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freizeit
01/24/2015

Himmel aus Holz

Wolkenkratzer aus dem Wald: Michael Horowitz über das höchste Holzhaus der Welt, das schon bald – mitten in Stockholm – entsteht.

von Michael Horowitz

Bilder der Erde ohne Bäume. Und von brennenden Städten. In einer Inseraten-Kampagne kämpfte in Kanada die Betonindustrie vor kurzem gegen Architektenträume der Zukunft. Gegen den Rohstoff aus dem Wald. Gegen Hochhäuser aus Holz. Doch schon bald werden die Stahl- und Betonbauer mit der Realität leben müssen: Viele Experten halten den Baustoff Holz für mindestens so gut wie Stahl und Beton. Schon im Mittelalter hatten Holzhäuser einen Reiz, der über Jahrhunderte erhalten blieb. Vor 50 Jahren wurde Holz nur für Baracken und Blockhütten verwendet. Inzwischen hat längst ein Imagewandel eingesetzt. Das Baumaterial aus der Natur erlebt im Städtebau eine ungeahnte Renaissance. Holz ist – neben Bambus – für immer mehr Architekten eine gesunde Bau-Alternative. Schon heute gibt es in London, Melbourne und Dornbirn Stadthäuser aus Holz. Allerdings nur mit einer maximalen Höhe von zehn Etagen. Beim traumhaft schönen achtstöckigen Vorarlberger Life Cycle Tower sind allerdings Treppenhaus und Aufzugsschacht noch aus Beton. Schon in den nächsten Jahren wird man bei Holz-Hochhäusern komplett darauf verzichten können. Um die himmelstürmenden Pläne für Woodscraper, hölzerne Wolkenkratzer mit 70 und mehr Stockwerken, realisieren zu können, sucht man an der Universität Cambridge nach dem Superholz. Bis jetzt kann Holz ab einer gewissen Gebäudehöhe das Gesamtgewicht nicht mehr tragen. Für die Wissenschaftler rund um Michael Ramaga ist das aber kein Grund, an ihrer Vision zu zweifeln. Sie wollen Holz so verändern, dass es auch solchen Belastungen standhält: „Wir gestalten Holz auf der molekularen Ebene um, um eines der am höchsten entwickelten Materialien zu schaffen“, meint Ramaga.

In Neuseeland, dem Pionier des modernen Holzbaus, werden bereits große Teile des vor vier Jahren durch ein Erdbeben zerstörten Stadtteils in Christchurch aus Holz wiederaufgebaut. Im nicht minderer von Erdbeben gefährdeten Japan setzt man bei geplanten Holz-Giganten auf traditionelles Wissen des Pagodenbaus und in Vancouver soll in einigen Jahren ein 30-stöckiges Hochhaus in den Himmel wachsen. In Schweden wird schon ab nächstem Jahr am höchsten Holzhaus der Welt gebaut: Zwischen seinen Nachbarn aus Beton und Stahl. Mitten in der Innenstadt von Stockholm. 43 Meter hoch, mit 120 Wohnungen auf 13 Stockwerken – alles nur aus Holz, vom Aufzugsschacht bis zur Fassade. Im Zedernhaus gibt es weder Beton noch Stahl, weder Gips noch Putz für die Fassade. Seinen Namen hat der nordische Woodscraper von den Schindeln aus kanadischem Zedernholz, mit dem das Hochhaus verkleidet wird. Inspirieren ließen sich die schwedischen Architekten Eder & Grip vom US-Kollegen Louis Sullivan, der als Vater der Wolkenkratzer gilt. Holz hat viele Vorteile: Es ist leichter, aber genauso tragfähig wie Stahl. Es ist wärmedämmend, wer mit Holz baut, verbraucht weniger Energie. Und der Rohstoff aus dem Wald ist ein Star des Naturschutzes – beim Bau eines Holzhauses entstehen im Vergleich zu einem Betonbau nur rund ein Zehntel der Treibhausgase. Allerdings gibt es einen Nachteil: Holz brennt recht gut. Daher sind die Bauvorschriften weltweit extrem streng. In Österreich wurden bereits 2007 die Auflagen für hohe Holzbauten gesenkt. Andere Länder werden in Zukunft nachziehen, denn technisch sei ein sicheres Holz-Hochhaus kein Problem, meint Martin Gräfe von der TU München. Architekt Frank Lloyd Wright, der Erbauer des Guggenheim Museums und des spektakulären Fallingwater-Hauses mitten auf einem Wasserfall, hatte schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Vision. Er träumte von einem 1,6 Kilometer langen Wolkenkratzer – mehr als vier Mal so hoch wie das Empire State Building und doppelt so hoch wie der Wahnsinnsturm Burj Khalifa in Dubai. Das für New York geplante Luftschloss hätte eine Nadel aus Stahl, Glas und Beton werden sollen. Mit durch Atomkraft angetriebenen Aufzügen. Obwohl er immer von organischer Bauweise schwärmte. Wer weiß, würde Wright heute leben – vielleicht hätte er den Himmelsstürmer aus Holz gebaut.

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