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Gesund
09/10/2019

Wenn das Schultergelenk plötzlich heftig schmerzt

Oft ist ein Sehnenriss die Ursache. Eine Orthopädin erklärt, warum man mit einer Behandlung nicht zuwarten sollte.

Die Orthopädin Nina Pühringer, Oberärztin an der II. Orthopädischen Abteilung im Herz-Jesu Krankenhaus in Wien, warnt davor, Schulterschmerzen zu ignorieren beziehungsweise dauerhaft mit Schmerzmittel zu behandeln.

KURIER: Stechender Schmerz in der Schulter nach einer ruckartigen Bewegung oder einem Sturz: Reichen da Schmerzmittel aus?

Nina Pühringer: Nur Schmerzmittel oder Infiltrationen allein können die Ursache dieser Schmerzen verschleiern. Bei akuten Schmerzen können die Patienten oft eine Ursache, z. B. einen Sturz, nennen, bei chronischen Schmerzen können sie dies oft nicht. Gerade bei älteren Patienten ist oft kein Unfall erhebbar, die Schmerzen kommen schleichend. Es können auch nur ungeschickte Bewegungen gewesen sein, etwa beim Tragen und Heben, oder beim Sport, sei es Tennis oder Kegeln etwa. Häufig ist die Ursache eines plötzlichen Schulterschmerzes ein Riss einer Sehne eines der vier Muskeln der Rotatorenmanschette, die das Schultergelenk stabilisieren und für die Beweglichkeit verantwortlich sind. Betroffene berichten häufig auch von verminderter Kraft und eingeschränkter Beweglichkeit. Klingt der Schmerz nicht innerhalb von sieben bis zehn Tagen ab, sollte man einen Orthopäden aufsuchen.

Warum soll man nicht länger zuwarten?

Der Orthopäde führt eine klinische Untersuchung durch, bei der er die Schulter genau abtastet, Schmerzpunkte lokalisiert, die Bewegungsfähigkeit prüft und vor allem die einzelnen Sehnen der Rotatorenmanschette genau testen kann. Bei Verdacht auf einen Sehnenriss wird eine Magnetresonanztomographie (MRT) durchgeführt, die einen Sehnenriss sehr gut darstellt. Eine frühzeitige Refixation (Annähen) der Sehne verbessert das postoperative Ergebnis. Denn mit fortschreitender Zeit zieht sich eine gerissene Sehne zurück und verfettet. Das macht dann ein Annähen sehr schwierig und das Risiko ist hoch, dass die Sehne neuerlich vom Knochen abreißt. Bei älteren Patienten mit irreparablen Sehnenschäden kann eine Schulterprothese oft der letzte Ausweg sein.

Wie wird dieser Eingriff durchgeführt?

An unserer Abteilung im Herz-Jesu Krankenhaus wird er minimalinvasiv mit der „Schlüssellochchirurgie“ durchgeführt. Die Schnitte sind ca. 4 mm groß. An einigen Abteilungen werden diese Eingriffe noch offen (großer Schnitt) durchgeführt. Durch einen Schnitt wird das Arthroskop (von griechisch arthros für Gelenk und skopein für schauen), ein spezielles Endoskop, mit der Lichtquelle und einer Kamera eingeführt. Durch andere Schnitte werden die chirurgischen Instrumente platziert und die Sehne am Oberarmknochen fixiert.

Wie lange sind die Patienten im Spital?

Im Herz-Jesu Krankenhaus können sie meist am Tag der Operation nach Hause gehen. Am Tag danach kommen sie zur Kontrolle und für einen Verbandswechsel ins Spital. Durch die kleinen Schnitte ist der Eingriff wesentlich schonender, auch die Rehabilitationszeit ist kürzer. Je nach Schwere der Sehnenverletzung ist es möglich, nach vier bis sechs Wochen wieder normale Bewegungen durchzuführen. Für die Patienten ist es angenehmer, bereits am Tag des Eingriffs nach Hause gehen zu können. Bei Schmerzen können sie jederzeit in der Nacht zu uns kommen – das kommt aber praktisch nie vor.

Und wenn die Sehne nur entzündet ist?

Dann kann man versuchen, mit schmerzlindernden und entzündungshemmenden Medikamenten sowie Physiotherapie eine Besserung zu erzielen. Bei einem Sehnenriss mit Schmerzen und Bewegungseinschränkungen wird die Arthroskopie aber auf jeden Fall empfohlen.

Dr. Pühringer am Telefon: (01 / 526 57 60): Do., 12. 9., 10 bis 11 Uhr; eMail: gesundheitscoach@kurier.at