Genuss
09.04.2018

Wie längst vergessenes Saatgut das Gemüsebeet bereichert

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Die Vielfalt im Garten nimmt wieder zu. Dafür wird auf archiviertes Saatgut zurückgegriffen und neues gezüchtet.

Das Grüne Zebra ist ein fleischiger Paradeiser, Golden Fall eine gelbe Himbeere mit fruchtigsüßem Aroma, die Rote Laaer – außen violett, innen weiß – eine heimische Zwiebel mit Würze: Die Obst- und Gemüse-Beete wer den wieder bunt, die Vielfalt im Garten blüht auf – dem geschmacklichen Einheitsbrei zum Trotz.

© Bild: Arche Noah

"Wir haben rund zwanzig Paprikasorten, ebenso viele Paradeisersorten, fünf bis sechs Gurken, eine Handvoll Melanzani und bei Äpfel und Birnen mehr als zwanzig Sorten", zählt Marion Schwarz einen Teil des aktuellen Sortiments im Arche Noah-Shop für Hobbygärtner auf. Tatsächlich kann der "Verein für den Erhalt und die Entwicklung der Kulturpflanzenvielfalt" aus dem Vollen schöpfen und auf Europas größtes privates Samenarchiv zurückgreifen. In Schiltern lagern mehr als 5500 Muster und warten auf ihr Comeback. Der Brünnerling, eine der ältesten Apfel-Sorten im österreichischen Streuobstbau, fristet im Genpool ebenso sein Schattendasein wie die Znaimer Gurke, die – einst Exportschlager – heute ganz vom Markt verschwunden ist. Auch die Samen der Kipfler-Bohnen liegen sicher verwahrt im Waldviertel, im EU-Sortenkatalog haben sie derzeit keinen Platz.

Gewaltiger Verlust an Vielfalt

Gurken, Einlegegurke, Gewürzgurke, Einmachgurke, Senfgurke, Salzgurke, Cornichons, grün, Essiggurke, saure Gurken, Freisteller, … © Bild: Marek Gottschalk/Fotolia

Nach Schätzung der Vereinten Nationen sind seit Beginn des 20. Jahrhunderts 75 Prozent der landwirtschaftlichen Vielfalt verloren gegangen. "Die Züchtung hat sich global auf fünf, sechs Konzerne konzentriert, die hinter hohen Mauern arbeiten", sagt Gemüse-Experte Wolfgang Palme von der Höheren Bundeslehr- und Forschungsanstalt für Gartenbau Schönbrunn und Österreichische Bundesgärten. Außerdem: "Im europäischen Profianbau wird jede regionale Entwicklung über einen Kamm geschoren." Konsumgüter, die in großen Mengen produziert werden, müssen ertragreich sein, sich maschinell bearbeiten lassen sowie einfach zu verpacken und unbeschadet zu transportieren sein. Krumme Gurken entsprechen nicht der Norm, überreife Paradeiser finden keinen Absatz, selbst wenn sie kulinarisch überzeugen. Optik geht oft vor Geschmack.

"Mit der Globalisierung sind viele regionale Sorten zugunsten von gut standardisierbaren, lagerfähigen Sorten zurückgedrängt worden", sagt Michael Kiehn, Direktor des Botanischen Garten der Uni Wien. So wird das Einkorn, das bereits um 7000 vor Christus satt machte, momentan kaum angebaut. Nur drei heimische Höfe kultivieren noch das Tullnerfelder Kraut, einst eine regionstypische Landsorte. Die fruchtige Mieze Schindler aus den 1920er-Jahren konnte mit den modernen Hochleistungs-Erdbeeren nicht mithalten und geriet nahezu völlig in Vergessenheit.

Comeback

Doch so manch freches Früchtchen und junges Gemüse findet den Weg zurück ins Beet und aufs Feld. Seit Kurzem gedeiht Mieze Schindler veredelt wieder in Hausgärten. Paradeiser erleben schon länger eine (kommerzielle) Renaissance – von Auriga über Pixie Striped bis Tigerella. "Wir können dem Verlust an Vielfalt in zwei Richtungen entgegenwirken: Wenn wir Artenvielfalt in den Markt bringen und wenn wir regionale Sorten regional unterstützen", sagt Kiehn.

Sortenentwicklung ist keine Hexerei

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Genau das tut Philipp Lammer. Der Sortenentwickler der Arche Noah fördert "die Biodiversität und die Freude am Besonderen". Mit Pinzette und Stimmgabel hilft er regionalen Bauern, alte Sorten an neue Bedingungen anzupassen. "In einem Paradeiser-Projekt haben wir eine Sorte mit überzeugender Fruchtqualität und lustigen Streifen mit einer Sorte mit guter Pilz-Resistenz gekreuzt", erzählt der Botaniker. Das sei keine Hexerei. Die künstliche Befruchtung funktioniert, wie es der Augustinermönch Gregor Johann Mendel schon 1866 für die Erbsen festgehalten hat.

Bei den Bauernparadeisern spielte Lammer erstmals Biene, als sich im Frühling 2010 die Blüten der Mutterpflanze zu öffnen begannen. Er zupfte die grünen Kelchblätter, dann die gelben Kron- und Staubblätter ab. Mit der Stimmgabel schüttelte er Pollen aus der Vaterpflanze auf ein Papier. Schließlich bestäubte er damit die klebrige Narbe. Erst die Früchte des Pflanzennachwuchses unterscheiden sich im Erbgut. "Im zweiten Jahr nach der Aufspaltung treten alle möglichen Erscheinungen auf, dann wird weiter selektiert", beschreibt Lammer. Nach etwa fünf Jahren konsequenter Kreuzung und Selektion sei eine neue Sorte schon recht einheitlich. Bis zur Legalisierung durch die Behörde vergehen bis zu zehn Jahre.

Gurke Tanja und Roten Laaer sind der Renner

© Bild: Arche Noah

Prinzipiell können Züchtungen mit größtmöglicher Anbausicherheit und Vermarktungsfähigkeit zur Aufnahme in den EU-Sortenkatalog angemeldet werden. Gelten sie als unterscheidbar, homogen, beständig und neu, wird die Zulassung erteilt; und alle zwei Jahre neuerlich geprüft. Andere Spielarten der Natur gehen in einem vereinfachten Verfahren als Sorten für "besondere Bedingungen" durch. Oft bereichern Direktvermarkter damit ihr Angebot, Hausgärtner erfreuen sich an der Abwechslung.

"Samenfeste Bio-Sorten liegen im Trend", weiß auch Johannes Huber von Samen Maier. Das Familienunternehmen in Taiskirchen im Innkreis hebt mit der Gelben und der Roten Laaer "spannende Zwiebel" hervor. Die Box für Smoothie-Mixer mit Saatgut für Grünkohl Lage Moskrul, Spinat Nores, Kopfsalat Ovation, Gurke Tanja und Feldsalat Verte de Cambrai ist der Renner. "Wir beziehen Sorten bei der Arche Noah, aus der Schweiz bei Pro Specie Rara und Deutschland von Dreschflegel", sagt Huber. Landwirte und Partnerbetriebe lassen seine Saat aufgehen und vermehren die Pflanzen – auf dem Bio-Sektor, wo auch Fruchtfolgen eingehalten werden müssen, eine Arbeit von Jahren.

"Zuerst kann man Paradeiser ernten, im Herbst Erdäpfel ausgraben"

© Bild: Praskac

Intensive Entwicklung steckt auch in Wolfgang Praskac’ buntem Grünzeug-Sortiment. Seit einiger Zeit bietet das Pflanzenland in Tulln mit Asimina eine winterharte Indianerbanane an; mit Erfolg. Auch die Kaki – ob Sheng, Tipo oder Muscat – überleben jetzt eisige Temperaturen. Sie erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Bei den fruchtigen Rosengewächsen ist die Ananaserdbeere White Dream ein weißer Blickfang zwischen grünen Blättern. Praskac: "Die neuen Sorten sind reichtragend und gut schmeckend." Als Spezialsorte neu im Programm präsentiert der Pflanzen-Profi eine Tomoffel: "Zuerst kann man oben die Paradeiser ernten, im Herbst dann die Erdäpfel ausgraben." Mehr Vielfalt geht nicht.