Genuss 05.12.2011

Witzigmanns Welt: Nudeln

© Bild: Fotolia/APA

Sie machen nicht nur Kinder glücklich, sondern regen auch zu lukullischen Experimenten an.

Jenseits der Alpen liegt das Paradies aller Kinder: Italien, das Mutterland der Pasta. Die Wiege einer Küche, die leicht und unkompliziert ist und doch so vielfältig verfeinert werden kann. Nudeln sind Glücklichmacher: Sie stehen ganz oben auf der kulinarischen Hitliste von Buben und Mädchen. Das war schon immer so. Obwohl bei uns zu Hause die österreichische Küche regierte, gerate ich heute noch ins Schwärmen, wenn ich an die Spaghetti meiner Mutter denke, die sie mit Hühnersuppe zubereitete, und ihre sagenhafte Tomatensauce, die leicht süßlich schmeckte und immer frisch gemacht war.

Ironischerweise ist es gerade dieser Klassiker, der mich zur Weißglut treibt. Wie oft muss ich auf so genannten Kinderkarten in Restaurants "Nudeln Tokio Hotel" oder "Pasta Hannah Montana" lesen. Letztlich Zeugnisse der kulinarischen Fantasielosigkeit. Denn in Wahrheit verbirgt sich nichts anderes dahinter als Spaghetti mit Tomatensauce. Dabei sind Teigwaren das ideale Essen, um Experimente zu wagen und Kinder zu lukullischen Expeditionen zu bewegen. Da Nudeln nahezu geschmacksneutral sind, können sie zur Basis ausgefallener Kreationen werden - mit Gemüse, mit Kräutern, mit Knoblauch: z. B. Orecchiette mit Broccoli und gerösteten Pinienkernen, Tagliatelle mit Morcheln und Spargel oder Spaghetti mit frischem Thunfisch, denen man ganz einfach den asiatischen Kick verleihen kann: Indem man den Fisch mit einer Messerspitze Curry mariniert und ganz zum Schluss die Nudeln mit feinsten Ingwerstreifen und frischem Koriander garniert.

Apropos Experimentierfreudigkeit. Nicht immer scheitert die kulinarische Fortbildung. Im Alter von 14 machte ich mit meinem Vater eine Reise nach Venedig. Gerade angekommen, sagte er: "Eckart, jetzt gehen wir Langusten essen!" Als wir endlich ein Lokal gefunden hatten, in dem es welche gab, ließ er sie einfach stehen, weil sie ihm nicht - seinen Vorstellungen entsprechend - schmeckten. Stattdessen bestellte er Spaghetti Vongole. Die mochten wir zum Glück beide.

Aus: freizeit-KURIER vom 01. 05. 2010
Eckart Witzigmann widmet sich in seiner Kolumne im FREIZEIT-Kurier dem ganz (un)gewöhnlichen Küchen-Alltag.

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Erstellt am 05.12.2011