Veggie-Trend: Kochen ohne Knochen

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Wenn Veggie-Kost den Supermarkt erobert und fleischlose Kulinarik zum Thema einer Messe wird, sind die Vegetarier in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Das Gerücht, dass es sich bei einem Frutarier um eine Ente handelt, hält sich hartnäckig. Angeblich wurde der Begriff erst für den Film "Notting Hill" erfunden, um Veganer zu karikieren. Der dazugehörige Dialog ist jedenfalls genial: "Ein bisschen Weinschnepfe?" – "Nein, vielen Dank, ich bin Frutarierin. Wir glauben, Gemüse und Früchte besitzen eine Seele, und deshalb halten wir kochen für grausam. Wir essen nur Dinge, die von alleine von Bäumen und Sträuchern fallen, weil nur die richtig tot sind." – "Ahhh, alles klar ... also diese Karotten hier ... " – " ... sind ermordet worden!" – "Ermordet ... die armen Karotten, das ist ja bestialisch!"

Auch Felix Hnat kennt keine Frutarier, "und ich denke, dass es diese in Österreich nicht gibt", sagt der Obmann der Veganen Gesellschaft Österreich. Einen Trend zum fleischlosen Dasein ortet er aber allemal: "2008 zählte der Ernährungsbericht der Uni Wien noch drei Prozent Veggies in Österreich. Für 2012 rechnen wir mit fünf Prozent", sagt Hnat und vermutet, dass es sieben bis zehn Mal so viele Vegetarier wie Veganer gibt. Die allergrößte Gruppe sind die Flexitarier, jene Leute, die mehrmals pro Woche auf Fleisch verzichten und sich gut vorstellen könnten, das auch mal für längere Zeit zu tun.

Auf die zielten die großen Supermarktketten, als sie unlängst ganze Veggie-Produktlinien in die Regale hoben. Denn Vegetarier sind heiß begehrte Kunden: In der Mehrzahl weiblich (also für den Einkauf zuständig), urban und gebildet (also gut verdienend und bereit, Geld für gesundes Essen auszugeben). Das sagt die Demografie über die Fleischverweigerer.

Manche Tiere haben`s gut, andere nicht.

c Foto: Alexander Rabl Im Süden sind Obst und Gemüse längst genauso beliebt wie Fleisch.

Eine, die genau ins statistische Mittel passt, ist Irene Schillinger. Die heute 40-jährige Gasthausbesitzerin lebt seit ihrem 12. Lebensjahr vegetarisch und seit 15 Jahren vegan. Der Entschluss sei langsam gereift: Aus dem pferde-närrischen Mädchen wurde eine junge Frau mit Vorliebe für Schweine, die sich fragte: "Wie können tierliebende Menschen mit ihrer Katze im Bett liegen und gleichzeitig Schweinefleisch im Kühlschrank haben? Ich finde es völlig willkürlich, was ein Haus-, was ein Nutztier ist." Ganz ohne missionarischen Eifer meint sie: "Fleischlos zu essen, ist ein riesengroßer Trend, ich sehe heute keine Fragezeichen mehr in den Gesichtern, wenn ich sage, dass ich Veganerin bin."

Ihren Exotenstatus haben sie also längst eingebüßt. "Im Moment steigt die Zahl unserer Mitglieder jährlich um 30 Prozent", sagt der Obmann der Veganen Gesellschaft, Hnat. Die Mehrzahl habe sich aus ethischen Gründen zu diesem Schritt entschlossen, schreiben die Ernährungswissenschaftler Claus Leitzmann und Markus Keller in ihrem Buch "Vegetarische Ernährung". Sie lehnen das Töten von Tieren ab oder wollen vermeiden, dass die Umwelt durch Klimagase aus der Viehzucht belastet wird.

Aus Gourmets werden Veggie-Gourmets

Aus Umwelt-Sicht gibt es keinen Zweifel daran, dass die Menschen in den Industrieländern mit ihren Ernährungsgewohnheiten auf einem Irrweg sind. Denn: "Was wir essen, hat großen Einfluss auf den Klimawandel", sagt Ernährungsökologe und Veganer Martin Schlatzer. "18 Prozent der Treibhausgase gehen auf die Produktion von Fleisch- und Milchprodukten sowie Eiern zurück. Die Treibhausbilanz von pflanzlichen Produkten ist um den Faktor 10 geringer."

Allerdings: Das Sonntagsschnitzerl ist quasi kulturelles Erbe. Daher wird – noch ein Trend –neuerdings manipuliert, was das Zeug hält: Gulasch ohne Rind, Chicken Nuggets ohne Huhn, Leberkäse ohne Schwein – Nachbauten tierischer Lebensmittel werden heute und morgen auf Österreichs erster Messe für fleischlosen Genuss, der "Veggie Planet", in Salzburg präsentiert.

Längst hat das Mampfen ohne Muh & Mäh die Top-Gastronomie erreicht. 2010 erfasste die Veggie-Welle sogar McDonald’s. Seither findet man den Veggie-Burger als "Klassiker" auf der Karte. Auch wer selbst Hand anlegen möchte, findet Anregungen – in Kochen ohne Knochen, dem Magazin für Menschen, die kein Fleisch essen.

Sind Vegetarier Besseresser?

Bleibt nur die Frage, warum viele Menschen Vegetarier so gerne verspotten. Glaubt man Psychologen, fühlen sich Fleischesser zu schlechten Menschen degradiert. Dazu müssen Vegetarier nicht einmal penetrant mit ihrer Entscheidung hausieren gehen, schon ein stummer Vegetarier stellt einen impliziten moralischen Vorwurf dar. Und Attacken aufs Selbstbild wehrt man ab, indem man Angreifer lächerlich macht. Motto: "Ich mag Vegetarier nicht, die essen meinem Steak das Essen weg."

Information:

Im Rahmen der Paracelsusmesse findet erstmals eine Vegetarier-Messe statt: Veggie Planet, 24. bis 25. 3., Kongresshaus Salzburg

Veggie-Restaurants finden Sie unter:

www.vegan.at/veganelebensweise/restaurants/restaurants.php

Lexikon: Wer ist was und was er isst

dpa/Martin GertenARCHIV - Ein Frühstücksei steht am Dienstag (04.01.2011) in Düsseldorf. Rund zwei Monate nach Bekanntwerden des jüngsten Dioxin-Skandals zieht Nordrhein-Westfalens..Landwirtschaftsminister Remmel am Dienstag (22.02.2011) Bilanz. Bei einer Foto: dpa/Martin Gerten Keine Eier für Lacto-Vegetarier

Ovo-Lacto-Vegetarier verzichten auf Fleisch, Geflügel und Fisch, nicht aber auf Eier oder Milchprodukte.

Ovo-Vegetarier schließen alle tierischen Produkte aus, nicht aber das Frühstücksei.

Lacto-Vegetarier haben nur Eier, nicht aber Milchprodukte vom Speiseplan gestrichen.

Veganer ernähren sich ganz ohne tierische Produkte. Sie essen kein Fleisch oder Geflügel, keinen Fisch, weder Eier noch Milch, meist keinen Honig und auch keine Süßigkeiten oder Fertiggerichte, die tierische Zusatzstoffe enthalten.

Frutarier (auch Fructarier, Fruitarier oder Fruganer) sind die Extrem-Veganer. Für ihre Ernährung kommen nur pflanzliche Produkte infrage, deren Ernte die Stammpflanze nicht beschädigt. Es gibt Frutarier, die nur Obst essen. Das heißt, Früchte, die bereits vom Baum gefallen sind. Erlaubt sind auch Samen, abgefallene Beeren oder Nüsse. Schwierig wird es dagegen mit anderen Pflanzenbe­standteilen wie Knollen, Blätter oder Wurzeln. Diese sind streng genommen nicht erlaubt.

Freeganer gehen noch weiter und verzichten nicht nur auf alles, was aus tierischen Produkten hergestellt wird, sondern auch auf Produkte, die etwas kosten. Sie wühlen in den Mülltonnen der Lebensmittelgeschäfte oder gehen in den Wald, um nach Beeren zu suchen.

Flexitarier sind streng genommen keine Vegetarier, verzichten aber bewusst tageweise auf Fleisch.

(kurier / Susanne Mauthner-Weber (Ovo-Lacto-Vegetarierin)) Erstellt am
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