Blick auf einige Gesichter der Mitwirkenden

© Toihaus/Biller

Kiku
04/22/2020

Aus einer Art Proben-Tagebuch für „Die guten Tage“

Regisseurin, Schauspieler_innen und die Musiker_innen beschreiben Eindrücke über die Proben via Distanz bzw. Kamera und Monitor.

Erster Tag des Shut-Down, 16. März 2020: Heute beginnt die erste Probenwoche unserer Produktion „Die guten Tage“ am Toihaus Theater: Gemeinsame Leseprobe, Besprechung der Kostüme, der technischen Installationen von Video und Sound, Einrichtung der Probebühne, weitere Ideen sammeln für die Inszenierung – der Beginn einer Theaterproduktion normalerweise. Doch es kommt alles anders, die Einschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie betreffen auch uns unmittelbar: Zur Eindämmung der Ansteckungsgefahr wird die Anzahl der sozialen Kontakte stark reduziert, daher dürfen auch keine Proben an einem gemeinsamen Ort stattfinden. Sämtliche künstlerische Zusammenarbeit ist ab sofort nur noch online möglich.

An der Uraufführung des Romans „Die guten Tage“ von Marko Dinić (Zsolnay, 2019) arbeiten fünf Künstler*innen: Die zwei Schauspieler Dominik Jellen und Max Pfnür gemeinsam mit der Musikerin Gudrun Plaichinger auf der Bühne, der Video- und Soundkünstler Fabian Schober als medialer Raum-gestalter, und ich Felicitas Biller, als Regisseurin.

Bis dahin hatte die Produktion bereits einen langen, arbeitsintensiven Vorlauf: Seit Herbst habe ich in Zusammenarbeit mit dem Autor Marko Dinić und in Austausch mit den Darsteller*innen eine Bühnen-fassung seines Debütromans erstellt, im November 2019 reiste unser Produktionsteam mit dem eigenen Auto zur Recherche nach Belgrad, einem zentralen Schauplatz des Romans, um dort Inspiration, Sound- und Bildmaterial für die Inszenierung zu sammeln.

Skype und Jitsi

Wir verlagern unsere Arbeit in den digitalen Raum, „treffen uns“ in Videokonferenzen via Skype oder Jitsi für Textproben, Konzeptionsgespräche und die dramaturgische Ausarbeitung der Figuren. Für die akustische Musik werden Lieder und Noten verschickt, die dann alleine geübt und anschließend online zusammengesetzt werden müssen. Aus der Isolation heraus versuchen wir, die verschiedenen Räume, in denen wir uns befinden, zu einem gemeinsamen Bühnenraum zusammenzuführen. Dabei sind wir vor allem stark auf die Technik angewiesen: Wenn die Internetverbindung streikt oder überlastet ist, kann es dauern, bis wir überhaupt loslegen können.

Auch wird der Probenprozess immer wieder durch Bild- oder Tonhänger gestoppt, was uns viel Zeit des Wartens abverlangt. Gänzlich neu ist die Erfahrung, dass es uns zudem unglaublich viel Kraft und Konzentration abverlangt, durch die Kamera und die Lautsprecher des Computers ein Feingefühl für das Gegenüber zu entwickeln. Teilweise brüllen wir uns an, da wir nicht wissen, wie laut wir sein müssen bzw. wie leise wir sein können, um noch bei den Anderen anzukommen.

Grenzenlos hat Grenzen

Trotz dreiwöchiger Isolation und digitaler Proben erreichen wir in unserer künstlerischen Arbeit einen Punkt: Die Stückentwicklung ist so weit fortgeschritten, dass der vermeintlich grenzenlose digitale Raum für uns seine Grenze erreicht, da in ihm eine intensive Endprobenphase nicht möglich ist. Wir brauchen die Bühne, einen gemeinsamen Raum, denn Theater ist und bleibt immer direkte soziale Interaktion: Der Spieler*innen untereinander, der Darstellenden mit dem Publikum, der Regie mit dem Team, der Institute mit ihrem Publikum. Nun ist klar: Es gibt in dieser Spielzeit keine Aufführungen mehr. Unklar ist, wann wir das Stück fertig produzieren können, sodass es in der nächsten Saison vor Publikum gespielt werden kann. Wir warten und harren aus, bis „Die guten Tage“ kommen.

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Unsere Stimmen – unsere Stimmung

„Es ist auf jeden Fall eine interessante Erfahrung, die ersten Probenwochen auf die Distanz zum Bühnenpartner, über die Webcam, intensiv am Text zu arbeiten. Dadurch kommt es zu einer tiefergehenden Auseinandersetzung mit dem Inhalt; einem wesentlich dramaturgischeren Arbeitsprozess für uns Schauspieler als üblich, die wir normalerweise – werden wir erst mal auf eine Probenbühne losgelassen – schnell anfangen, intuitiv aus der Szene heraus zu entwickeln, wobei dadurch oft die Meta-Ebene auf der Strecke bleibt. Trotzdem muss gesagt werden, dass das direkte Auge in Auge mit dem Partner, das feine Aufeinander-Reagieren, die Unmittelbarkeit, auf dem digitalen Weg nicht annähernd erreicht werden kann. Man bleibt Textabsondernder und im schlimmsten Falle Ständig-Wartender, bis der nächsten Internethänger überwunden ist. Wenn man also nicht gerade beabsichtigt, ein Hörbuch darzubieten, oder eine One-Man-Show hinzulegen, dann wird der Kontakt mit dem Partner auf Dauer unumgänglich sein.“
Max Pfnür

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Warten – eine persönliche Erfahrung

„Niemand wird mich von meiner Freude isolieren, Theater zu leben, zu spielen, zu denken, zu fühlen, zu zersetzen und neu zu ordnen. Beim Proben darf ich entdecken und neugierig sein. Das Warten schafft Bedingungen, die eine Erfahrung, ein Entgegenkommen ermöglichen. Es ist daher keine passive Verhaltensweise, sondern kreatives Tun. Warten bedeutet sich auf eine Ankunft vorzubereiten und den Ankommenden Raum zu bieten. In diesem Sinne ist jede unserer Proben ein Warten, jedes Hören oder Spielen von Musik ist ein Warten. Es gibt sich darin etwas zu erkennen. So kommt mir immer wieder und immer neu etwas entgegen, das ich nicht von mir aus machen kann, das sich mir aber als ein Geschenk mitteilt. Warten bedeutet, der Welt die Chance zu geben, mehr zu sein als bloß die Summe meiner Wünsche und Vorstellungen. Das Warten auf ‚Die guten Tage‘ ist kein Zustand, sondern eine persönliche Erfahrung.“
Dominik Jellen

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Von mir selbst gestört

„Als Regisseurin beobachte ich stets mein Gegenüber und konzentriere mich voll und ganz auf den Raum, den die Figuren um mich herum und auf der Bühne erzeugen. Beim Proben via Webcam beginne ich ebenso mein eigenes Spiegelbild, das mir von meinem Bildschirm entgegengeworfen wird, zu beobachten. Somit lenkt mich mein Selbst vom Beobachten ab, ich werde von mir selbst gestört – eine entfremdende Erfahrung.“
Felicitas Biller

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Kunst und Publikum brauchen einander

„Lasst uns darüber reden, welche Konsequenzen wir setzen. Die Kunst ist viel zu abhängig von Subventionen. Künstler*in sein ist Beruf und Berufung. Kunst definiert sich im direkten Kontakt mit dem Publikum. Sie brauchen einander. Kunst online ist der Tod. Ich habe fünf Studien hinter mir, unter anderem Barockgeige: Hier wurde mir so bewusst, dass Kunst stets der Diskrepanz ausgesetzt war zwischen Mäzenentum und Gehorsamkeit, versteckter Kritik und offener Provokation. Nur Musik, die uns zum Tanzen bringt, unsere Herzen frei und unbeschwert macht, setzt sich darüber hinweg. Wenn wir diese Mischung in ‚Die guten Tage‘ schaffen, sind wir top.“
Gudrun Plaichinger

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Stützt meine Arbeitsweise

„Ich beobachte als Satellit ‚Die guten Tage‘ aus ihrer Umlaufbahn. Die Krise hindert mich nicht in meiner Funktion als Aufbereiter und Vorbereiter, jedoch sehe ich meine Gefährten ungewohnt viel öfter im digitalen Raum, was meine Arbeitsweise stützt.“
Fabian Schober

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