Genuss 05.12.2011

Experten-Tipp: Weine der Mittelmeer-Länder

Ein Gespräch mit Top-Sommelier Gerald Diemt vom Restaurant Novelli. Über Geheimtipp-Weine, den Trend zu weniger Alkohol und den ewigen Diskurs zwischen Traditionalisten und Modernisten.

Gerald Diemt ist Sommelier im Wiener Restaurant Novelli. Er hat einige interessante Stationen hinter sich, darunter als Sommelier in englischen Hotels und Restaurants oder in Mörwalds Kloster Und in Krems. KURIER.at führte mit ihm das folgende Gespräch über mediterrane Weine.

KURIER.at: Viele Urlauber kennen das: Man trinkt irgendwo in Italien oder Spanien einen Wein und findet ihn ganz toll. Man ersteht ein paar Flaschen. Daheim geöffnet ist es dann pure Enttäuschung im Glas.

Gerald Diemt: Viele Weinen präsentieren ihre Reize eben besonders gut, wenn der Konsument in Urlaubsstimmung ist. Man ist entspannt, kommt vielleicht gerade durstig vom Strand oder von einer Besichtigung. Ein gutes Beispiel: der Est-Est-Est aus dem Latium. Der schmeckt wirklich am besten vor Ort. Das gilt auch für gewisse leichte Weißweine in Spanien oder in Südfrankreich. Da kann man sich den Transport nach Österreich ruhig sparen.

Was halten Sie vom griechischen Wein? Udo Jürgens hat ihm ja einmal ein Lied gewidmet.

Die Griechen sind bis jetzt nicht sehr ambitioniert gewesen. Aber da und dort tut sich was. Zum Beispiel auf Santorin. Da gibt es mineralische, frische Weißweine. Ähnlich den unseren in der Steiermark. Die sind in Verkostungen kaum zu erkennen. Sie haben gute Weißweine und gute Rotweine und tolle Rebsorten. Die Rotweine sind stark im Alkohol, haben aber auch eine hohe Tanninstruktur, die den Alkohol mitträgt.

Viel Alkohol ist eigentlich in fast allen Mittelmeerweinen, oder?

Das liegt am Klima und trifft zumindest auf die meisten Rotweine zu. Der Trend unter den Weingenießern ist ja gerade gegenläufig. Alle - Politik und Medien - reden uns ein, dass zu viel Alkohol nicht gut ist. Die Menschen glauben das und wollen jetzt lieber leichtere Weine, die zum Essen passen. So wie im französischen Burgund zum Beispiel. Außerdem sollen die Weine den Charakter der Region repräsentieren, wo sie herkommen. Mehr Typizität und weniger Alkohol.

Das vielzitierte Terroir ...

Genau. Auf Sizilien tut sich da gerade Interessantes. Die Weine rund um den Äthna unterscheiden sich total von den oft marmeladenartigen Suppen, die wir aus Sizilien sonst kennen. Es sind leichtere, oft filigrane Rotweine, burgunderartig.

Der ewige Streit

Gerald Diemt, Sommelier, trinkt nie im Dienst ...

Wie hat sich der Weinpapst Parker auf die Weine der Mittelmeerländer ausgewirkt?

Extrem. Parker bevorzugt, wie man weiß, extraktreiche Weine, sehr dicht und mit viel Alkohol. Es sind Verkostungsweine, die beim Trinken allerdings weniger Spaß machen. Viele Winzer haben in der Hoffnung auf Erfolg in den Parker-Rankings ihr Konzept des Weinmachens umgestellt. Mit dem Ergebnis, dass von Bordeaux bis Piemont und Toskana viele Rotweine nicht mehr wieder zu erkennen sind. Das liegt aber natürlich auch an modernen Kellertechniken.

Was unterscheidet einen so genannten Parker-Wein von einem traditionell gemachten Wein?

Die Traditionalisten sind eher elegant und haben mehr Geschmack. Allerdings sind sie am Anfang nicht so charmant. Man muss ihnen Zeit geben. Dafür haben sie später mehr Terroir und generell weniger Alkohol. Es ist halt eine Frage, was man lieber hat.

Es gab auch jahrzehntelang einen Trend zu einer Einheitssorte: Cabernet Sauvignon und Merlot. Wie finden Sie das?

Die beiden Sorten kommen ja ursprünglich aus Frankreich, aus Bordeaux. Dann wurden sie überall angesiedelt. Ein Beispiel sind die so genannten Super-Tuscans, die berühmten Vini di Tavola aus der Maremma, aus der Region Bolgheri. Man sagt, das wäre der kleine Bordeaux. Klingende Namen wie Ornellaia, Sassicaia ... das sind alles Cabernet-Merlots. An sich sind diese beiden Sorten eine Art Sprungbrett für eine Region, die noch nicht genügend präsentiert wurde. Aber man muss vorsichtig sein.

In der Toskana ist ja eine ganz andere Rebsorte heimisch.

Das ist der Sangiovese. Und der Sangiovse Grosso, ein spezieller Klon des Sangiovese, im Brunello.

Die berühmten Brunello-Weine waren in den letzten Jahren vor allem durch Skandale berühmt.

Da gab es ein paar schwarze Schafe, die dachten, sie machen mehr Wein als der Weinberg hergibt. Ein großer Imageschaden für alle. Dennoch ist Brunello als Marke sehr langgedient und die Probleme sollten in den Griff zu kriegen sein. Auch dort gibt es übrigens die Konfrontation zwischen Traditionalisten wie zum Beispiel dem Weingut Biondi Santi oder Modernisierern wie zum Beispiel dem Weingut Banfi.

Viele schwärmen im Sommer von den Rosé-Weinen aus Südfrankreich. Was halten Sie davon?

Auch hier gilt, was wir vorhin über die Weine festgestellt haben, die man in den Ferien trinkt. Sie machen übrigens auch anständigen Weißwein da unten, an der Cote d'Azur, in Bandol oder in Cassis. Oder weiter westlich die Grenache-Weißweine, wobei die für den österreichischen Gaumen wahrscheinlich zu wenig frisch sind. Ich rate im Süden Frankreichs also eher zu Rotweinen, körperreiche und strukturierte Cote du Rhones oder der berühmte Chateauneuf du Pape. Die Hauptrebsorten da unten sind Grenache und Syrah, das ergibt Weine von besonderer Würze und Kraft.

Was sagen Sie zur Entwicklung in Spanien?

Im Rioja selbst tut sich wenig. Ich mag sehr das Gebiet in Galizien, Rias Beixas. Fruchtige Sauvignon Blancs, die an leichte Loire-Weine erinnern. Wenn wir ganz in den Süden gehen, nach Andalusien, finde ich, dass das Thema Sherry bei uns immer noch zu wenig präsent ist. Sherrys haben so viele Typen, sie passen vom Aperitif bis zum Dessert. Herrlich, ein trockener Manzanilla, eiskalt serviert zu Antipasti ...

Mein Vater trank immer halbsüßen Sherry mit Zimmertemperatur.

Da war er nicht der einzige, der es so gehalten hat. Sherrykultur wie in Spanien ist bei uns nicht sehr weitverbreitet.

In Spanien gibt es ja auch Weine, die es eigentlich nicht gibt.

Weil sie gleich ausverkauft sind. Da gibt es ein paar reiche Herrschaften, die leisten sich halt ein Weingut. Dann beschränken sie die Menge total. Das heizt natürlich die Nachfrage an, weil die Weine ja auch sehr gut sind. Beispiele: Vega Sicilia oder Pingus. Da kostet dann eine Flasche gleich einmal 500 Euro oder mehr. Wenn man überhaupt einen bekommt.

Wie ist es mit den Weinen in Ligurien oder auch Kroatien?

In Ligurien gibt es unglaublich viele kleine Weingüter, eher von regionaler Bedeutung. In Istrien, auch in Slowenien tut sich viel. Da findet gerade eine richtige Aufholjagd statt. Interessant für die Zukunft ist auch Rumänien. Da wird gerade im großen Stil investiert.

Und die andere Seite des Mittelmeeres? Etwa der Libanon?

Schöne Rotweine, im französischen Stil, also Bordeaux-ähnlich. Zum Beispiel fällt mir da ein Chateau Musar ein, ein Cabernet-Merlot, der sehr alt werden kann. Aber für uns ist das natürlich weniger relevant.

Welche Weine würden Sie selbst zum Essen wählen?

Zu Vorspeisen oder zum Aperitif wie gesagt Sherry, einen Manzanilla von Lagitana. Dann zu Fisch, leichten Gemüsegerichten oder leichten Teigwarengerichten einen Weißwein aus Rias Beixas, zum Beispiel einen Albarino Pazo Barrantes, einen Gattinara aus dem Piemont zu geschmortem Rind, einen Dido von der Bodega Universal aus dem Süd-Osten Spaniens zu gebratenem Geflügel, zum Beispiel Taube.

Eine persönliche Frage zum Abschluss: Wie schafft man es, diesen Job zu machen, ohne zum Trinker zu werden?

Aus Selbstschutz muss man doppelt vorsichtig sein. Man hat ja ständig Kontakt mit Wein und anderem. Ich selbst trinke nie untertags. Nach der Arbeit vielleicht ein Bier. Ein Glas Wein am Sonntag.

Danke für das Gespräch.

( KURIER.at ) Erstellt am 05.12.2011