Wespenstich: Was die Immuntherapie bringt und wie man sich schützt
Zusammenfassung
- Eine Wespenallergie zeigt sich nicht durch eine lokale Schwellung, sondern durch Beschwerden am ganzen Körper wie Nesselausschlag, Atemnot, Hals- oder Zungenschwellung, Schwindel oder Kreislaufprobleme.
- Eine systemische allergische Reaktion kann auch nach zuvor unauffälligen Stichen plötzlich auftreten; nach solchen Symptomen ist eine allergologische Abklärung wichtig, Tests ohne verdächtige Reaktion werden nicht empfohlen.
- Nach einer gefährlichen systemischen Reaktion kann eine Insektengift-Immuntherapie das Risiko einer erneuten schweren Reaktion um rund 90 Prozent senken; bei Stichen im Mund- und Rachenraum ist wegen möglicher Atemwegsprobleme besondere Vorsicht geboten.
Mit Ende Juli, Anfang August beginnt die Hochsaison der Wespenallergien. „Sie kommt jetzt, weil die Wespenstaaten auf ihre Maximalgröße anwachsen“, sagt Univ. Doz. Wolfgang Hemmer vom Floridsdorfer Allergiezentrum in Wien. Nach einem Stich ist vor allem eines entscheidend: Bleibt die Reaktion an der Einstichstelle oder erfasst sie den ganzen Körper?
Lokale Schwellung ist meist nicht gefährlich
Schmerz, Rötung, Juckreiz und eine stärkere Schwellung können ein bis zwei Tage anhalten. „Das ist unangenehm, wird an sich aber nicht als gefährlich interpretiert“, sagt Hemmer. Kühlen kann die Beschwerden lindern. Eine Immuntherapie wird wegen einer reinen Lokalreaktion aber nicht begonnen.
Alarmzeichen sind Beschwerden fern der Einstichstelle: ein Nesselausschlag am Körper, Atemnot, Schwellungen im Hals, Schwindel oder Kreislaufprobleme. Bei Atemnot, deutlicher Hals- oder Zungenschwellung oder Kreislaufbeschwerden ist sofort der Notruf zu wählen und ein verordnetes Notfallset nach Plan anzuwenden.
Eine deutsch-österreichische S2k-Leitlinie von 2023 geht davon aus, dass rund drei Prozent der Bevölkerung im Lauf des Lebens nach einem Bienen- oder Wespenstich eine systemische allergische Reaktion entwickeln.
Warum die Allergie scheinbar aus dem Nichts kommt
Aber kann eine Wespenallergie plötzlich auftreten, obwohl frühere Stiche problemlos waren? „Ja, eigentlich ist das der Regelfall“, sagt Hemmer. „Ein Stich kann den Körper unbemerkt sensibilisieren; erst bei einem späteren Stich zeigt sich möglicherweise die Allergie.“ Eine Wespenallergie vorauszusehen, ist allerdings nicht möglich: „Wir können nicht unterscheiden, wer reagieren wird und wer nicht“, erklärt Hemmer.
Deshalb rät er von Tests ohne verdächtige Stichreaktion ab: Ein positives Ergebnis kann verunsichern, liefert aber keine verlässliche Prognose. Nach Beschwerden am ganzen Körper ist die allergologische Abklärung wichtig: „Welche Art von Reaktion war das, und braucht es eine spezielle Therapie?“
Die „Allergieimpfung“ schützt sehr wirksam
Nach einer gefährlichen systemischen Reaktion kann eine Insektengift-Immuntherapie angezeigt sein. „Das ist im Prinzip eine Allergieimpfung“, sagt Hemmer. Gereinigtes Wespengift wird zunächst in kleinen, dann steigenden Dosen gespritzt. Ist die Erhaltungsdosis erreicht, folgt meist alle vier bis sechs Wochen eine Injektion. Die Behandlung dauert mindestens drei Jahre, bei sehr schweren Reaktionen oder besonderen Risikofaktoren länger.
Ein Cochrane-Review mit sieben Studien und 392 Teilnehmenden ergab, dass die Gift-Immuntherapie das Risiko einer erneuten schweren allergischen Stichreaktion um rund 90 Prozent senkt.
Der Dosisaufbau passiert ambulant oder ist, wenn's schneller gehen soll, unter stationärer Überwachung möglich. „Die zwei Möglichkeiten sind äquivalent“, sagt Hemmer. Das verordnete Notfallset soll während der Behandlung weiter mitgeführt werden, nach einer lebensbedrohlichen Reaktion meist auch danach.
Stich im Mund: Bei Kindern besonders aufpassen
Ein Stich in den Mund oder die Zunge klingt dramatisch, muss aber nicht zwingend gefährlich werden. „Wenn jemand nicht allergisch ist, ist die Schwellung meistens auch nicht so ausgeprägt“, erklärt Hemmer. Entscheidend sei vor allem, wo die Wespe zugestochen hat. Ein Stich an der Zungenspitze bereite meist kaum Probleme. Kritischer könne es am Zungengrund oder tief im Rachen werden, weil es dort anatomisch eng ist und eine stärkere lokale Schwellung die Atemwege beeinträchtigen kann.
Wie weit sich die Schwellung entwickelt, lasse sich unmittelbar nach dem Stich allerdings nicht sicher abschätzen. Hemmer rät deshalb, von innen zu kühlen – etwa Eis zu lutschen – und bei einem Stich tief im Rachen vorsorglich medizinische Hilfe zu suchen.
Vorhandene, ärztlich empfohlene Medikamente wie ein Antihistaminikum sollten entsprechend der persönlichen Anweisung eingenommen werden. Bei Atemnot oder zunehmender Hals- und Zungenschwellung ist sofort die Rettung zu rufen.
Besondere Vorsicht gilt bei kleinen Kindern: Ihre Atemwege sind enger, zudem können sie Beschwerden im Mund- und Rachenraum oft noch nicht gut beschreiben. „Das kommt Gott sei Dank selten vor“, sagt Hemmer.
Dennoch sollten Getränke im Freien abgedeckt und Flaschen oder Dosen vor jedem Schluck kontrolliert werden. Kinder sollten ihre Getränke mit Strohhalm trinken. Es ist auch wichtig, ihnen den Mund abzuwischen, nachdem sie etwas Süßes, wie etwa Eis, gegesssen haben.
- Die wichtigste Strategie bei Tisch ist simpel: Speisen und Getränke abdecken, Reste rasch wegräumen und bei Kindern Mund und Hände abwischen. Strohhalm beim Trinken verwenden.
- Nähert sich eine Wespe, ist es wichtig, den Mund zu schließen, ruhig zu bleiben sowie nicht herumzuschlagen oder sie anzublasen.
- Einzelne Tiere lassen sich mit reinem Wasser aus einer Sprühflasche vertreiben.
- Rauch wirkt ebenfalls abschreckend; ob glimmender Kaffeesud besser hilft als ein Räucherstäbchen, ist nicht untersucht, doch Fakt ist: Wespen mögen keinen Rauch.
- Achtung: Wespennester nie selbst entfernen
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