© Bettina Frenzel

Kiku
12/12/2019

Dieser körperliche Einsatz geht unter die Haut

makemakeproduktionen machen in „Das große Heft“ Brutalität am „Rande des Krieges“ mit vielen Sinnen spürbar.

von Heinz Wagner

Zwei Kinder, eigentlich schon im Übergang zu Jugendlichen – im Originalbuch zwei Buben, in dieser Theaterversion zwei Mädchen – werden in einem Krieg aufs Land gebracht. Hier fallen weniger Bomben und es gibt Nahrungsmittel. Aber eine sie und offenbar alle hassende, verhärmte Großmutter. Schläge mit ihren knochigen Händen sind ebenso an der Tagesordnung wie harte (Kinder-)Arbeit.

Um selbst keinen Schmerz mehr empfinden zu müssen, beginnen die beiden Jugendlichen einander durch gegenseitige Schläge abhärten zu wollen. Die körperlichen Abhärtungsversuche ergänzen sie durch psychische – ärgste andauernde wechselseitige Beschimpfungen. Auch die Erinnerungen an (früh-)kindliche liebevolle Worte wollen sie auslöschen. Und sich durch freiwilliges totales Fasten ans Hungern gewöhnen … Die Grausamkeiten von Krieg und seinen Auswirkungen bis ins letzte Gefühl werden von Ágota Kristóf vielleicht in diesen Passagen noch viel plastischer als n den reinen von außen zugefügten Gewaltszenen.

 

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Und in der Bühnenversion im Kosmos Theater von makemake produktionen (Regie Sara Ostertag) fürs Publikum praktisch mit allen Sinnen erfahrbar gemacht. Die Darstellerinnen und Darsteller spielen mit ärgstem körperlichen Einsatz. Martina Rösler gibt die eine Zwillingsschwester gehör- und sprachlos ärgstens, wild tanzend, Jeanne Werner die „zweite“ Hälfte „fast“ blind mit verklebten Augen als Textmaschine.

Es fängt aber schon beim Vergrabensein in der mit 15 Tonnen vollgeschütteten sandigen Erde zu Beginn an, aus der sie sich der Reihe nach rausbuddeln oder freigelegt werden bis hin zur die meiste Zeit auf allen vieren wie ein Hund agierenden Michèle Rohrbach – samt Spiel mit einem echten Hund, der einen Kurzauftritt hat.

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Genial die musikalische, geräuschmäßige Dauerbegleitung, -untermalung, -kommentierung durch die Live-Musikerin Jelena Popržan, in wenigen Szenen ergänzt um das Geigenspiel der 11-jährigen Emma Wiederhold, die vor allem in Tanzstücken schon Bühnenerfahrung hat.

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Die Verausgabung, hochspringen in den Sand fallen lassen, aus- oder wieder eingegraben zu werden, sich mit fast unzähligen Farbbeuteln zu bewerfen, gepaart auch mit dem Geruch der sandigen Erde, der Musik, den vielen bewusst und passend erzeugten Geräuschen, vermitteln die Brutalität dessen, was Krieg auch „am Rande“ erzeugen kann und tut. Der umfassende und doch in seiner Sprache meist sehr knapp gefasste Text überlagert vielleicht phasenweise das unmittelbar sinnliche Erleben.

Besser wäre es sicher, den Text der ungarischen, 1956 in die französischsprachige Schweiz geflüchteten Autorin, schon vorher gelesen zu haben. Gestehe, ich hab’s erst danach getan.

Follow@kikuheinz

Das große Heft
nach dem Roman von Ágota Kristóf
Koproduktion makemake produktionen & Kosmos Theater
Dauer: ca. 80 Minuten

Regie: Sara Ostertag

Mit:
Eine Zwillingsschwester: Martina Rösler
Eine Zwillingsschwester: Jeanne Werner
v.a. Cousine: Emma Wiederhold
Simon Dietersdorfer
Großmutter: Martin Hemmer
Live-Musik, -Gesang, -Geräusche: Jelena Popržan
Michèle Rohrbach

 

(Live-)Musik: Jelena Popržan
Bühne: Nanna Neudeck
Maske/Bodypainting: Nadja Hluchovsky
Dramaturgie: Anita Buchart
Choreografie: Martina Rösler
Produktion: Julia Haas

Regieassistenz: Lisanne Berton
Hospitanz: Elena Lynch

Aufführungsrechte: Original © Éditions du Seuil, Paris, 1986 (Übersetzung: Eva Moldenhauer, BEBUG mbH / Rotbuch Verlag, Berlin)

Wann & wo?
Bis 14. Dezember 2019
Kosmos Theater: 1070, Siebensterngasse 42
Telefon: (01) 523 12 26
kosmostheater.at

makemake.at

events.at

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