Genuss
15.08.2018

Kriegsküche: Warum die Österreicher nie Fans von Eintöpfen wurden

80 Jahre „Anschluss“: Die kulinarische Vereinigung mit dem Deutschen Reich gelang nie ganz, hat ein Historiker erforscht.

Als Adolf Hitler seine Heimat vor 80 Jahren ans Deutsche Reich „anschloss“, hatte das Folgen bis auf den Teller: Es entbrannte ein permanenter Kleinkrieg rund um Produkte, die in Deutschland erlaubt waren, in Österreich aber oft als gesundheitsschädlich eingestuft wurden. Sofort nach dem Einmarsch 1938 sprach Generalfeldmarschall Herrmann Göring das Urteil über die Ex-Österreicher: „Ostmärkische Schleckermäuler“ seien sie.

Schleckermäuler versus Marmeladinger

Die Schleckermäuler revanchierten sich und nannten die Piefke Margarinefresser und Marmeladinger. Die Begeisterung für den Anschluss endete vor der Küchentür. „Im Untergrund kursierten Schmähgedichte“, erzählt der Historiker Fritz Keller und zitiert: „Unter den Sozialdemokraten – gab es noch Schweinsbraten. Unter der Regierung rot-weiß-rot – gab es immerhin noch Butterbrot. Unter dem Regime Hitler und Göring – gibt es nur noch Hering.“

Woher Keller das weiß? Er ist nicht nur Historiker, sondern war lange Jahre auch Lebensmittelpolizist. Vor Jahren wurde er von der Historiker-Kommission dazu auserkoren, die Arisierung der Wiener Märkte aufzuarbeiten. „Ein Kollege hat mir geraten, doch mal ins dritte Untergeschoß des Floridsdorfer Marktes zu schauen“, erzählt er. Im Gewölbe des Kartoffel-Lagers fand er Teile des Archivs des Marktamtes – Regale voll mit Ordnern. Keller sicherte die Bestände und zeichnete eine Geschichte nach, die bis dahin unerforscht war: Die der Wiener Lebensmittelpolizei im Zweiten Weltkrieg. Daraus ist eine Studie entstanden – „Die Küche im Krieg“.

Lebensmittelstandards herabgesetzt

Bereits 1933, unmittelbar nach der nationalsozialistischen Machtergreifung in Deutschland, hatte Hitler die Nahrungsautarkie des Reiches als Vorbereitung für den kommenden Krieg propagiert. Um dieses Ziel zu erreichen, wurden die Lebensmittelstandards herabgesetzt. Was folgte, war die Legalisierung immer neuer Verfälschungsmethoden: So sollte (Pferde-)Blut den Fleischgehalt in den Würsten vortäuschen. Getreidemehl wurde in vielen Produkten durch Maismehl, Maisgrieß, Kartoffelstärkemehl und Lupinen ersetzt. Sogar giftige Frühlingslorcheln wurden zum Genuss empfohlen. Keller: „Mangelhafte Lebensmittel wurden legalisiert – man begann systematisch, sie von Staats wegen zu verfälschen und sogar verdorbene Lebensmittel unter die Bevölkerung zu bringen.“

Ersatzlebensmittel - von Sago bis Mielei

Zugleich erlaubte das Regime eine Fülle von „Ersatzlebensmitteln“, die von Nazi-Industriellen wie Oetker entwickelt wurden: Backfettsparmasse trat an die Stelle von Butter, Mielei ersetzte Eier, Migetti Teigwaren, Saconso Schlagobers. Und die Coca-Cola-Zweigniederlassung in Wien – durch den Krieg von der geheimen Grundessenz abgeschnitten – kreierte Fanta: Molke angereichert mit Abfällen der Apfel- und Orangensaftproduktion.

Eintopf - nein danke

Vieles, was im Deutschen Reich gang und gäbe war, wurde in der Ostmark nicht erlaubt. „Alle anderen Gesetze wurden nach dem Einmarsch 1938 zügig vereinheitlicht“, sagt Keller. „Innerhalb von ein bis zwei Monaten waren die Strukturen völlig umgebaut. Mit der Eingliederung hinsichtlich der Lebensmittel ließ man sich aber Zeit“, erzählt er. Aus gutem Grund: „Die Deutschen mussten erkennen, dass die Österreicher niemals Freunde des Eintopfs werden würden, und auch alles mit Hering galt als echtes Arme-Leute-Essen, das nicht angenommen wurde.“

1940 endete der rechtliche Sonderstatus der „ostmärkischen Schleckermäulchen“ aber doch. Alle reichsdeutschen Bestimmungen im Lebensmittelbereich wurden übernommen. Folge: Die Ex-Schleckermäulchen verwendeten nun ebenfalls „Paraffinum Liquidum“ (Vaselinöl) zur Speisenzubereitung. Und litten fortan genauso unter der deutschen Volkskrankheit Flatulenz.

Buchtipp: Fritz Keller: „Die Küche im Krieg. Lebensmittelstandards 1933 bis 1945“,  Verlag new academic press. 19,90 Euro