freizeit
02.01.2015

Roman Rafreider über Nachrichten

Wer Nachrichten sagt, muss auch Roman Rafreider sagen. Der Präsentator von ZiB 20 und ZiB 24 arbeitet inzwischen seit 20 Jahren für den ORF. Warum er Jahresrückblicke eigentlich nicht mag, was ihn 2014 bewegt hat und wie er zur Diskussion um sein Aussehen steht, erzählt der Anchor Man in der freizeit.

freizeit: Herr Rafreider, Sie sehen müde aus. Wie kommt’s?

Roman Rafreider: Ich hatte Bronchitis. Aber da meine Kollegin Lisa Gadenstätter nicht da war, um meinen Dienst zu übernehmen, konnte ich mich nicht auskurieren. Zum Glück keine Ermüdungserscheinungen.

Sie feiern heuer Ihr 20-jähriges ORF-Jubiläum. Wie geht es Ihnen damit?

Das hört sich heftig an, obwohl es natürlich schön ist. Ich hätte wetten können, es wären 15 Jahre. 1995 war ich gerade mit dem Studium fertig und habe im Landesstudio Vorarlberg beim Radio begonnen. Drei Jahre später wurde ein Moderatoren-Job für „Vorarlberg heute“ frei. Bis heute bin ich im Sommer Gastmoderator im Ländle. Das ist mein Brückenschlag in die Heimat.

Wie war es, die Heimat zu verlassen?

Ich habe schon überlegt, ob ich das überhaupt machen will, weil ich einen Super-Job hatte und bimedial für Radio und Fernsehen arbeiten konnte. Unter den Moderatoren gab und gibt es Rollenaufteilungen, um unterschiedliche Zielgruppen abzudecken. Den ländlichen Typ mit Dirndl, den älteren Herren und den politischen Moderator, den ich verkörpert habe.

Sie haben Politikwissenschaften studiert. Wann wurde Ihnen bewusst, dass Sie beruflich in diese Richtung tendieren?

Eigentlich schon im Gymnasium. Wir hatten das Schulfach Bürgerliches Recht, das mich sehr interessiert hat und nichts anderes war, als politische Bildung. Zeitungen habe ich auch immer mit Begeisterung gelesen. Während des Studiums hat mich dann Europarecht sehr interessiert. Irgendwann dachte ich mir: Was machst jetzt eigentlich damit? In Wahrheit kannst ja nix.

Was waren dann Ihre Pläne?

Entweder nach Brüssel gehen, um dort mein MBA zu machen, oder für den ORF als Korrespondent zu arbeiten. Wenn man so etwas früher am Studentenstammtisch erzählt hat, war der Grundtenor: „Klar, träum’ nur weiter!“ Für mich klang das auch utopisch. Später ist der Traum aber doch wahr geworden.

Lassen Sie uns kurz das abgelaufene Jahr 2014 besprechen. Als Nachrichtenkonsument hat man den Eindruck eines bewegenden, grausamen Jahres. Wie sehen Sie das als News-Anchor?

Es gibt derzeit schon auffallend viele Kriege und Krisen, die aufgepoppt sind. Kriegs- und Konfliktforscher sagen auch, dass es nach dem 2. Weltkrieg noch nie so viele Krisen- und Kriegsherde gegeben hat wie derzeit. Das ist das Auffällige am vergangenen Jahr. Innenpolitisch ist es dahingeplätschert, mit allen Höhen und Tiefen, die es in der Politik eben so gibt.

Können Sie nachvollziehen, dass Menschen sagen, sie wollen ob der „Bad News“ keine Nachrichten mehr sehen?

Man muss die Kirche im Dorf lassen. Solche Aussagen werden gemacht, seit es Nachrichten gibt. Ich glaube aber nicht, dass sich die Nachrichtenlage so verschlechtert hat. Früher hat man halt über Korea oder Vietnam berichtet. Die Menschen sind heute „over-newsed and under-informed“. Diese Begrifflichkeit gibt es schon länger und bedeutet, dass wir im Internet-Zeitalter mit Nachrichten förmlich zugemüllt werden. Kaum jemand weiß noch, was als seriös einzustufen ist. Und genau das ist die Existenzlegitimation für das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Unsere Aufgabe ist es, für unsere Seher seriös zu filtern und einzuordnen.

Welche Themen waren für Sie denn 2014 am wichtigsten?

Ehrlich gesagt, bin ich kein Fan von Jahresrückblicken. Das langweilt mich. Wenn ich so was lese, denke ich mir immer: Das hat doch jeder über das Jahr mitgekriegt. Ein Jahr ist einfach zu kurz, um einen Aha-Effekt zu erzeugen.

Schauen wir bitte trotzdem kurz zurück.

Grundsätzlich ist es so, dass die meisten Ereignisse nicht abgeschlossen sind und sich weiterziehen, wie zum Beispiel die Ukraine-Krise. Da besteht schon die latente Gefahr eines Kalten Krieges. Ich denke nicht, dass sie so stark ist wie schon einmal in der Geschichte, aber sie ist auch nicht eingebildet.

Der IS-Terror hat auch vielen Menschen in Europa Angst gemacht. Glauben Sie, dass die Angst berechtigt ist?

Den IS gibt es ja schon länger. Die werden nicht plötzlich vor uns stehen und alles niederreißen. Aber es war spannend zu sehen, dass selbst Think Tanks, die sich schon lange mit Terrorgruppen dieser Art befassen, von der Schlagkraft des IS überrascht waren. Die wurden ja zuerst als versprengte Pseudo-Dschihadisten abgeschasselt. Dann hat sich aber herausgestellt, dass der IS mit Methode arbeitet, gut organisiert ist und auch strategische Kriegsführung beherrscht.

Und wer waren für Sie die Menschen des vergangenen Jahres?

Die Ebola-Ärzte, die ihr Leben riskieren, um anderen zu helfen – und Conchita Wurst. Man kann von ihr halten, was man will: Ich finde sie großartig! Ich hoffe nur, dass sie nicht das Schicksal der meisten Instant-Promis erleidet. So wie Markus Rogan zum Beispiel, den ich auch kenne. Zuerst wurde er von allen hochgejubelt, dann fallengelassen. Als er ständig aus der Zeitung gelacht hat, ist er jedem auf die Nerven gegangen.

Sie müssen umfassend informiert sein, von „Soft News“ bis „Hard News“. Wie verschaffen Sie sich einen guten Überblick?

ORF on, unsere Internet-Präsenz, ist ganz wichtig. Die Zeitungen, wie auch der KURIER, sind wegen der Meinungen, Kommentare und Hintergründe interessant. Dann nutzen wir in der Redaktion heimische und internationale Agenturen. Internetseiten sind wichtig – von CNN bis Spiegel online. Und Twitter natürlich auch.

Sie sind auf Twitter sehr aktiv. Wie viele Journalisten.

Wenn Journalisten eine gute Geschichte haben, kündigen sie diese meist zuerst auf Twitter an und bringen sie erst dann auf der eigenen Internet-Seite. Aber ehrlich gesagt würde ich Twitter wahrscheinlich nicht nutzen, wenn ich von Beruf Schneider wäre.

Ende November kündigten Sie auf Twitter ein Interview mit Fritz Jergitsch, dem Erfinder der Internet-Satireseite „Die Tagespresse“ in der „ZiB 24“ an – obwohl Sie schon Opfer seiner Persiflagen wurden. Ist Ihnen das Interview leicht gefallen?

Aber hallo, sicher! Der Bericht war bizarr. Aber was man dort liest, ist meistens lustig. In Satire vorzukommen ist ein Kompliment. Wenn Stermann und Grissemann sich in „Willkommen Österreich“ über jemanden lustig machen, ist das gut. Denn wenn niemand über dich redet, müsste man sich ja fast schon Gedanken machen.

Auf „dietagespresse.com“ hieß es im März 2014: „Drama um den beliebten ORF-Moderator Roman Rafreider: Die Feuerwehr musste ihn heute aus dem Badezimmer seiner Wohnung befreien, nachdem er dort vom eigenen Spiegelbild gefesselt worden war.“ Schluckt man da nicht erst einmal?

Bei uns werden Studiogäste vom Chef vom Dienst eingeladen. Ich wurde natürlich vorher gefragt, ob mir das recht ist. Aber ich musste keine Sekunde überlegen. Wenn man das nicht aushält, muss man sich einen anderen Job suchen. Beim Villacher Fasching intervenieren Politiker sogar, um dort vorzukommen. Nach einem Schmäh gibt es den Gegenschuss der Kamera ins Publikum. Wenn der Politiker dann lacht, kann er nur gewinnen.

Selbstironie macht sympathisch. Fühlen Sie sich manchmal diskriminiert, weil immer wieder öffentlich über Ihr Aussehen diskutiert wird?

Sie meinen optische Diskriminierung. Tendenziell ist es schon so, dass sich Diskussionen in Bezug auf mich vor allem um mein Aussehen drehen. Die Frage lautet dann: Ist er zu schön für Nachrichten? Wenn ich einen inhaltlichen Fehler mache, nehme ich das ernst. Aber ich kann mich nicht darüber ärgern, wenn sich jemand ärgert, dass ich zu schön bin. Was ich im Übrigen nicht so sehe. Für sein Aussehen kann man nix.

Sie haben vorhin Stermann und Grissemann angesprochen. Waren Sie eigentlich schon einmal in „Willkommen Österreich“ zu Gast?

Anfragen kommen immer wieder. Ich bin sicher auch einer der größten Fans der Sendung und schaue mir alle im Fernsehen oder in der ORF-TVthek an. Die erste Anfrage kam allerdings kurz nachdem ich beim „Kaiser“ zu Gast war. Da war mein Bedarf, verarscht zu werden, erst einmal gedeckt. Grundsätzlich sind die eh nett. Aber ich finde mich auch nicht so interessant. Wenn ich dort sitzen würde, wäre das eine Entzauberung, weil ich ein Teil der Sendung werden würde.

Die erste Anfrage für „Willkommen Österreich“ kam, nachdem ich beim „Kaiser“ zu Gast war. Da war mein Bedarf, verarscht zu werden, erst einmal gedeckt.

- Roman Rafreider

Man liest in den Medien viel über Ihr Privatleben. Wie nehmen Sie diese Berichte auf? Verletzen Sie diese Geschichten – und kann es sein, dass Sie als Person einfach zu offen sind?

Ich bediene diese Geschichten ja nicht. Und verletzen ist das falsche Wort. Da wird mit Methoden gearbeitet, die unanständig sind – Fotomontagen zum Beispiel. Es gab eine Geschichte über meine angebliche Affäre mit Robert Kratkys Ex-Freundin. In einer Boulevard-Zeitung wurde ein Foto veröffentlicht, auf dem sie mich umarmt. Die Wahrheit ist, dass auf dem Original-Foto Robert Kratky zu sehen war und ich reinmontiert wurde. Unglaublich! Der Trost ist, dass meine Eltern in Vorarlberg das alles nicht mitbekommen.

Haben Sie eigentlich Geschwister?

Eine jüngere Schwester.

Ist die auch so fesch wie Sie?

Ich finde sie fescher. Sie lebt in Vorarlberg und ist Surferin aus Leidenschaft. Derzeit macht sie eine Montessori-Ausbildung für Kinderbetreuung. Drei Monate pro Jahr ist sie in Costa Rica, wo ihre Freunde ein Surf-Camp haben. Das ist ihr Ding. Ich bin da ein bissl anders.

Sie haben auch einen 13-jährigen Sohn. Würden Sie es wollen, dass er einmal in Ihre Fußstapfen tritt?

Das gebe ich nicht vor. Wenn er Journalist werden will und gute Gründe dafür hat, soll er es tun. Alles, was er mit Leidenschaft macht, ist mir recht. Er kann auch Kaminkehrer werden. Es muss nur im Rahmen des Gesetzes sein. Es ist mir wurst. Aber im Moment will er Arzt werden. Er hat jetzt in der dritten Klasse ein Praktikum bei einem Schönheitschirurgen gemacht. Das hat ihm getaugt. Ich habe aber darum gebeten, keine Brüste zu machen, wenn der Luci dabei ist.

Wie schauen Ihre beruflichen Perspektiven 2015 aus? Hätten Sie nicht Lust, die ZiB 1 oder die ZiB 2 zu moderieren?

Das ist doch vom Aufgabenbereich nix anderes als das, was ich derzeit mache. Die Uhrzeit ist halt eine andere und es schauen mehr Menschen zu. Wir haben dafür bei den Inhalten mehr Spielraum. Viele, die um 19.30 Uhr fernschauen, tun das aus Gewohnheit, weil es immer schon so war. Die Zuseher der ZiB 24, vom Studenten über den Pensionisten bis zum Manager, der spät heimkommt, konsumieren bewusst. Wenn ich also am Ende des Jahres 2015 noch immer die ZiB 20 und die ZiB 24 moderiere, bin ich sehr happy.

Ihr Neujahrsvorsatz 2015?

Ich mag keine Vorsätze. Mein Wunsch ist es, Klavier spielen zu lernen. Aber das macht man nicht in einem Jahr. Das ist eher ein Jahrzehnte- oder ein Jahrhundertprojekt.

Der Nachrichten-Mann

Roman Rafreider, 45, wurde in Bregenz geboren und hat eine jüngere Schwester. Er studierte Politikwissenschaften und Jus in Innsbruck und Wien, absolvierte aber auch ein Studienjahr an der Sorbonne in Paris. 1995 startete Rafreider im ORF-Landesstudio Vorarlberg seine journalistische Laufbahn. Zuerst arbeitete er für das Radio, ab 1998 moderierte er „Vorarlberg heute“. Zur Nachrichtenredaktion der „Zeit im Bild“ stieß er 1999 und ist als Präsentator der ZiB 20 und der ZiB 24 bis heute einer der News-Anchors des ORF. Er selbst bezeichnet sich als bunter Vogel mit Ecken und Kanten, der es okay findet, zu polarisieren: „Es stört mich nur, wenn man Sachen über mich sagt, die nicht stimmen.“ Dass er oft unterwegs ist, bezeichnet er als „nix Illegales oder Unseriöses. Ich moderiere auch viele Veranstaltungen. Das ist Teil meines Jobs.“ Rafreider ist unverheiratet und Vater eines 13-jährigen Sohnes.