Steven Spielberg zwischen Aliens und Erinnerungen
Steven Spielbergs neuer Sci-Fi-Thriller Disclosure Day wirft große Fragen auf. Parallel erscheint eine Comic-Biografie, die zeigt, wie Begegnungen sein Werk prägten
Die Außerirdischen und ihre Finger. Steven Spielberg kommt davon nicht los. Während beim lieben E. T. noch ein leuchtender Finger zärtlich zum Kontakt ansetzte, greifen im Trailer zu „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“ lange, dünne Alien-Hände nach dem Kopf eines Menschen. In einer Szene strecken sich die außerirdischen Finger bedrohlich dem Kopf eines verängstigten Mädchens entgegen. Gänsehaut statt lieblicher Nostalgie.
Der Science-Fiction-Thriller startet am 10. Juni in den Kinos . Und es geht um weit mehr als nur mysteriöse Sichtungen aus dem All: „Disclosure Day“ stellt die Frage, was passiert, wenn Außerirdische nicht mehr nur Stoff für Verschwörungstheorien sind. Wie reagieren Menschen, Politik und Gesellschaft, wenn plötzlich alles wahr ist? Das Ganze kommt mit einer erstklassigen Besetzung daher: Emily Blunt, Colman Domingo oder Colin Firth.
Dazu ist gerade eine neue Comic-Biografie des französischen Zeichners Amazing Ameziane über den Regisseur beim Splitter-Verlag erschienen. Sie zeigt, wie sehr Begegnungen sein Leben und Werk geprägt haben – vom einsamen Kind bis zum mächtigsten Erzähler Hollywoods. Amazing Ameziane lässt in dieser Graphic Novel Spielberg zu Wort kommen: als Ich-Erzähler blickt er auf sein Leben zurück, auf Erfolge, Zweifel und Obsessionen. Nicht alles ist dabei für ganz bare Münze zu nehmen. Ab und zu mischt sich auch eine kleine Portion Fiktion unter die Fakten. Und doch lernt man viel, das man vorher womöglich noch nicht wusste. Das muss nicht immer weltbewegend sein, ist aber unterhaltsam.
Hier spielt die Musik
So zeigt das Buch Harrison Ford, wie er auf eine Bühne tritt, begleitet vom Indiana-Jones-Musikthema. Und Ford beschwert sich: „Diese Musik verfolgt mich überallhin. Wenn ich die Bühne betrete ... wenn ich die Bühne verlasse ... sie spielten sie während meiner ... Darmspiegelung!“ Steven Spielberg sitzt im Publikum und lacht genüsslich.
Harrison Ford kommt nicht von Indiana Jones los. Spielberg freut sich offenbar darüber, dass überall die Indiana-Jones-Musik läuft.
©Amazing AmezianeOb sich diese Szene genau so abgespielt hat, ist nicht belegt. Ganz aus der Luft gegriffen ist sie nicht. Harrison Ford erzählte in einem Porträt des US-Magazins Variety über den Filmkomponisten John Williams, dass bei seiner Darmspiegelung tatsächlich Musik aus den Lautsprechern der Ordination tönte – ausgerechnet jene, die ihn seit Jahrzehnten begleitet.
So lernte Spielberg die Zahlen
Doch das Buch ist auch ernst und berührend. Es zeigt, wie der kleine Steven Spielberg die Zahlen lernte: Seine Großmutter gab ungarischen Holocaust-Überlebenden Englisch-Sprachkurse. Anhand ihrer Lagertätowierungen lernte er Ziffern . Darüber sprach er auch in einer Rede. Ein Mann habe gefragt: „‚Willst du einen Trick sehen? Das ist eine Neun. Aber wenn ich so mache, ist es jetzt eine Sechs. Es ist eine Neun, siehst du, Steve? Und es ist eine Sechs.’ Ich war erst drei, aber das habe ich nie vergessen.“
Die Biografie erzählt, wie Steven Spielberg anhand von Tätowierungen von Holocaust-Überlebenden Zahlen lernte.
©Amazing AmezianeGegen Nazis kämpfte Harrison Ford dann als Indiana Jones. Mit George Lucas war sich Spielberg bei der Besetzung allerdings zunächst uneinig. Lucas wollte lieber Tom Selleck – Ford sei ihm noch zu sehr Han Solo aus Star Wars. Doch die Produzenten von Magnum gaben Selleck wegen des großen Serienerfolgs nicht frei. Eine glückliche Fügung, wie sich zeigen sollte. Der Plan ging auf. Nach dem starbesetzten Mega-Flop „1941 – Wo bitte geht’s nach Hollywood?“ war der Weiße-Hai-Regisseur plötzlich wieder rehabilitiert. Und damit war der Weg frei für ein Projekt, das Spielberg schon lange in der Schublade hatte: E. T.
Freundlich statt Alien
Für ihn war das auch eine sehr persönliche Geschichte, gespeist aus der eigenen Kindheit – und aus dem Trauma der Scheidung seiner Eltern. „Dieses Kind brauchte einen Freund“, dachte Spielberg. Einen liebenswerten Außerirdischen. Nur: Der Begriff „Alien“ war seit Ridley Scotts gleichnamigem Film verbrannt. Außerirdische galten nun als Bedrohung. Also entschied man sich für „Extra-Terrestrial“. Eine Idee schaffte es am Ende allerdings nicht auf die Leinwand: eine Fortsetzung, die auf dem Heimatplaneten von E. T. spielen sollte. Spielberg verwarf sie wieder – sie hätte der Integrität des Films geschadet. So bleibt die intergalaktische Freundschaft in steter Erinnerung.
Indiana Jones kämpft gegen Nazis. Ursprünglich wollte nur Steven Spielberg Harrison Ford als Hauptfigur, doch George Lucas war dagegen. Der war schon Han Solo in „Star Wars“.
©Amazing AmezianeAuch im echten Leben war Spielberg kein Einzelkämpfer. Mit Stanley Kubrick verband ihn eine enge Freundschaft, Spielberg bezeichnete den Meisterregisseur später als Mentor. Erstmals kreuzten sich ihre Wege ganz klassisch im Studioalltag: Spielberg arbeitete an „Jäger des verlorenen Schatzes“, Kubrick gleichzeitig an „Shining“. Als Kubrick erfuhr, dass Spielberg an Schindlers Liste arbeitete, legte er seine eigenen Pläne für einen Film über den Holocaust ad acta. Wie seine Witwe Christiane Kubrick erzählte, war er sogar erleichtert – die Recherchen hatten ihn emotional schwer belastet. Auch diese Episode findet sich in der Graphic Novel wieder. Unerwähnt bleibt allerdings, dass Kubrick von Schindlers Liste nicht restlos begeistert gewesen sein soll.
Stanley Kubrick in Clockwork-Orange-Tracht war prägend für Steven Spielberg. Er bezeichnete Kubrick auch als
seinen Mentor.
Dafür erzählt das Buch von einem anderen, sensiblen Kapitel: Kubricks Herzensprojekt „A. I.: Artificial Intelligence“, an dem er zwei Jahrzehnte lang gefeilt hatte.
Nach seinem Tod war es Spielberg, der den Film – auf Wunsch von Kubricks Witwe und des Produzenten – zu Ende brachte. Eine Zusammenarbeit über den Tod hinaus, die Spielberg rückblickend noch erstaunt: „Das Überraschende und zugleich Lustige an unserem Film ist, dass die bewegendsten Elemente von Stanley stammen und die dunkelsten von mir. Ich habe es immer wieder erwähnt, aber niemand wollte mir glauben.“
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