© Claudia Bergero

Genuss
09/23/2019

Diese Mädels wollen mit ihrem Kaugummi die Welt retten

Zwei Unternehmerinnen wollen uns dazu bringen, nur noch auf Kaugummi aus Baumharz und Bienenwachs zu kauen.

von Anita Kattinger

Eine zähe Angelegenheit – zuerst bröckelt der Kaugummi wegen der Kälte, dann braucht es einen ordentlichen Einsatz des Kiefers. Der "Alpengummi" schmeckt ein bisschen nach Wald und Minze – und durch das Harz ein wenig bitter für sensible Gaumen.

Zwei junge Umweltwissenschafterinnen wollen die Pecherei – ein altes Gewerbe zum Gewinnen von Baumharz – unterstützen und entwickelten einen Kaugummi aus heimischen Rohstoffen.

Claudia Bergero (28) erzählt: "Meine Mutter hat als Kind in Tirol sogenanntes Kaupech gekaut. Erstaunlich viele Menschen wissen heute jedoch nicht, dass sie auf Kunststoff kauen und Kaugummis seit den 50er–Jahren gar nicht mehr natürlich sind. Der erste vermarktete Kaugummi wurde nach einem Rezept von amerikanischen Ureinwohnern aus Fichtenharz und Bienenwachs hergestellt."

Pecherei: Ein vergessenes Gewerbe

Früher brauchte man das Harz für viele Arbeitsabläufe wie das Abdichten von Schiffen, bis es von Kunststoff abgelöst wurde. Allein in Niederösterreich konnten einst 7.000 Familien von der Harzgewinnung (Anm: Pecherei) leben, heute gibt es noch rund 20 Pecher, die ihr Wissen mit Sandra Falkner (27) und Bergero teilen.

Damals wie heute wird im Triestingtal das Baumharz per Hand von der Schwarzkiefer (Anm: auch Schwarzföhre genannt) gewonnen, da diese unter allen Nadelhölzern der harzreichste Baum ist.

Bernhard Kaiser, der oft als letzter Pecher bezeichnet wird, betreibt eine Forstwirtschaft und liefert das Harz für die beiden Gründerinnen. Kennengelernt haben sie sich in einem Pecher-Kurs, den Kaiser für Interessierte veranstaltet.

Oft Städter, die ein Handwerk in der Natur ausüben wollen. "Als wir das erste Mal mit ihm über unsere Idee geredet haben, hat er aber gar nicht gewusst, dass man das Harz kauen kann, obwohl im Westen von Österreich das Wissen noch vorhanden ist. In den USA hat man einst die Holzarbeiter optisch erkennen können, weil sie Harz kauten."

Die Arbeit des Pechers beginnt im Frühjahr, wenn er die Baumrinde abschlagen muss. Danach kann aus dem Ritz das Harz durch Leitspäne in einen Becher rinnen.

Im Winter werden die Pechscharten für die nächste Saison mit dem Schartenhobel angefertigt und die Werkzeuge gepflegt, damit der Arbeitsprozess im Frühjahr von vorne beginnen kann. Die Harzgewinnung beeinträchtig nicht die Lebensfähigkeit des Baumes, aber dessen Wachstum verlangsamt sich.

2011 ernannte die UNESCO die Pecherei in Niederösterreich zum immateriellen Kulturerbe – seitdem gibt es einen Verein, dem auch die Start-up-Gründerinnen angehören, der das Handwerk der Pecherei einer breiten Öffentlichkeit bekannt machen möchte.

Wie verhält sich das Harz in der Produktion? "Da es sich um ein Naturprodukt handelt, merken wir, dass es auf Temperaturschwankungen sensibel reagiert. Bei Kälte verhält es sich im Kaugummi etwas spröde. Weichmacher sorgen hingegen im herkömmlichen Kaugummi für Elastizität."

Neben Baumharz und Bienenwachs stecken noch natürliche Aromen wie Minze im "Alpengummi" – demnächst könnte es eine Geschmacksrichtung ohne Birkenzucker geben, die nach "mehr Wald" schmecken soll.

Öko-Bilanz: Erdöl wird um die Welt geschifft

Auf handelsüblichen Kaugummis steht lediglich der Begriff Kaumasse auf der Verpackung: "Niemand weiß, was genau alles drinnen steckt. Wir hoffen, dass es künftig eine genauere Inhaltsangabe geben wird, damit die Kunden ähnlich wie bei Palmöl sensibilisiert werden."

Warum soll man das Konkurrenz-Produkt aus Österreich kaufen? Grundsätzlich kritisieren die Start-up-Gründerinnen die Öko-Bilanz des Erdöls und die gesundheitlichen Nebenwirkungen von herkömmlichen Kaugummis: "Nicht nur, dass das Erdöl durch die ganze Welt geschifft wird, die petrochemischen Stoffe werden auch extrem aufwendig verarbeitet."

Weiters stecken in vielen Streifen und Dragees hormonell wirksame Substanzen wie zum Beispiel das Antioxidationsmittel BHA, das eine östrogenisierende Wirkung haben soll. "Zudem gibt es eine Wiener Studie, wonach Menschen, die viel Kaugummi kauen, eine höhere Konzentration an Weichmachern im Harn aufwiesen."

Da das Ersatzprodukt aus Österreich nur aus natürlichen Rohstoffen besteht, könnte es im Kompost verrotten – Langzeitstudien haben die Gründerinnen freilich noch nicht in der Tasche: "Für das Kompostieren braucht es Humus. Auf Asphalt braucht niemand unseren Kaugummi ausspucken, dort würde er nicht verrotten. Genauso wenig wie eine Bananenschale am Waldboden verrotten würde, diese muss in tiefere Erdschichten, damit die Organismen arbeiten können."

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