Herr Pratl und seine Eisrevue

KurierHimbeereis von Molin-Pradel am Schwedenplatz
Foto: Kurier

Kalt erwischt: Probeschlecken für die neue Saison bei Gelatiere Molin

KurierSilvio und Deborah Molin-Pradel Foto: Kurier Wir sind Eis: Seit 126 Jahren spachteln die Molin Pradels Eis in Stanitzel und Becher, aktuell: Silvio und seine Deborah

Gelati! Gelati! Zur Zeit der Donaumonarchie waren die Rufe der italienischen Eisverkäufer überall in Wien zu hören. Wer weiß – die Gelatieri mit ihren Eiswagerln könnten noch heute unterwegs sein, hätte sie Kaiser Franz Joseph I. nicht dazu vergattert in Wien feste Salons zu eröffnen. Das erzählt Eismann Silvio Molin-Pradel zum Auftakt der Saison 2012. In seinem Palazzo, pardon Eissalon, auf dem Schwedenplatz balancieren die Mitarbeiterinnen mit Stößen von Eisbechern und Stanitzel vor leeren Vitrinen. Sie sind natürlich alle schwarzhaarig und äußerst attraktiv. "Das erwarten sich die Wiener, wenn sie in den Eissalon kommen." Dass die Hälfte der Serviererinnen mittlerweile aus Slowenien, Polen oder Spanien stammt – geschenkt. Molin Pradel ist da pragmatisch: "Wir sind Europa." Jeden Sommer kommen mehr Menschen zum Eisschlecken an den Donaukanal. Radler, die bei mehr als 30 Celsius ihren schattigen Schrebergarten in Greifenstein verlassen haben, stehen verschwitzt in der Schlange neben Touristen aus Japan, für ihr Stanitzel Nocciolone. Speiseeis ist in aller Munde, acht Liter pro Österreicher waren es im Vorjahr, steht in der Statistik. Molin Pradel: "Die Wiener sind Naschkatzen."

Aber, geh! Was gibt es Neues? In der Küche taucht Chefkoch Gianni den Löffel in die Mangomasse und reicht ihn an Silvio weiter. Sein Urteil zum Eis des Jahres 2012: "Perfetto." Die Kundschaft kann kommen. Das Ergebnis ist keine wirkliche Überraschung: Signore Gianni rührt seit 34 Jahren in der Küche der Molin Pradels um und weiß was der Wiener mag: mildes, cremiges, zartes Eis der venezianischen Schule. Bereits zwei Tage vor Saison-Eröffnung muss der Maestro ganz viel naschen. "Zu viel", meint seine Frau Deborah, eine geborene Fontanella. Auch sie entstammt einer traditionellen Eismacherfamilie. Silvios Retourkutsche: "Dafür verzichte ich auf Wein."  Die Zeiten als man beim Eisschlecken zwischen Haselnuss, Schoko, Erdbeere, Stracciatella und Vanille wählen konnte, sind auch beim Molin Pradel vorbei. Die Eisrevue wird von Jahr zu Jahr bunter. Mehr als 130 Sorten liegen über die Saison verteilt in den Vitrinen. "Die Österreicher sind offene Menschen, sie erwarten jedes Jahr etwas Neues", sagt Molin Pradel.
Kurzer Seitenblick auf die Eiskarte der Exoten: Am 20. März gibt es "Limette mit Pistazien" und "Maracuja­kaffe", am 27. März Safran-Honig und am 3. April "Ingwer-Schoko­lade".
Mama Mia "Meine Mama." Der "leider schon" 50-Jährige zeigt auf das Schwar-Weiß-Bild einer feschen Italienerin. Die Eismacherdynastie in fünfter Generation führt ein Doppelleben. Die Winter über werkt der Clan im 600 Kilometer entfernten Zoldotal. Dort, nahe Cortina d’Ampezzo, betreibt man eine Skischule. "Dort bin ich Signore Molin, und hier in Wien bin ich der Herr Pratl."
Dem Gast kommen Bedenken: "Herr Molin-Pradel, was machen sie, wenn es im März noch einmal heftig schneit? "Dann freu’ ich mich, Schnee bedeutet Glück, für einen Eismacher."

 

Italienischer Eisadel in Wien

Mango ist also das Eis des Jahres. Gute Entscheidung, wie sich zur Saisoneröffnung der Eissalons beim Bortolotti in der Mariahilfer Straße zeigt. Die Trendfrucht fand Anklang und Absatz. "Dös wird a Renner", meint ein Kenner. Im Rennen der Eissalons um die Tafelspitz-Krone ist der Tichy am Reumannplatz die Numero uno. Die italienischen Spezialisten für Gefrorenes spielen aber ebenfalls in der Serie A. Und das seit fast 150 Jahren. 1865 erhielt Tomea Antonio Bareta von den k. k. Behörden die Genehmigung, ein Eiswagerl im Prater aufzustellen. 1874 ging Bareta nach Leipzig, wo er 1890 bereits 24 Eiswagen besaß. Den Übergang vom Eiswagen zum -salon verdanken wir den Kaffeehausbesitzern. Die beschwerten sich beim Kaiser über die Eisverkäufer vor ihren Geschäften. Man entzog den Italienern den Gewerbeschein für fahrenden Handel. Sie mussten Geschäftslokale mieten, die sie mit Bänken und Petroleumlampen ausstatteten: die Eisdiele war geboren. Die meisten italienischen Eismacher in Wien stammen aus zwei Tälern, Cadore und Zoldo. Um sich vor Imitaten zu schützen, schlossen sich die Gelatieri bereits 1927 zur A. G . I. A. (Associazione Gelatieri Italiani in Austria) zusammen. Die Gründerväter: Alberti, Pellegrin, Arnoldo, Molin Pradel, Olivier (früher Wipplinger Straße).

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