Kiku
27.11.2018

100 Jahre Schlaf – Strafe oder Wohltat

„gestochen und weg“ geht von „Dornröschen“ aus und macht daraus ein multimediales musikalisch-optisches Erlebnis im Dschungel Wien.

Rund um und zwischen zwei große dreieckige Plüschteppiche als Sitzfläche für das Publikum ein graugesprenkelter Teppichboden (Raum: Nora Schedl). Am Ende des schrägen Mittelgangs nimmt die Erzählerin auf einem Stuhl Platz und liest die Erzählerin Sonja Kreibich das Märchen „Dornröschen“ vor – „in ursprünglicher Gestalt nach der Oelenberger Handschrift von 1810“. Der Kern der Story ist derselbe wie die meist bekannteren, neueren Versionen: Die nicht zum großen Fest eingeladene 13. Fee rächt sich, indem die Prinzessin sich, neugierig den Turn durchforstend, an der Spindel in der kleinen Kammer sticht. Die anderen zwölf Feen verhindern den Tod indem sie ihn in einen 100-jährigen Schlaf abmildern. Nur die Vorgeschichte ist eine neue/andere. Die Prinzessin badet im Fluss und ein Krebs spricht sie an...

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Geräusche aus Musikinstrumenten, Musik mti der Stimme

Vielleicht ist der Fluss der graue Teppich zwischen den orangefarbenen Plüsch-Dreiecken in „gestochen und weg“, einem Musiktheater von Elisabeth Schimana als Koproduktion von „netzzeit“, Dschungel Wien und Wien Modern (noch bis 30. November 2018)?

Hinter weißen, durchscheinenden Vorhangbahnen sitzen erhöht zu beiden Seiten der Publikumsfläche vier Musikerinnen vom Ensemble: airborne extended: Sonja Leipold (Virginal, Spinettino), Caroline Mayrhofer (Blockflöten, Paetzold), Doris Nicoletti (Querflöten), Elisabeth Plank (Harfe). Alle vier entlocken mit unterschiedlichsten Techniken ihren Instrumenten im ersten Teil allerdings kaum musikalische Länge, sondern gekonnt verschiedenste Geräusche. Die erinnern an mechanische Maschinen – vielleicht Webstühle als technische Fortsetzung der Spindel.

Dazu gesellt sich Stimmakrobat Christian Reiner als Erzähler, der einen assoziativen Text von Ann Cotten sehr zerhackt und doch recht melodiös vorträgt und der bei Mikroben und Einzellern beginnt - und mehr oder minder die gesamte Geschichte der Lebewesen auf dem Planeten langsam durchrast. Ob der Krebs aus dem Intro der alten Märchenversion dabei Pate gestanden ist?!

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Von Pubertät bis Rollenklischees

Ausgehend von der möglichen Interpretation, dass die Prinzessin diesen Stich, bei dem natürlich Blut fließt, nicht zufällig an einem Geburtstag zu Beginn der Pubertät erleidet, befasst sich der Text auch mit diesem Thema und weiterführenden Assoziationen. Nicht zuletzt auch mit der Infragestellung von Geschlechter-Rollenzuschreibungen.

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Weg-Träumen?

Zu Musik, aus Instrumenten entlockten Geräuschen und den Sprachmelodien gesellen sich rund um die Mitte der rund 50-minütigen Performance auch virtuelle optische Projektionen. Anfangs wirken sie wie stilisierte Landschaften und werden zunehmend von eher psychedelisch wirkenden Farbenspielen abgelöst (Markus Wintersberger). Dieser 100-jährige „ Schlaf“ – der Erzähler trägt dabei eine VR-Brille (seine Bilder sehen wir) – mag vielleicht einladen, sich auf dem plüschigen Boden hinzulegen und sich in diesen Entspannungszustand einzulassen. Sozusagen eine Wohltat im Gegensatz zur Bestrafung für Prinzessin und Hofstaat des Märchens. Irgendwie wirkt diese Phase jedoch deutlich zu lang geraten.

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Infos: Was? Wer? Wann? Wo?

gestochen und weg
Eine Reise in eine virtuelle Klang- und Bilderwelt
Musiktheater von Elisabeth Schimana, basierend auf Grimms Märchen „Dornröschen“ nach der Oelenburger Handschrift von 1810 (2017-2018)
Produktion netzzeit 2018 in Koproduktion mit Dschungel Wien und Wien Modern
ab 14 Jahren, ca. 50 Minuten

Konzept, Musik: Elisabeth Schimana
Text: Ann Cotten
VR-Projektionen: Markus Wintersberger
Raum: Nora Scheidl
Märchen-Erzählerin: Sonja Kreibich
Erzähler: Christian Reiner
Ensemble: airborne extended / Sonja Leipold (Virginal, Spinettino), Caroline Mayrhofer (Blockflöten, Paetzold), Doris Nicoletti (Querflöten), Elisabeth Plank (Harfe)
Technik: Peter Venus

Wann & wo?
Bis 30. November 2018
Dschungel Wien, 1070, MuseumsQuartier
Telefon: (01) 522 07 20-20
www.dschungelwien.at
www.netzzeit.at
www.wienmodern.at

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