Thomas Brezina: Über Lebensfreude, KI-Konkurrenz und neuen Roman
Tom Turbo, Knickerbockerbande & Co sind Kult, seine Ratgeber Bestseller. Autor Thomas Brezina im Interview.
Der Hype um ihn ist groß: Als Starautor von Kinderbüchern, Romanen und Ratgebern für Erwachsene, als Social-Media-Phänomen. In Bühnenprogrammen und Keynotes leitet Thomas Brezina zu mehr Lebensfreude und Motivation an. Und kommt am 12.9. zur KURIER freizeit.live. Wir trafen ihn vorab zum Interview in seinem Büro.
Viele denken beim Namen Thomas Brezina nicht nur an Tom Turbo, sondern auch an Ihren legendären Schnauzer. Eine Style-Sünde oder schon früh ein Sinn für Wiedererkennungswert?
Keins von beiden. Ich habe nie über den Schnauzer nachgedacht, er ist einfach als Teenager gewachsen – und geblieben. Bis ich ihn nicht mehr wollte. Das ist jetzt 28 Jahre her. Manchmal sehe ich mich damit in Wiederholungen von Sendungen.
Sie haben 632 Bücher geschrieben. Wie viele gehen sich noch aus?
Viele! Ich arbeite gerade am nächsten und konzipiere zahlreiche andere. Solange mir etwas einfällt und ich das Gefühl habe, ich kann Menschen etwas erzählen, mit dem ich sie begeistere, schreibe ich weiter.
Gehen sich noch mal 600 Bücher aus?
Wenn ich mein Arbeitspensum beibehalte, bin ich bei den nächsten 600 wohl 100 Jahre alt. Also: ja, das kann durchaus sein. Aber ich bezeichne meinen Beruf als Geschichtenerzähler der Freude in den verschiedensten Medien. Von Abenteuer-Wanderwegen bis zu meinem Solo-Programm, das kommt heute alles dazu.
Diese 600 Bücher, erfüllen die Sie mehr mit Stolz oder Erstaunen?
Beim Schreiben bin ich völlig in meine Geschichten vertieft. Danach erwachen nach wie vor Zweifel. Ich frage mich: Ist das wirklich gut? Dann lese ich das Manuskript erst nach ein paar Wochen wieder. Und staune jedes Mal. Dass mir Geschichten so leicht zufliegen, und dass ich sie erzählen darf. Das ist ein Geschenk. Am meisten bedeutet mir aber das Echo der Leser: die mit meinen Büchern aufgewachsen sind und sie heute an ihre Kinder weitergeben. Oder jetzt meine Erwachsenen-Bücher lesen. Die schreiben, dass sie ihnen Freude, Mut oder Halt gegeben haben.
Thomas Brezinas vier wichtigste Worte im Leben: „Auch das geht vorbei“
©Kurier/Barbara NidetzkyIst Schreiben wie ein Rausch für Sie?
Das kann es werden, aber bis es so weit ist, sitze ich oft drei Stunden da und starre den Bildschirm an. Setze sieben Mal an, den ersten Satz zu schreiben, lösche ihn wieder, spiele online Backgammon, hol mir Kaffee, spiele mit dem Hund … und dann geht es plötzlich los. Ich würde es Flow nennen, nicht Rausch. Dieser Flow ist das tollste Gefühl. Ich höre auf zu denken, und alles findet wie von selbst zueinander.
Was ist wichtiger beim Schreiben, Disziplin oder Inspiration?
Ohne Inspiration nutzt die Disziplin nichts. Und ohne Disziplin kann man Inspiration haben, so viel man will und es wird nie was draus entstehen. Ich würde es so werten: 20 Prozent Inspiration, 80 Prozent Disziplin.
Viele befürchten, dass KI kreative Berufe verdrängen könnte. Sehen Sie das als Autor als Bedrohung?
Ich fühle mich nicht bedroht, die Welt verändert sich ständig. Die KI ist für mich ein Werkzeug. Wie kann sie unser Leben verstärken? Ich verwende sie als Testleser für die erste Fassung eines Buches. Mehr ist es nicht. Die KI holt sich Bausteine von allen möglichen Quellen, aber sie ist weder originär noch kreativ. Leser spüren den Unterschied, wo ein Mensch dahintersteht und wo nicht. Wenn jemand KI-Bücher lesen will, dann soll er das. Ich fürchte mich nicht davor. Das ist für mich keine Konkurrenz. Ich schreibe weiter wie eh und je und versuche, meinen Geschichten Seele zu geben.
Vollgas voraus: Brezina und seine berühmteste Schöpfung Tom Turbo
©Kurier/Barbara NidetzkyAn welchem Buch arbeiten Sie aktuell?
Es heißt „Die dunkle Seite, die lacht“. Ein Roman darüber, dass es auch wichtig ist, die schwierigen Zeiten und Seiten des Lebens zu entdecken. Das erzähle ich in einer Geschichte über ein Wohnhaus mit verschiedenen Leuten und einer geheimnisvollen Frau mit einem roten Kater, die dort in ein Lokal einzieht und für diese Menschen etwas sehr Wichtiges mitbringt. Es ist ein Buch, aus dem man Kraft schöpfen kann, das neue Blickwinkel eröffnet, und ein schönes Leseerlebnis ist.
Dunkle Zeiten und Kraftschöpfen: Warum ist es Ihnen wichtig, diese Themen in einen Roman zu verpacken?
Das ist ein Lebensthema für mich. Ich halte dazu viele Keynotes vor Institutionen und Gruppen, mein Hauptthema ist: Lebensfreude und ein erfülltes Leben zu finden. Mein aktueller Vortrag heißt: Was besser ist, als glücklich – der Erfolgsfaktor Freude.
Sind Sie ein glücklicher Mensch?
Wie jeder andere bin auch ich kein durchgehend glücklicher Mensch. Mich plagen zeitweise Zweifel, ich bin niedergeschlagen, ich kenne Angst. Ich wollte mich davon aber nie besiegen lassen. Ich habe immer Wege gesucht, wie ich freudiger durchs Leben gehen kann, aus jeder Situation und mir selbst mehr heraushole.
Ganz platt gefragt: Was sind Ihre Tipps für mehr Lebensfreude?
Lebensverändernd finde ich Folgendes: Am Abend vor dem Schlafengehen noch einmal kurz den Tag durchgehen. Und drei Dinge finden, für die ich dankbar sein kann und die dann richtig spüren. Egal wie groß, egal wie klein. Und auch an schlechten Tagen. Plötzlich entdeckt man, dass auch diese Tage Schönes beinhaltet haben. Das verändert den Blick.
Was noch?
Ein zweiter Tipp ist, sich zweimal am Tag den Handy-Wecker zu stellen. Dann soll am Screen die Meldung aufleuchten: Was geht ab? Wenn man das ernst nimmt, kann es einem bewusst machen, dass man vielleicht gerade in einer Spirale sinnloser Gedanken feststeckt. Es sind kleine Ratschläge, die Großes bewirken können.
Thomas Brezina: "Erfolg ist nicht beste Rache, aber es ist schon eine Genugtuung"
©Kurier/Barbara NidetzkySie haben in Ihrer Karriere einen Shift hingelegt: und schreiben nicht mehr nur ausschließlich Kinderbücher, sondern Romane und Ratgeber für Erwachsene.
Alles hat mit der Fortsetzung der Knickerbocker-Bande begonnen. Was wurde aus ihnen als Erwachsene? Ein Krimi. Kein Verlag in Österreich wollte das Buch. Man hat mir gesagt, kein Mensch wird das lesen wollen. Und dann wurde es ein Nummer-eins-Bestseller. Bei der Präsentation um Mitternacht sind 700 Leute im Regen vor der Buchhandlung gestanden und haben auf das erste Exemplar gewartet. Dann habe ich auf Instagram begonnen, über mein Leben zu erzählen. Auch das ist sehr gut angekommen. Besonders eine Geschichte.
Welche?
Ich habe erzählt über die vier wichtigsten Worte meines Lebens. Die machen alles Schwere leichter erträglich, und alles Schöne noch wesentlich schöner. Sie lauten: auch das geht vorbei. Wenn draußen der Presslufthammer hämmert und einen zur Verzweiflung bringt. Oder, bei etwas Schönem, hilft es, bewusster zu genießen. Daraus ist der Bestseller „Tu es einfach und glaub daran“ entstanden. Das war der Anfang. Ich habe zu jeder Herausforderung in meinem Leben immer Ja gesagt. Auch wenn mir vor Angst die Knie geschlottert haben.
Warum war es Ihnen wichtig, auch einen queeren Liebesroman zu schreiben?
Einer der Hauptgründe: die erstarkende Homophobie in der Gesellschaft. Viele junge Leute haben mir geschrieben, dass sie Angst vor Ablehnung haben oder davor, mit ihren Eltern über ihre Homosexualität zu reden. Diese Angst kenne ich, die kannte ich. Heute lebe ich meine Beziehung mit meinem Mann sehr offen. Nicht aus Showgründen, sondern aus Selbstverständlichkeit. Das wollte ich in ein unterhaltsames Buch verpacken.
Träume gehen oft anders in Erfüllung, als man sich das vorgestellt hat. Auch die Liebe zu Ihrem Mann war kein Selbstläufer.
Als wir uns vor zwölf Jahren über eine Dating-App kennenlernten, dachten wir beide, der andere wäre nicht interessiert. So sind wir erst einmal Freunde geworden. Wir waren beide davor lange alleine. Ich vier Jahre nach einer Trennung; Ivo zweieinhalb Jahre, sein Mann war gestorben. Die Zeit alleine war wichtig, weil wir so gelernt haben, mit uns selber zurechtzukommen.
Als Kind waren Sie ein Außenseiter.
Wenn dein Hobby Puppentheater ist, gehörst du in der sechsten Klasse nicht zu den Coolen. Das war nicht angenehm, aber ich hab’s ausgehalten. Weil es mir wichtiger war als alles andere. Aber meine Eltern haben mich immer ermutigt, meinen Weg zu gehen. Diese Unterstützung war sehr wichtig für mich.
Wenn Sie heute zu einem Klassentreffen gehen: Ist Erfolg die beste Rache?
Nicht die beste, aber es ist schon eine Genugtuung. Etwas anderes zu behaupten, wäre gelogen. Mein Deutsch- und Sportprofessor hat einst zu meiner Mutter gesagt, ich solle alles im Leben machen, bloß nichts mit Deutsch oder Sport. Als ich ihm dann bei einem Klassentreffen gegenüber gesessen bin und in die Augen geschaut habe, musste ich gar nicht mehr viel sagen. Bei mir habe ich nur gedacht: Du hast dich schwer geirrt.
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