Genuss 05.12.2011

Foodwatch-Chef: "Eine Riesenschweinerei"

Foodwatch-Chef Thilo Bode sagt, Lebensmittel seien undurchsichtig wie Finanzprodukte. Konsumentenwerden systematisch getäuscht, sagt Bode.

Die Versprechen der Industrie sind oft nicht mehr als eine Märchenstunde für Erwachsene, poltert der Konsumentenschützer.

KURIER: Ärgern Sie sich eigentlich bei jedem Lebensmitteleinkauf grün und blau? Oder schicken Sie einfach Ihre Frau einkaufen?

Thilo Bode: Ich ärgere mich dauernd, das ist letztlich auch die Motivation für meinen Job. Supermärkte mag ich nicht, aber ich muss trotzdem hin.

Den Wellness-Tee Gelbe Zitrone Physalis vom Vorarlberger Safterzeuger Pfanner kaufen Sie nicht, oder?

Der hat bei abgespeist.de 2010 den zweiten Platz im Bewerb der dreistesten Werbelügen gemacht. In der Packung ist keine Spur von echter Physalis gewesen, stattdessen Aromen und 44 Stück Würfelzucker. Und das Ganze wurde dann als Wellnessgetränk beworben. Da basiert doch das ganze Geschäftsmodell auf einem Schwindel. Würde Pfanner die Rohstoffe verwenden, die beworben werden, wäre das Getränk so teuer, dass es keiner mehr kauft.

Tragen die Werber jetzt dicker auf als noch vor ein paar Jahren?


Ja, weil die Lebensmittelindustrie in einem Dilemma steckt. Die Leute können nicht noch mehr essen, der Markt ist gesättigt. Trotzdem müssen die Manager die Umsätze steigern. Da lassen sie sich jede Menge Unsinn wie Functional Food einfallen. Nehmen Sie Actimel: Mit einem Zuckeranteil von bis zu zwölf Prozent handelt es sich in Wirklichkeit um ein Süßgetränk, das kaum anders wirkt als ein normales Natur-Joghurt, aber vier Mal so viel kostet. Auch Frühstücksceralien wie Nestlés Cookie Crisps, die mit "31 Prozent wertvollem Vollkornweizen" beworben werden, oder Kellogg"s "Frosties" und "Smacks" sind in Wirklichkeit Zuckerbomben und machen mehr fett als fit. Die Lebensmittelindustrie erzeugt wie die Kulissenschieber von Hollywood Illusionen.

Mit den Themen Wellness und Gesundheit lässt sich gutes Geld verdienen. Logisch, dass damit geworben wird, oder?

Ja, aber dann sollen die Firmen auch dazu stehen, dass sie Geld verdienen wollen und nicht die Weltenretter spielen.

Wieso Weltenretter?

Konzerne wie Danone tun ja gerade so, als wären sie ausschließlich an der Gesundheit der Menschheit interessiert und wollen ihr Gewinnstreben als gemeinnützige Tätigkeit verkaufen. Oder Nestlé mit seinem Slogan "Good food, good life". In Wahrheit stecken sie alle viel Zucker in ihre Produkte, damit sie den Kindern schmecken. Dann wird die Werbemaschinerie angeworfen und von gesunden Zwischenmahlzeiten wie bei Monte von Zott gesprochen. Zudem werden die Idole der Kinder, zum Beispiel prominente Fußballspieler, als Werbe-Zugpferde engagiert. Das ist alles unmoralisch und im Grund eine Riesenschweinerei.

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© Bild: Reuters

Und wer kann das ändern?

Nur die Politik mit einem strengeren Verbraucherschutz. Der Lebensmittelmarkt ist vergleichbar mit dem Finanzmarkt: Er ist intransparent, er ist an seine Wachstumsgrenzen gestoßen und die Verbraucher sind ihm ausgeliefert. Wie auch am Finanzsektor wird die Politik auch im Lebensmittelbereich mehr regulieren müssen. Wie bei vielen Finanzprodukten können die Verbraucher auch bei Lebensmitteln oft nicht mehr feststellen, was in den Packungen steckt. Da steht zwar viel auf der Packung, aber keiner versteht es. Geschweige denn, dass man Produkte vergleichen kann.

Was können Konsumentenschützer wie Sie dann überhaupt bewirken?

Unsere Arbeit trägt dazu bei, dass Firmen merken, dass Konsumenten kritischer werden. Durch unsere Arbeit haben sich zum Beispiel 3000 Verbraucher bei Pfanner über die Täuschung beschwert, daraufhin wurde die Rezeptur geändert - wenn auch nur in homöopathischen Dosen. Die Konsumenten haben nur dann eine Macht, wenn sie sich organisieren. Derzeit ist die Politik doch weitgehend ein Dienstleister der Wirtschaft.

Die Wirtschaft spielt zunehmend die Karte der sozialen Verantwortung aus - Stichwort Corporate Social Responsibility. Eine gute Entwicklung?

Jeder Anschein, freiwillige Initiativen von Privatfirmen könnten irgendetwas substanziell verbessern, ist Märchenstunde für Erwachsene. Unternehmensinitiativen reichen nur so weit, wie sie sich selbst nutzen. Nachhaltige Projekte gehen über 10, 20 oder 30 Jahre, so lange verpflichtet sich keine Firma für ein Projekt. Für jede verkaufte Packung X spenden wir Y gute Taten, ist ein nettes Giveaway aus der Marketingabteilung, mehr nicht.

Aber vielleicht noch immer besser als gar nichts?

CSR ist wie Zuckerwatte: Je kräftiger man reinbeißt, desto schneller löst sie sich auf. Politiker lassen sich von Lobbyisten das Heft aus der Hand nehmen und von deren Verantwortungsgefasel beeindrucken. Jene, die zu fettes und zu süßes Essen verkaufen, spielen sich als Ernährungs- und Bewegungsberater auf. Der Twix- und Bounty-Produzent Mars gibt Tipps zum "veranwortungsvollen Umgang mit Süßigkeiten", Coca-Cola brüstet sich mit Initiativen zu Bewegung und Sport. Das ist alles Augenauswischerei, die mich ärgert.

Thilo Bode: Aktivist und Autor

Foodwatch: Die Verbraucherrechtsorganisation mit Sitz in Berlin wurde 2002 von Thilo Bode gegründet. Foodwatch prangert mit Kampagnen die Zustände am Lebensmittelmarkt an und prämiert auf abgespeist.de dreiste Werbelügen.

Thilo Bode: Der Soziologe und Volkswirt, geboren 1947, war Geschäftsführer von Greenpeace Deutschland und später von Greenpeace International. Der Autor mehrerer Bücher wurde 2009 von der Schwab Stiftung zum "Social Entrepreneur des Jahres" gewählt.

Buchtipp

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© Bild: Reuters

Fitnessflocken machen fett statt fit, das Fleisch für den Schwarzwälder Schinken kommt aus Tierfabriken aus ganz Europa und der gesunde Pausensnack ist in Wirklichkeit eine Zuckerbombe, schreibt Foodwatch-Gründer Thilo Bode in seinem Buch (Die Essensfälscher, Thilo Bode, S. Fischer, 15,40 Euro) über die Machenschaften der Industrie. Sein Standpunkt: "Die Täuschung im Supermarkt hat System. Das Treiben der Nahrungsmittelkonzerne grenzt an Körperverletzung durch Irreführung."

Ein Kapitel widmet Bode den CSR-Versprechen der Konzerne. So hat die deutsche Brauerei Krombacher zur Regenwaldrettung durch Biertrinken aufgerufen: Für jede verkaufte Kiste Bier wird ein Quadratmeter Regenwald gerettet, so das Versprechen. Ex-Greenpeace-Chef Bode kann der "Saufen für den Regenwald-Aktion" freilich wenig abgewinnen. Viele Aspekte aus dem Buch kann man übrigens auch auf den Webseiten von Foodwatch (www.foodwatch.de und www.abgespeist.de ) nachlesen.

( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011