Lesefutter aus dem Garten Eden

"99 Genüsse, die man nicht kaufen kann": Ute Woltron hat ein Buch geschrieben, das man auch besitzen sollte, wenn man selbst keinen Garten hat.

Rarer Fund am Spazierwegrand: Dirndln vulgo Kornellkirschen gibt es nicht alle Jahre (abhängig vom Wetter) in genügender Qualität und Menge. Die Autorin rät, eher oben zu pflücken. Denn die untere Zone der Sträucher wird oft von Hunden zu ihrer Erleichterung gebraucht. Dirndlmarmelade, Dirndlikör (wie abgebildet) oder Dirndloliven zählen zu den Schätzen in der Speisekammer. Kirschen, egal, ob aus Nachbars oder dem eigenen Garten. Ute Woltron erzählt über das Fällen des alten und kraftlosen Kirschbaumes im Garten ihrer Kindheit. Eine Zäsur. Und über die einfache Zubereitung von Kirschgelée. Das Foto sieht so aus, dass man sofort Lust bekommt, einen Kirschbaum zu pflanzen. Der beste Likör der Welt: Schwarze Jonannisbeeren liefern ihn. Doch die viel wichtigere Zutat bei der Zubereitung dieses Likörs ist der Damenseidenstrumpf. Denn nur ein seidener Damenstrumpf, so hat Autorin Ute Woltron es von ihrem Großvater gelernt, ist fein genug, um wirklich feine Dinge wie Liköre abseihen zu können. Cassis, wie die Franzosen zu diesem Likör sagen, ist für Ute Woltron "die Spitze der Likör-Evolution". Verdünnt mit Champagner schmeckt er ihr am besten. Thymianöl wird aus Öl und - Sie haben es erraten - Thymianzweigen hergestellt. In dem Buch lernen wir über die Thymiansorten und darüber, dass der Thymian wegen Schimmelgefahr vom Öl vollkommen bedeckt sein sollte. Anders als auf dem Foto zu sehen. Zitronenverbene, ein winteruntaugliches Kraut aus Südafrika. Die Herstellung eines Likörs daraus erforderte von der Autorin einiges an Experimentierfreudigkeit. Der Likör aus Zitronenvergeneblättern, Wodka oder Korn, Kandiszucker und ein paar Zitronenscheiben, eignet sich zum Übergießen von Eis oder als Digestiv. Das "Ribiselpflücken", zu dem in den 60er und 70er Jahren ganze Kohorten von Kindern ausgeschickt wurden, und das zu Beginn der Sommerferien, hat mehreren Generationen die Freude an der Gartenarbeit versaut. So schreibt Ute Woltron. (Und sie hat übrigens recht damit.) Doch das ist nur die halbe Wahrheit zum Thema Johannisbeeren. Denn die andere Hälfte heißt Ribiselkuchen oder Ribiselmarmelade, sommerlich säuerliche Köstlichkeiten. Zu genießen im Freien im Schatten eines Baumes. Erdbeeren! Unvergleichlich im Aroma. Oder aber auch zu Tode gezüchtet. Der Vergleich macht sicher. Über die beste Erdbeere, so lesen wir, wird unter Experten viel diskutiert. Wo man sie herkriegt oder wie man sie anpflanzt, bedarf sorgfältiger Recherche. Viel einfacher ist da das Rezept für Balsamicoerdbeeren: Erdbeeren mit (sehr gutem) Balsamico, etwas grob gemahlener schwarzer Pfeffer darüber. Probierenswert. Vogelbeeren gehören im Herbst zu den Lieblingen der Vögel, wie der Name unschwer erkennen lässt. Sie werden erst richtig gut, wenn es richtig kalt ist. Die Autorin empfiehlt ein Vogelbeergelee als Ausgang für eine Phase des Experimentierens mit dem Geschmack von Wildbeeren. Es taugt für Bratensaucen wie als Grundzutat für ein aromatisches Dessertschäumchen. Maiwipfel, die frischen Wipfel und Zipfel der Tannenbäume im Mai, gilt als besonders gesundheitsfördernde Gabe der Natur. Naschkatzen hingegen freuen sich über den Maiwipfelsirup, der im Sommer auf einem sonnigen Fensterbrett heranreift. Schmeckt im Herbst zur Hustenzeit, im Tee, über Kuchen oder mit Wodka. Lavendel - laut Autorin eines der "genügsamsten Gewächse, die man sich vorstellen kann" -  ein Hauch von Südfrankreich, aber nur, sofern es sich um echten Lavendel handelt. Denn nur echter Lavendel hält auch im Winter durch und bringt das Aroma, das man so schätzt. Zum Beispiel im Lavendelzucker. Oder auch im Eis oder im Honig. Liebstöckel sollte man, so lernen wir, nur in kleinen Dosierungen anwenden. Die Ausnahme: Liebstöckelpesto, ein Verwandter des klassischen Pestos, bei dem auf Knoblauch verzichtet wird und auch der Parmesan nicht Pflicht ist. Passt gut zu Braten, zu Pasts und zu einer Kartoffelsuppe. Nusslikör. Sein Rezept wurde in der Familie der Autorin von Generation zu Generation weitergegeben. Man schwört auf seine heilenden Wirkungen, solange er nur in Maßen genossen wird. Schwierig: der Schnaps sollte ein Jahr in einem kühlen Raum oder im Keller reifen, bis er genossen wird. Es braucht also Geduld. Das Buch mit spannenden Geschichten zu jedem Gewächs und, wie Sie gesehen haben, wunderschönen Bildern gibt es im Brandstätter Verlag.
(KURIER.at) Erstellt am
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