Aggressive Wespen? Was die Insekten wirklich von uns wollen
Das Schinkenbrot liegt kaum auf dem Tisch, der erste Schluck Traubensaft ist noch nicht getrunken, da ist sie schon. Beim Heurigen umkreist eine Wespe erst den Teller und dann das Glas, landet schließlich auf dem Schinken und schneidet sich ein kleines Stück heraus.
Mundraub? Mitnichten – es ist Carearbeit. „Wenn sich eine Wespe etwas vom Schinken schneidet, dann ist das für ihren Nachwuchs“, sagt Dominique Zimmermann, Kuratorin für Hautflügler am Naturhistorischen Museum Wien.
Proteine für die Kleinen
Erwachsene Wespen interessieren sich vor allem für Zucker: Nektar, Baumsäfte, Obst, Marmelade oder Limonade liefern Energie. „Das ist quasi ihr Treibstoff“, erklärt Zimmermann. Die Larven brauchen hingegen Proteine, daher wird Fleisch vom Jausenteller ebenso ins Nest getragen wie erbeutete Fliegen oder Raupen. Die Wespe am Schinkenbrot futtert also altruistisch, sie packt Proviant für die „Wespenbabys“ ein.
Dabei gehen uns nur zwei Arten beim Essen auf die Nerven: die Deutsche und die Gemeine Wespe. Der Begriff „Wespe“ umfasst viel mehr, so Zimmermann: „In Österreich gibt es mehrere hundert stechende Arten, darunter Feld-, Weg- und Dolchwespen.“ Zählt man parasitoide Wespen dazu, die etwa Eier, Larven oder Puppen anderer Insekten befallen, sind es sogar Tausende. Keine der anderen Arten interessieren sich für menschliche Nahrung.
Die Zahl der Wespen folgt dem Jahresrhythmus: „Jedes Volk wird im Frühjahr von einer überwinterten Königin neu gegründet und wächst danach. Ende Juli, Anfang August erreicht das Wespenvolk seine maximale Größe, das ist der Höhepunkt der Wespensaison.“ Im Herbst stirbt das Volk; nur die im Spätsommer geschlüpften Jungköniginnen überwintern.
Hungrig, nicht aggressiv
Wärme macht Wespen tendenziell aktiver. Zimmermann vermutet auch, dass Dürre ihre natürlichen Nahrungsquellen wie Nektar und Baumsäfte verknappen kann. Dann suchen sie womöglich noch entschlossener bei Menschen nach Futter und Flüssigkeit. Extreme Hitze könne allerdings auch den Wespen zu viel werden. Die einfache Gleichung „je heißer, desto mehr Wespen“ geht aus ihrer Sicht nicht auf.
Und auch der häufig gehörte Satz, die Wespen seien besonders aggressiv, würde nicht zutreffen. „Vielleicht sind sie besonders durstig oder hungrig, aber nicht aggressiv.“ Eine Wespe sticht nicht, weil sie schlecht drauf ist. De Expertin unterscheidet zwei Situationen: Fühlt sich ein einzelnes Tier akut in seinem Leben bedroht, weil es gequetscht, geschlagen oder verschluckt wird, kann es sich verteidigen: „Das ist ein Notwehrstich“, sagt sie.
Anders sieht es rund um ein Nest aus, dort verteidigen die Tiere ihr gesamtes Volk. Dachse oder Bären können ein Nest vollständig zerstören – und auch der Mensch fällt aus Wespensicht in die Kategorie eines großen Säugetiers.
Erschütterungen, schnelle Bewegungen und das Kohlendioxid der Atemluft sind da mögliche Alarmsignale. „Dann fliegen viele Wespen aus und attackieren den Angreifer und das kann richtig unangenehm werden“, warnt Zimmermann. Nester daher nie selbst entfernen; in ihrer Nähe sind langsame Bewegungen besser als Rennen oder Fuchteln.
Schädlingsjäger
So lästig Wespen sein können, so nützlich sind sie abseits des Tisches. „Wenn man ein Wespenvolk in der Nähe hat, hat man auch weniger andere Insekten“, sagt Zimmermann. Ein großes Volk kann bei maximaler Stärke über 200.000 Insekten pro Saison vertilgen. Damit sind sie wichtige Regulatoren im Ökosystem, was man gerne vergisst, wenn gerade eine in der Limonade schwimmt.
Zurück zum Heurigen: Was tun, wenn die gelb-schwarze Besucherin beharrlich um das Gesicht kreist? Zimmermann selbst macht zuerst den Mund zu und bleibt möglichst ruhig. „Im Normalfall sticht sie nicht einfach so, sie findet an uns nichts Interessantes und fliegt bald wieder weg.“
Ausnahmen gibt es, etwa wenn am Mund eines Kindes noch süßer Saft oder Eisreste kleben. Deshalb sollten das Gesicht und die Hände nach dem Essen abgewischt werden. Was Wespen auch nicht mögen: Mit Wasser angesprüht zu werden sowie Rauch. Deshalb könnte das Anzünden eines Räucherstäbchens oder glimmender Kaffeesatz helfen.
Ihr wichtigster Rat ist ein anderer Blick auf die Tiere: „Jede Wespe ist nur auf der Suche nach Futter für ihren Nachwuchs, sie sorgt für ihr eigenes Überleben sowie das ihres Volkes und möchte niemandem Böses tun.“ Wer das im Hinterkopf behält, reagiert beim nächsten Anflug vielleicht etwas gelassener und lässt der Wespen ein Stück vom Schinken.
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