© Kai Otto Melau

Gesund
08/16/2019

Die Triathletin und die Sportsucht

Interview: Flora Colledge über ihr hohes Trainingspensum und ihre Studie über die Droge Training.

Sie arbeitet am Department für Sport, Bewegung und Gesundheit der Universität Basel. Und: Sie zählt zu den besten Triathletinnen ihres Landes. Es gibt somit nur wenige Menschen, die sich für eine Studie über Sportsucht besser eignen als die Sportwissenschafterin Flora Colledge.

KURIER: Frau Colledge, sind Sie selbst sportsüchtig?

Flora Colledge: Nein, sportsüchtig bin ich nicht. Neben meiner Arbeit an der Universität trainiere ich sehr oft und sehr lang – bis zu drei Mal am Tag, bis zu 25 Stunden pro Woche. Ich schaffe das nur, weil ich meinem Körper Ruhe und Erholung gönne.

Sind Sie sich da sicher?

Ganz sicher. Wenn ich merke, dass ich Schmerzen habe oder am Kränkeln bin, habe ich kein Problem, mein Training zu unterbrechen. Sportsüchtigen fällt es oft schwer, Ruhephasen und Erholung im Tagesrhythmus einzubauen, selbst dann, wenn sie verletzt oder krank sind. Sie fühlen sich dazu gezwungen, viel zu trainieren. Deshalb spricht man auch von einer Art Kontrollverlust.

Wo wäre für Sie die Grenze zur Sportsucht überschritten?

Wenn sich aufgrund meines Sportpensums Probleme in verschiedenen Lebensbereichen einstellen. Wenn ich zu wenig Zeit für Familie und Freunde habe. Wenn ich mich bei der Arbeit schwer konzentrieren kann. Wenn ich ohne Sport schnell reizbar oder nervös werde. Wenn ich sofort ein schlechtes Gewissen bekomme, weil ich zu wenig trainiert habe.

Kann man Sportsüchtigen helfen? Wenn ja, wie?

Grundsätzlich ist dazu zu sagen: Suchterkrankungen sind therapierbar, obwohl der Prozess häufig lang und komplex ist. Verhaltenssüchte wie Spielsucht sind weniger gut erforscht. Deshalb sind die Therapiemaßnahmen noch nicht so gut erprobt. Dazu kommt: Sportsucht gilt bis dato nicht als eine offiziell anerkannte Krankheit oder Störung. Sie wird aus diesem Grund in den meisten Psychiatrischen Kliniken auch nicht therapiert.

Das klingt aber nicht gut für die Sportsüchtigen?

Keineswegs. Ambulante Psychotherapie ist eine gute Option für Personen, die das Gefühl haben, dass sie die Kontrolle über ihre Sportgewohnheiten verloren haben. Zu hoffen ist, dass sich bald gezielte Behandlungsmöglichkeiten etablieren.

Ist Sportsucht eine Sucht oder ein Begleitsymptom einer Essstörung?

Genau das möchte ich gemeinsam mit Kollegen an den Universitären Psychiatrischen Kliniken in Basel herausfinden. Wir versuchen daher gerade Sportler zu identifizieren, die betroffen sein könnten. Mit diesen werden wir detaillierte klinischen Gespräche führen und ihre Gehirnaktivität analysieren, damit wir das Phänomen klassifizieren können.

Haben Sie schon eine These oder eine Vermutung?

Wir gehen davon aus, dass Sport und Bewegung zu den Verhaltenssüchten zählen könnten. Sport in gesunden Mengen wirkt belohnend auf Menschen. Doch so wie bei Alkohol-, Drogen- oder Spielsucht gibt es Menschen, die die positiven Aspekte ständig erleben möchten.

Einmal süchtig, ein Leben lang gefährdet: Wirkt Sportsucht ebenso wie Alkoholsucht?

Diese Frage kann ich aufgrund der aktuellen Studienlage noch nicht gesichert beantworten. Einiges spricht aber dafür, dass es Sportsüchtige schwer haben, wieder eine gesunde Beziehung zu Sport und Bewegung aufzubauen. Alkohol oder Drogen darf man als Süchtiger nicht mehr konsumieren. Wir müssen und sollen uns aber bewegen. Deswegen werden Betroffene lernen müssen, auf ihren Körper zu hören, ohne komplett auf die Bewegung zu verzichten.

Gepostete Fotos vom Laufen, aus der Kraftkammer, dazu die digitale Vermessung des eigenen Körpers: Inwiefern haben soziale Medien und Digitalisierung die Körperwahrnehmung junger Menschen verändert?

Es ist auf jeden Fall so, dass junge Leute ständig mit Bildern von idealen Körpern konfrontiert werden. Vor fünfzig Jahren gab es hauptsächlich bei Frauen den Druck, eine gewisse Körperform zu erreichen. Heute sind Männer auch betroffen, und zwar permanent. Man muss nicht mehr eine Fitness-Zeitschrift kaufen, um diese idealisierten Bilder sehen zu können. Alles ist auf dem Mobiltelefon. Junge Leute spüren diesen Druck. Zurzeit sieht der perfekte Körper übrigens eher muskulös aus.

Könnten diese Klischees die Sportsucht beflügeln?

Das ist aus heutiger Sicht noch nicht entschieden. Andere Probleme wie ein verzerrtes Körperbild und der damit verbundene Konsum von Anabolika sind dafür bereits gut dokumentiert.

„No sports!“ Fällt das öffentliche Bekenntnis der Sportabstinenz heute schwerer als noch zu Zeiten Winston Churchills?

Hoffentlich! Als Athletin und Sportwissenschafterin bin ich natürlich davon überzeugt, dass man ohne Sport oder Bewegung nicht wirklich gesund sein kann. Ich glaube allerdings schon, dass es viele Leute gibt, die nicht wissen, wie sie mit Bewegung und Sport beginnen sollen, weil sie sich selber als zu unsportlich sehen. Sie sind eingeschüchtert und machen deshalb keinen Sport.

Was ist für Sie das Schöne an der Ausübung Ihres extrem aufwendigen Sports?

Zunächst ist es sicherlich die Tatsache, dass ich auf meine persönliche sportliche Entwicklung sehr stolz bin: Bis vor fünf Jahren bin ich noch nie bei einem Triathlon gestartet, konnte kaum Rad fahren, heute bin ich Profi. Zudem konnte ich sehr viel aus meinem Sport lernen, vor allem, dass es enorm wichtig ist, durch schlechte Phasen hindurch weiter an wichtigen Zielen zu arbeiten. Es kann Jahre geben, in denen gar nichts läuft, aber diese Phasen sind wichtig, um stärker zu werden, körperlich, aber auch mental. Den Leistungssport werde ich nicht ewig betreiben können. Dafür wird mich die mentale Stärke, die ich mir angeeignet habe, mein ganzes Leben begleiten.