Voodoo Jürgens: "Mir sind die kleinen Gauner sympathischer"
Voodoo Jürgens geht neue Wege. Mit der freizeit spricht er über seinen veränderten Sound, die Storys hinter seinen Texten – und die Faszination an der „Halbwelt“.
Er ist seit seiner Debüt-Single „Heite grob ma Tote aus“ einer der erfolgreichsten Songwriter des Landes – und hat auch in Deutschland jede Menge Fans. Für seine erste Hauptrolle in Adrian Goigingers Film „Rickerl“ bekam er im Vorjahr den österreichischen Filmpreis.
Auf seiner aktuellen CD „Gschnas“ erfindet sich Voodoo Jürgens nun zumindest musikalisch neu.
Erkennen wir ihn noch? Voodoo Jürgens!
©Susanne Hassler-SmithGratulation zur hervorragenden neuen Platte. Und lassen Sie uns gleich den Elefanten tacklen, der hier im Raum steht: Ihr neuer, wirklich top-produzierter Sound. Wie kam’s dazu?
Na ja, man entwickelt sich schon weiter, ganz allgemein würde ich sagen.
Das ist klar. Aber dieser scheppernde Beisl-Sound war ja quasi schon Ihr Markenzeichen.
(lacht) Als ich die erste Platte aufgenommen hab, vor über zehn Jahren, da war ich ja froh, dass überhaupt jemand mitgespielt hat, dass ich mir das Studio leisten konnte. Vielleicht wurde der Sound dann ein bissl zu meinem Markenzeichen, ja ...
Diesmal haben wir die Instrumentaltracks zuerst aufgenommen, dann sind wir mit unserem Produzenten Wolfgang Möstl nach Bremen ins Studio.
Das hat sich ausgezahlt. Der Sound ist High-End, klingt nach internationaler Produktion, die auch perfekt zu den Americana-Songs des Albums passt. Ein wenig wie Tom Waits im Prater.
Wobei’s bei dem oft mindestens so scheppert wie auf meinen früheren Platten ...
Ich würde sagen zu 63 Prozent (ausgedehnte Pause) ... Also ja, da steckt schon viel von mir drin. Aber vieles beobachte ich auch nur in meinem Umfeld, bei Bekannten, in der Straßenbahn, in einem Beisl. Ich mag wirklich nicht mein Innerstes nach außen kehren. Bei „Tulln“ hab ich das im maximalen Ausmaß gemacht, so weit bin ich dann nie mehr gegangen.
Kehrt Voodoo Jürgens sein Innerstes nach außen?
©Susanne Hassler-Smith
"Zu 63 Prozent!"
©Susanne Hassler-SmithJa, natürlich, das hab ich selbst erlebt ... (nickt langsam und nippt vom Kaffee) Oder hab ich es nur beobachtet? Ich weiß nicht, ob man diese Dinge selbst erleben muss ... Aber ja, wahrscheinlich muss man das. Es ging mir jedenfalls um dieses Erkennen, wenn etwas Vertrautes, etwas, das man als selbstverständlich betrachtet hat, sich plötzlich immer weiter entfernt. Bis man es nicht mehr greifen kann.
Und mit dem Songtitel „Kassiber“ haben Sie meinen Wortschatz erweitert! Bevor ich ihn hörte, hätte ich einen Kassiber in der Küche verortet ...
Ehrlich? Ich dachte eigentlich, dass das Wort geläufiger ist. Aber mich haben doch schon einige drauf angesprochen ... Jedenfalls ja, das kommt aus der Häfn-Sprache und bezeichnet eine kleine, geschriebene Nachricht, die zwischen den Insassen ausgetauscht oder auch hinausgeschmuggelt wird. Ich mag diese alten Wörter, wienerische, aber gerade auch die aus dem Rotwelsch. Dieser Geheimsprache der Gauner, mit hebräischen, jiddischen, italienischen oder slowenischen, kroatischen, bosnischen Wurzeln, von allen Sprachen, die im alten Österreich gesprochen wurden, quasi. Die nur von Eingeweihten verstanden wurde.
„Taxitänzer“ vielleicht? Auch ein Titel auf dem neuen Album.
Nein, der kommt nicht aus dem Milieu. Aber den kennen Sie doch, oder? Das waren oder sind die Herren, die auf Bällen und in Tanzlokalen bereitstanden, um mit alleinstehenden Damen zu tanzen. Der Veranstalter bezahlte sie, sie sollten natürlich sehr gut tanzen können, aber auch charmant sein und in der Lage, eine Konversation zu führen. Ich hab da mal einen alten Taxitänzer kennengelernt, auf den NICHTS davon zutraf, außer, dass er tanzen konnte. Über den wollte ich schon lange einen Song schreiben ...
Apropos Milieu: Auf „Vaschwindn“ präsentieren Sie eine Art Flucht-Szenario. Der Protagonist muss Hals über Kopf aus der Wohnung, weil er sich als kleiner Gauner wohl mit den falschen Kerlen eingelassen hat. Woher kommt unsere Faszination an dieser Art Halbwelt?
Halbwelt ... Interessanter Name eigentlich, aber ja, so heißt das wohl. Ich weiß auch nicht. Vielleicht liegt’s ja daran, dass von der Politik über die Reichsten der Reichen bis zu Konzernchefs, die man gar nicht kennt, alles große Gauner sind. Die Dinge tun, die wir uns nicht einmal vorstellen können. Da sind mir die kleinen Gauner irgendwie sympathischer, die gerade so überleben, von einem Problem ins nächste stolpern und dabei von einem besseren Leben träumen, das wir alle nachvollziehen können.
Sie haben vorher Bremen erwähnt, wo Sie aufgenommen haben. Und Sie haben in Norddeutschland auch eine wirklich große Fan-Base. Werden Sie dort eigentlich überhaupt verstanden?
Erstaunlich wenig. (lacht) Nein wirklich, ich hab mir schon gedacht, dass das nicht so ein Problem ist! Aber nach Gesprächen mit Fans aus dem Norden, so nach Konzerten, bin ich draufgekommen: Die verstehen höchstens ein paar Worte. Und die nicht immer richtig. Aber ich denk mir, vielleicht ist das mit mir dort so wie mit dem Eros Ramazotti bei uns. Wir verstehen höchstens den Refrain, aber mögen ihn trotzdem. Und wir Österreicher gelten – auch wegen unserer völlig unverständlichen Aussprache – so irgendwie als exotisch. Daran könnt’s doch liegen, oder?
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