"Anekdotisch gibt es sicher Erfolge"
Sagt einer, der es wissen muss, denn er beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Österreichs Gesundheitssystem und dessen Untiefen sowie dem Unvermögen der handelnden Akteure, das teure, nicht effiziente und längst nicht mehr leistbare System neu auszurichten. Ernest Pichlbauer, Gesundheitsökonom und Hörern der Milchbar bestens bekannt, hält nichts von Kuren. Nicht, weil sie von der Bevölkerung so gut und gerne und das mehrfach angenommen werden und kosten, sondern weil sie laut Pichlbauer ihren Zweck nicht erfüllen.
Stein des Anstoßes ist ein Vorstoß der Dreierkoalition, die sich von mehr ambulanten Behandlungen statt mehrwöchigen stationären Aufenthalten in Heilanstalten eine Millionenersparnis für das Budget erhofft. Das Budget, das es gleich für zwei Jahre zu schnüren gilt, und das am 10. Juni von SPÖ-Finanzminister Markus Marterbauer vorgestellt werden soll. Bis zu 75 Millionen Euro sollen so jährlich eingespart werden - angesichts eines Sparbedarfs von über vier Milliarden Euro (Fiskalratschef Christoph Badelt) eine überschaubare Summe.
Doch die Aufregung über das Ansinnen ist groß und verhallt nicht. Auf der einen Seite die Befürworter des Status quo wie FPÖ-Gesundheitssprecher Gerhard Kaniak, die mehr ambulante Behandlungen als kontraproduktiv erachten und auf der anderen Seite Ökonomen wie Pichlbauer, die auf KURIER-Nachfrage wissen lassen: "Was wir in Österreich als Kur bezeichnen, kennt die internationale Wissenschaft in dieser Form überhaupt nicht." Effekte auf gesündere Menschen im Ausmaß der beantragten und bewilligten Kuren auch nicht. "Anekdotisch gibt es sicher Erfolge." Wie viele Kuren in Österreich bewilligt werden und warum Österreich ein Alleinstellungsmerkmal hat - das können Sie am Wochenende in aller Ruhe im Sonntag-KURIER nachlesen.
Was wir bereits jetzt wissen, ist, dass die Gesundheitsreform auf sich warten lässt. Bundeskanzler und ÖVP-Chef Christian Stocker stellt die eigentlich für Ende Juni und unter der Ägide von Landeshauptleute-Vorsitzenden Anton Mattle (Tirols ÖVP-Landeshauptmann) avisierten Pläne nun erst für Ende des Jahres in Aussicht. Die Reformpartnerschaft will nicht und nicht in die Gänge kommen, denn alles, was bisher publik geworden ist - allein im Bereich der Gesundheit - ist dürftig.
Dass es nicht um die großen Dinge und Finanzierungsströme geht, sondern mehr klein-klein und Klientelpolitik, das machen derzeit Apotheker- und Ärztekammer in ihren wechselseitigen Forderungen klar und warum was geht und was eben nicht. Die Ärzteschaft will künftig mehr Medikamente in den Ordinationen anbieten können, die Apotheker sähen sich dadurch ihrer geschäftlichen Grundlage entzogen. Dass ab kommendem Jahr in Apotheken geimpft werden soll, ließ wiederum vor Monaten die Mediziner Sturm laufen.
Dass es um fundamentale und notwendige Veränderungen geht, wenn die Gesundheitsversorgung in Österreich flächendeckend und zum Wohle aller und aller Einkommensschichten, das wird indes nicht angesprochen. Wir im KURIER tun dies. Machen Sie sich selbst und gerne ein Bild davon und haben Sie einen schönen Feiertag,
Johanna Hager