© Biobalkan/Jürgen Schmücking

Genuss
03/27/2019

Bio vom Balkan: Paprika-Pasteten aus Südserbien

Pikant und auch sozial verträglich: Mit dem Erwerb sichern Feinspitze die Arbeitsplätze armutsgefährdeter Frauen

von Uwe Mauch

„Ihr Lohn wurde soeben auf das Konto überwiesen.“ Slobodanka Pavlović erinnert sich noch an diese SMS und die Tränen in den Augen ihrer 50-jährigen Landsfrau. Es war der erste Lohn in ihrem ganzen Leben. Nicht, dass diese brave Frau noch nie gearbeitet hätte – aber bis zu diesem Tag immer nur zu Hause, immer nur für Gottes Lohn.

Slobodanka Pavlović ist eine gelungene Mischung aus Sozialarbeiterin und Selfmade-Managerin – in einer Region im Südosten Europas, die seit dem Zerfall Jugoslawiens mit 60 Prozent Arbeitslosigkeit zu kämpfen hat. In der Provinzstadt Lebane unweit der serbisch-kosovarischen Grenze gab es in ihrer Kindheit, im ehemaligen Jugoslawien mit dem großen Absatzmarkt vor der Haustür, noch sechs intakte Fabriken. Und heute? „Ist alles kaputt.“

Die „Rose vom Berg Radan“

Daher ziehen die Jungen, die Grips haben, aus Lebane weg. Nach Belgrad, in die EU oder gleich nach Übersee. „Auch meine Kinder sind längst in Italien“, sagt die engagierte Mutter, die sich Sorgen um die Zukunft der Leute von Lebane macht. Slobodanka Pavlović hat nach der Schule in verschiedenen Jobs gearbeitet, ehe sie im Jahr 2015 die gemeinnützige GmbH Radanska Ruža ins Leben gerufen hat. Das Ziel der „Rose vom Berg Radan“ ist klar definiert: „Wir wollen den arbeitslosen Frauen in unserer Region eine Aufgabe, Einkommen und auch Selbstvertrauen geben.“

Ursprünglich konnte die Privatinitiative gerade einmal fünf Frauen Arbeit geben, und das nur während der Erntezeit von Mitte August bis Mitte November. Von Anfang an verarbeiten sie Gemüse und Obst, nach traditionellen Rezepturen, die auf dem Balkan von Region zu Region leicht variieren können. Aus Paprika und Melanzani zaubern sie zum Beispiel pikante Pasteten wie Ajvar und Pindjur oder eingelegtes Gemüse. Aus Walderdbeeren, Quitten, Zwetschken und Brombeeren Marmeladen, Säfte und Kompott.

Die lokale Erfolgsgeschichte würde wohl mit uns weiter nichts zu tun haben, hätten nicht innovative, sozial denkende junge Leute sowie Mitarbeiter der Caritas und des Wiener Hotels magdas die schöne Idee gehabt, den Armen Europas Geld nicht als Spende, sondern als Gegenleistung für aufwändig produzierte Gaumenfreuden zu überweisen.

„Balkan Express“ in den Prater

Am Anfang dieser grenzüberschreitenden Zusammenarbeit steht ein Österreicher, der die Balkan-Route als Chance und nicht wie andere als Gefahr ansieht. Der Wiener Berater und Unternehmer Hans-Jörg Hummer hat nach seinem Jus-Studium 15 Jahre lang für die österreichische Entwicklungszusammenarbeit Projekte in Serbien, Bosnien und Montenegro betreut. Vor drei Jahren hat ihn ein Bekannter von einer Wiener Foodcoop gefragt, ob er nicht einmal einen Kofferraum voll von diesem köstlichen Ajvar nach Wien bringen könnte. Er konnte. „Schnell ist mir damals klar geworden, dass sich da eine sinnvolle Zusammenarbeit ergeben könnte“, erzählt Hummer. Auf einer Recherchereise hat er dann in Lebane das Sozialunternehmen von Slobodanka Pavlović kennengelernt. Schnell war klar, dass eine Hand der anderen helfen kann.

„Von den Österreichern haben wir gelernt, was zu tun ist, um Bio zu produzieren“, ist Frau Pavlović voll des Lobes für ihre Partner. „Dafür liefern sie uns heute Produkte, die aufgrund ihrer unverbrauchten Böden tatsächlich bio sind“, spielt Hans-Jörg Hummer den Ball zurück auf den Balkan. Wer weiß, wie viel Papierkram bei Zertifizierungsverfahren zu erledigen ist, wird vor den südserbischen Kleinbauern den Hut ziehen. Seit wenigen Tagen gibt es Ajvar und Pindjur von BioBalkan jedenfalls im Caritas-Hotel magdas im Prater sowie im Online-Shop und ersten ausgewählten Bio-Läden in Wien, Niederösterreich, Oberösterreich und der Steiermark.

Aus Kolleginnen wurden Freundinnen

Inzwischen arbeiten 32 Frauen mit geregeltem Einkommen für Radanska Ruža. Sie erhalten 1,50 Euro pro Arbeitsstunde, was für die von Arbeitslosigkeit und Armut seit Jahren geprägte Region verhältnismäßig viel ist. Jedenfalls ist die Stimmung unter den Frauen gut. „Aus Kolleginnen sind Freundinnen geworden“, freut sich Slobodanka Pavlović.

Mal sehen, wohin die gemeinsame Reise noch hinführt. Bio-Gemüsepasteten alleine machen noch keine Produktpalette. Deshalb denken Hans-Jörg Hummer und die Unterstützer seiner Balkan Express Handels GmbH (mit derzeitigem Sitz im Impact Hub Vienna im siebenten Bezirk) strategisch und geografisch schon weiter: Möglich, dass man schon bald Bio-Haselnüsse aus Mazedonien und Bio-Feigen und Zitrusfrüchte aus der Herzegowina importieren kann. Ein feines Angebot jedenfalls, mit viel privatem Herzblut.

Bio-Balkan-Sixpack um 35 €

Viel Aufwand in jedem einzelnen Glas: Ajvar ist eine pikante Paprika-Pastete, die einst von den Türken auf dem Balkan populär gemacht wurde. Die Zubereitung ist gelinde gesagt sehr aufwendig: Nach der Ernte müssen die Paprika gebacken, geschält, gemixt und dann stundenlang gekocht und dabei ständig umgerührt werden. Man isst die Pastete zu Fleisch oder einfach als Brotaufstrich.

Sechs 200-Gramm-Gläser im Karton: Nicht Nachbar in Not, sondern Gutes vom Nachbarn: Das ist die Devise der Balkan Express Handels GmbH. Ein „Bio-Balkan-Sixpack“ (sechs  im Karton verpackte Gläser zu je 200 Gramm) kosten wohlfeile 35 Euro. Mehr Infos unter: https://www.biobalkan.info/

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