABULEUS reanimiert das „Skandal“-Stück „Paradise Now“ aus dem Jahr 1968.

von Heinz Wagner

Wowh! Pääämmmmm! Fast sprachlos kamen so manche  Besucher_innen Samstagabend aus den Kammerspielen. Was sie gesehen, nein erlebt hatten, war geballte Power pur. 13 Jugendliche schienen vor Energie fast zu explodieren und steckten viele damit an. Energie an Tanzbewegungen. An Worten. An Bildern. Und an (gesellschafts-)politischen Statements. „Paradise Now (1968 – 2018)“ von der Gruppe fABULEUS (Belgien) spielt, tanzt und performt einerseits sozusagen ein Remake des gleichnamigen Stücks aus dem Jahr 1969 des American Living Theatre im französischen Avignon – samt einem Teil dessen, das damals als Provokation aufgefasst und in die Theatergeschichte eingegangen ist: Nacktheit beim Klettern in die Reihen des Publikums.

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Jahre im Zeitraffer von "Pressebildern"

Zunächst aber begann die rund eineinhalbstündige Show eher fast bieder, aber doch einprägsam. Der Klammerausdruck der den Originaltitel ergänzt, begann eben im Jahr 2018. Zum 50. Jahrestag des 68er-Jahres hatte die belgische Gruppe aus jugendlichen Tänzer_innen samt ihrem Choreografen, der einst selbst als Jugendlicher bei fABULEUS getanzt hatte, dieses Stück herausgebracht. Einerseits Hommage an das Revolutionsjahr, andererseits Reflexion, was ist daraus geworden.

Von 2018 an rückblickend suchte die Gruppe jeweils ein wichtiges Ereignis des jeweiligen Jahres und inszenierte dazu eine Art lebendiges Standbild eines „Pressefotos“. Dabei reichte der Bogen von politisch brisanten wie dem tot an den Strand geschwemmten kurdischen Flüchtlingsbuben Alan Kurdî, die Verhaftung des Kurd_innen-Führers Abdullah Öcalan, die Misshandlungen von Gefangenen durch US-Soldaten in Abu Ghraib, Verhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern … bis zu popkulturellen Jahre-Highlights wie die Schlüsselszene aus dem Film Titanic oder „Oops I did it again“ von Britney Spears oder von Computererfindungen oder dem Boxkampf des (vorigen) Jahrhunderts zwischen Muhammed Ali und Joe Frazier.

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Direkter Austausch mit dem Publikum

Zurück eben bis 1968 – mit Zitaten rund um Revolution, Aufstand. Doch was ist daraus geworden? Texte zur Hoffnungslosigkeit aus dem Original werden durch die geballte Energie und Kraft der jugendlichen Tänzer_innen, die hier nun fast zu Aktivist_innen werden, konterkariert. Mit der Hoffnung, dass in 50 Jahren beim nächsten Remake vielleicht mehr von der Hoffnung bleibt, weil sich mehr zum Positiven verändert, mehr von den Forderungen, Wünschen und Sehnsüchten erfüllt worden sein wird. Immerhin ließen sich so manche aus dem Publikum dazu bewegen, aus ihren bequemen Sitzen zu erhebe, um sich den Jugendlichen auf der Bühne anzuschließen, sich auf den Bühnenboden zu legen und den gesellschaftspolitischen starken Ansagen der Tänzer_innen aufmerksam zuzuhören.

Infos: Was? Wer?

Paradise Now (1968-2018)
Nach dem gleichnamigen Stück des Amerikanischen Living Theatre aus dem Jahr 1968
fABULEUS (Belgien)
Ab 16 Jahren, 1 ½ Stunden

Choreografie: Michiel Vandevelde
Darsteller_innen: Zulaa Antheunis, Sarah Bekambo, Jarko Bosmans, Bavo Buys, Wara Chavarria, Judith Engelen, Abigail Gypens, Lore Mertens, Anton Rys, Margot Timmermans, Bo Van Meervenne, Esra Verboven, Aron Wouters
Kostüm: Lila & John
Dramaturgie: Kristof van Baarle
Technische Unterstützung: Bregt Janssens
Produktionsleitung: Kathleen Vogelaers