Der Autor, die Gebärdendolmetscherin und der Schauspieler, der den Text vorträgt

© Heinz Wagner

Kiku
12/03/2019

Franziska und die Waschmaschine

Gewinner beim Literaturpreis "Ohrenschmaus" 2019, Gert Baumgartner.

Franziska kauft sich eine neue Waschmaschine

Die Waschmaschine steht im Badezimmer. Franziska schließt die Waschmaschine an, vergisst aber die Sicherung raus zu nehmen.

Die Waschmaschine hüpft gleich aus dem Fenster und haut ab.

Franziska rennt der Waschmaschine hinterher.

Die Waschmaschine will nicht mehr in die neue Wohnung.

Die Waschmaschine schreit: „ Lass mich in Ruhe, Franziska!“

Die Waschmaschine rennt zum Teich runter.

Franziska stürzt und die Waschmaschine lacht sie aus.

Franziskas Kleidung ist dreckig und sie kann sie nicht waschen, weil ihre Waschmaschine abgehauen ist.

Franziska versucht, die Waschmaschine einzuholen. Doch sie rennen um die Wette.

Die Waschmaschine hat keine Augen und klescht an einen Baum.

Franziska sagt: „Und, hat das weh getan?“

Franziska lacht die Waschmaschine aus.

Die Waschmaschine kriegt einen Wutanfall. Sie fängt an, ganz heiß zu waschen. Um sich zu rächen lässt sie Franziskas Wäsche eingehen.

Franziska kniet sich vor die Waschmaschine und fleht sie an, es nicht zu tun. Sie sagt: „Komm wieder nach Hause!“

Die Waschmaschine sagt: „Lass mich in Ruhe!“
Die Waschmaschine und Franziska gehen getrennte Wege.

Franziska geht eine Runde spazieren, setzt sich auf eine Bank und denkt über ihr Leben nach.

Die Waschmaschine findet ein altes, verlassenes Haus. Dort wohnt sie dann.

Franziska sagt:“ Die Waschmaschine soll dort bleiben, wo sie will. Ich brauche sie nicht!“

Franziska kauft sich eine neue Waschmaschine und fragt gleich nach, ob sie wegrennen kann oder nicht.

Sie probiert es im Geschäft aus und gibt der neuen Waschmaschine einen Tritt. Die Waschmaschine bleibt ruhig stehen.

Der Verkäufer versichert: „Die kann nicht gehen“ Die bleibt ruhig.“

Franziska ist mit ihrer neuen Waschmaschine glücklich und zufrieden. Sie kann wieder ihre Wäsche waschen.

Jetzt lacht Franziska uns hat eine Freude. Sie wäscht zwanzig Hosen und zwanzig Hemden. Vor lauter Freude hat sie vergessen den Schlauch rein zu tun. Es gibt eine kleine Überschwemmung im Bad.
Sie muss alles aufwischen und dann ist sie wieder zufrieden.

Happy End!

geschrieben von
Gert Baumgartner

Autor des Textes über eine davonlaufende Waschmaschine, Gert Baumgartner ...

... beim Vortrag seines Textes ...

...

...

...

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... Jurorin Eva Jancak begründete, weshalb die Jury diesen Text so gut fand ...

... Ehrung des Autors ...

...

Jury-Begründung und Laudatio

Und da hätte ich gedacht, dass der Text von einer Frau geschrieben wurde und der Franziska, der ihre Waschmaschine auf und davon rennt und sie mit ihrem dreckigen Wäscheberg zurücklässt, eine weibliche Autorin zugeschanzt, denn Wäschewaschen, Kuchenbacken, Suppenkochen gehören ja in die Domäne der Frauen. So war es zumindest einmal und ich habe vor kurzem erst in einem Roman, der Bestsellerautorin Ildiko von Kürthy von einem Sohn gelesen, der seine Mutter entsetzt anruft, weil er nicht weiß, wie er die Waschmaschine in seiner Studenten-WG bedienen muss und die Mutter geht nicht ran, weil sie gerade andere Sorgen hat. Aber nein, der 1983 in der Steiermark geborene und seit den Neunzigerjahren in Wien lebende Gert Baumgartner ist ein Mann und offenbar ein neues Talent des „Literaturpreises Ohrenschmaus“, wo wir Juroren immer sehr froh über neue frische Stimmen sind. Sein liebster Filmstar ist David Hasselhoff, schreibt Gert Baumgartner und, dass er einmal in der Woche eine Radiosendung aufnimmt, in der auch mitredet, denn er interessiert sich für Stars, Film, Kino und Musik und hat nun einen Text geschrieben, der durch seine Sprache aufhorchen und uns beinahe in die Gefilde des phantastischen Realismus eindringen lässt. Geht es da doch um Franziska, die sich eine neue Waschmaschine kauft, weil ihre Wäsche dreckig ist, aber beim Anschluss im Badezimmer vergisst, die Sicherung herauszunehmen, worauf die Maschine gleich aus dem Fenster hüpft.

„Uje, uje!“, sagen wir da nur und beobachten Franziskas Wettlauf mit dem eigensinnigen Maschinending.

„Komm wieder nach Hause!“, fordert sie sie auf, aber die Maschine lacht nur und klescht, weil ja Augen-los gegen einen Baum.

„Lass mich in Ruhe!“, fordert sie Franziska auf und ihre Wege trennen sich, so dass Franziska nichts anderes über bleibt, als über ihr Leben nachzudenken und sich eine neue Waschmaschine zu kaufen, die ganz ruhig bleibt, so dass Franziska alle ihre Wäsche, zwanzig Hosen und zwanzig Hemden, waschen kann. Wenn das Leben mit seinen Problemen nur so einfach wäre. Ist es natürlich nicht, denn Franziska hat vergessen den Schlauch anzustecken, so dass  erst eine kleine Überschwemmung weggewischt werden muss. Bis es zum Happy End kommt und alles wieder clean und sauber und alle glücklich sind! In kurzen knappen Sätzen führt uns Gert Baumgartner durch den fast surreal anmutenden Text in dem es mehrere überraschende Wendungen, von der zu Fleiß zu heiß gewaschenen Wäsche bis zu dem Haus, das die Waschmaschine findet, um dort fortan ihr neues offenbar wäscheloses Leben zu führen, gibt.

Eine spannende Welt in die uns Gert Baumgartners Text hineinführt, der sich vielleicht auch seine Wäsche selber wäscht, über den sich sehr viel nachdenken lässt.

Ich gratuliere wirklich sehr!

Eva Jancak

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