Kiku
03.04.2018

Traum-Tagebücher: Arzt oder Feuerwehrmann, Lehrerin und Journalist

Drei Kinder, die mit ihren Eltern aus Syrien nach Wien flüchten konnten, erzählen über ihre Traumberufe – „Dream-Diaries“.

Er strotzt vor Energie – und Fantasie, Ayham Alzahabi. Der 8-Jährige flirtet seine Mutter an, doch noch ein bisschen mit seinem Handy spielen zu dürfen, „nur noch ein biiiisscheeeen!“. Seinem Charme und Witz kann sich kaum jemand entziehen. Computerspiele liebt er – mit dem einen oder anderen träumt er sich in seine Lieblingsrolle, Superheld zu sein „wie Wonder Woman. Ich würde die Kämpfe in Syrien beenden und dann würde ich zurückgehen und alles küssen, wirklich alles, auch die Bananen und die Wassermelonen“.

Letzteres ist ein Zitat aus einem der Videos, die zwei niederländische Social-Media-Influencer, Debra Barraud und Annegien Schilling, für das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen, UNHCR, mit mehr als zwei Dutzend Kindern und Jugendlichen in fünf europäischen Ländern gedreht haben. Sie befragten Kids, die vor allem aus Syrien, Afghanistan und Somalia geflüchtet waren – aber weniger über ihre dramatischen Erlebnisse, die sie aus ihren Heimatländern vertrieben haben und jenen, denen sie auf der Flucht ausgeliefert waren, als vielmehr nach ihren Träumen. Dream-Diaries heißt das Projekt.

Ayham Alzahabi
Ayham Alzahabi

Reiche Fantasie

Der eingangs genannte Wiener Volksschüler ist voller Träume - und fantasievoller Geschichten. In die taucht er mitunter so stark ein, dass seine Lehrerin in Syrien die Mutter, eine Mathe-, Physik- und Chemie-Lehrerin, anrief und nachfragen musste. Gleichzeitig springt er nicht nur körperlich, sondern auch geistig ständig hin und her. Auf die Frage nach seinem Traumberuf beginnt er bei „Arzt – für Augen, weil ich helfen will, gut zu sehen“, um in der nächsten Sekunde zu sagen, „aber helfen kann ich auch als Feuerwehrmann – und das ist sicher noch viel cooler!“

Naya Alzahabi

Lehrerin, aber erst seit Österreich

Naya ist 14 und das mittlere der drei Alzahabi-Kinder. „Ich will Lehrerin werden“, ist sie sich ziemlich sicher, „für Englisch und vielleicht auch für Mathematik, aber erst seit ich in Österreich bin, weil bei uns in Syrien waren viele Lehrerinnen und Lehrer viel strenger, nicht selten haben sie auch Kinder geschlagen. Und so eine Lehrerin will ich nicht sein.“

Mirvat, genannt Marry, die Mutter ergänzt: „Ich war bei Ayham zwei Mal in der Schule und hab der Lehrerin gedroht: Don’t touch my son! (greifen Sie nicht meinen Sohn an!)“

Auch wenn sie sich in Österreich nun frei und glücklich fühlt, plagt sie immer wieder die Sorge bei Gedanken an ihr erstes Heimatland. „Manchmal fühle ich mich schuldig, weil meine Freunde noch in Syrien sind. Sie haben keinen Strom, kein fließendes Wasser und ich bin in Sicherheit.“ Etwas, das auch von Überlebenden des Holocaust bekannt ist.

Journalist

Naya besucht das Gymnasium Geblergasse - wie ihr älterer Bruder Amr, der am Tag des KiKu-Besuchs bei der Familie gerade seinen 16. Geburtstag feierte. Sein Traumberuf ist Journalist, „seit ich so ungefähr 13 oder 14 war.“

Im UNHCR-Video, das den Kinder-KURIER zum Besuch veranlasste, erzählt er: „Ich erinnere mich an die Bomben, die Geräusche, die sie machten. An Raketen und Waffen. Es war wirklich schrecklich. Und laut. Wirklich laut. Dinge über Syrien zu hören ist interessant für mich. Ich habe so viele Geschichten über Syrien im Internet gesehen und es ist nicht einfach herauszufinden, ob sie stimmen. Die Menschen müssen die Wahrheit erfahren und Journalisten können das leisten. Deswegen möchte ich Journalist werden.“

Und so ist das KiKu-Geburstagsgeschenk“ ein Reinschnuppern n diesen Job. Amr begleitete den Kinder-KURIER zur Preisverleihung des mehrsprachigen Redebewerbs „SAG’S MULTI!“. Seinen Beitrag darüber schloss er mit „ich will es vielleicht nächstes Jahr selber probieren“, daran teilzunehmen. In der Karwoche besuchten alle drei mit dem KiKu eine presse-Vorführung des Films „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ nach dem fantasievollen Roman von Michael Ende. Und wie schon bei einem anderen Kinobesuch – „Mein Freund, die Giraffe“ – schickte Ayham, der Jüngste der Familie, eine fantasievolle Zeichnung, die nun die Filmkritik ziert.

Übrigens noch kurz zu den Eltern: Mutter Mirvat, genannt Marry, steckt gerade in einem Deutschkurs und möchte natürlich wenn geht auch hier als Lehrerin arbeiten. Vater Mohammad, der in Syrien Elektrofachgeschäft betreib, kann in Wien mehrmals in der Woche in der „Klaviergalerie“ kochen.

Kinder und Mutter mit Kiku-Heinz

Hintergrund

Genau wie der von Millionen anderer Flüchtlinge war auch der Weg von Familie Alzahabi nach Europa voller Gefahren. Übrigens: Mehr als die die Hälfte aller Flüchtlinge 2016 waren Kinder. „Von unserer Reise erinnere ich mich am besten an das Schlauchboot“, erzählt Amr. „Die Überfahrt hat fünf Stunden gedauert. Der Motor ist ein paar Mal ausgegangen. Es war Mitternacht. Wir haben alle unsere Telefone zum Navigieren benutzt. Wir sind von der Türkei aus nach Griechenland gefahren. Ich erinnere mich hauptsächlich an das viele Gehen. Ich erinnere mich an den Schlamm, die Kälte und den ständigen Regen. Ich habe nicht viel gegessen. Als wir endlich in Österreich ankamen, war ich so glücklich, dass das stundenlange Gehen endlich ein Ende hatte.“

Jetzt, in Österreich, geht Amr zur Schule und hat viele neue Freunde gefunden. „An meinem ersten Schultag hier war ich sehr nervös. Die Kinder in meiner Klasse haben mir viele Fragen zu Syrien und dem Krieg gestellt. Es hat mir nichts ausgemacht, meinen Klassenkameraden von meinem Leben in Syrien zu erzählen. Ich habe ihnen von Aleppo erzählt, vom Krieg und von Falafel – weil Falafel in Syrien wirklich gut ist. Ich habe schon viele Freunde hier, aber manchmal vermisse ich meine Freunde in Syrien.“

Die vier Autor_innen der Dream Diaries reisten in 16 Tagen mehr als 7.000 Kilometer durch Europa, um die Träume von Kindern wie Ayham, Naya und Amr einzufangen. „Wenn Kinder aus ihren Heimatländern fliehen müssen, lassen sie alles zurück, außer ihren Hoffnungen und Träumen“, sagt Debra Barraud, deren Humans of Amsterdam-Fotoprojekt knapp 500.000 Follower hat. „Das Projekt hat uns gezeigt, welche Kraft in diesen Kindern steckt. Mit der richtigen Unterstützung können sie alles erreichen.“

Forderungen

Das Projekt will aber nicht nur die Träume und Hoffnungen von einem Dutzend Kindern und Jugendlichen in den Niederlanden, Belgien, der Schweiz, Österreich und Deutschland zeigen. UNHCR möchte auch, dass möglichst viele die die Fotos und Videos anschauen, die #WithRefugees-Petition unterzeichnen. Diese fordert Entscheidungsträger_innen dazu auf, Flüchtlingen Sicherheit, Bildung und Chancen zu ermöglichen – um ihre Träume wahr werden zu lassen.

Zu den "Traum-Tagebüchern"

#withrefugees