Colin Farrell im Anzug und eine Frau sitzen sich an einer beleuchteten Bar gegenüber und unterhalten sich.
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Noir-Serien: Es wird wieder alles düster

Geheimnisvolle Gestalten treffen auf beeindruckende Optik. Die Gerechtigkeit siegt nicht immer. „John Sugar“ oder „Spider-Noir“ zeigen, warum Noir nie aus der Mode kommt

Er cruist wieder durchs düstere, gefährliche Los Angeles: John Sugar, dieser geheimnisvolle Detektiv, der Unmengen Alkohol wegsteckt, etliche Sprachen spricht und eigentlich nicht von dieser Welt ist. Ein Typ wie aus einem alten Hollywood-Film, der Kriminalfälle auf seine eigene Art löst. 

Nur dass seine Augen zwischendurch auffällig blau aufleuchten. Dazu immer wieder kurze Einspielungen aus Schwarz-Weiß-Klassikern.

Die Serie „John Sugar“ mit Colin Farrell in der Hauptrolle ist auf Apple TV+ mit der zweiten Staffel zurück. Der anfängliche Auftrag: Der Detektiv soll den verschwundenen Bruder eines Boxers suchen. Und dann wird es abgründig. Noir, wie es im Buche steht.

Dieses Wort fällt gerade wieder auffällig oft. Noir-Filme bezeichneten ursprünglich Krimis mit pessimistischer Grundhaltung. 

Das zeichnet Film noir aus

Die Stimmung: düster, immer eine Spur von Hoffnungslosigkeit, aber wahnsinnig stylisch. Im Zentrum stehen meist kaputte Menschen: Detektive, Trickser oder ganz normale Leute, die in einen Fall geraten und immer tiefer hineinfallen. Statt klarer Gut-gegen-Böse-Regeln gibt es moralische Grauzonen. Schlechte Entscheidungen gehören dazu.

Typisch sind Großstadt-Nächte, Bars, Neon, Regen, geheimnisvolle Gestalten und knackige Dialoge. Klassischer Film noir liebt harte Schatten und starke Hell-Dunkel-Kontraste. Das Jalousienmuster zeichnet sich als Schatten ab, Rauch schwebt in der Luft, Whisky fließt in Strömen. Die Story läuft oft nicht auf „Gerechtigkeit siegt“ hinaus.

Colin Farrell sitzt in einem weißen Hemd mit Hosenträgern an einem Tisch und hält ein Kabel, das mit einem hölzernen Gerät verbunden ist.

John Sugar ist nicht von dieser Welt - und kommuniziert auch mit anderen Planeten.

©APple TV

Vorgemacht haben es Hollywood-Streifen ab den 1930ern. Billy WildersSunset Boulevard“ oder Carol Reds „Der Dritte Mann“ gelten bis heute als Lehrstücke. Neo-Noir wie „L.A. Confidential“ oder David Lynchs „Mulholland Drive“ macht das moderner – mit Farbe oder neuen Themen –, behält aber Paranoia, Verführung und Gefahr. Das funktioniert immer.

Immer dieses Misstrauen

Kein Wunder, dass Serienmacher auf das Erfolgsrezept zurückgreifen. Und womöglich ist es auch das Grundgefühl vieler in Zeiten wie diesen, das diese Werke gerade so erfolgreich machen: Unsicherheit, Misstrauen gegenüber Institutionen. Die einfachen Antworten gibt es nicht. Dazu sorgt all das für einen sicheren Kick vom Sofa aus: In den Abgrund sehen, aber selbst nicht hineinfallen.

Denn Sugar ist nicht die einzige Serie, die gerade die Streaming-Welt verdunkelt. Mit „Spider-Noir“ (Amazon) bekommt ein Comic-Klassiker einen neuen Anstrich: Trenchcoat trifft Spinnenfaden. Nicolas Cage spielt einen zermürbten, gealterten Spider-Man, der in den 1930ern durch die Schluchten New Yorks schwang und von der Vergangenheit eingeholt wird. Er heißt Ben Reilly, nicht Peter Parker, und er kehrt fünf Jahre nach dem Tod seiner Partnerin als widerwilliger Superheld zurück. Cage beschreibt seine Figur in Interviews als „70 Prozent Humphrey Bogart und 30 Prozent Bugs Bunny“. Und weil Noir nicht nur eine Story, sondern auch ein Look ist, gibt’s das Ganze wahlweise in Farbe oder gleich in Schwarz-Weiß.

Eine in Trenchcoat und Hut gekleidete Gestalt steht bei strömendem Regen und einem Blitzschlag auf einem Gebäudedach.

Nicolas Cage ist in „Spider-Noir“ ein alternativer Spider-Man.   

©Courtesy of Prime/Amazon Prime Video

„Spider-Noir“ geht auf eine Comicvorlage aus dem Hause Marvel zurück. Die Verfilmungen von Frank Millers Comicklassikers „Sin City“ durch Robert Rodriguez waren ebenfalls Noir in Reinform. Schöne Frauen, harte Kontraste, schmutzige Deals und dieses Gefühl, dass man gegen die großen Systeme nicht ankommt. 

Eine Serienversion wurde schon mehrmals angekündigt, immerhin hat Legendary Television schon 2019 eine Vereinbarung mit Autor Frank Miller dazu getroffen. Passiert ist bisher allerdings wenig. Bleibt nur: dranbleiben, gespannt sein. Oder andere Noir-Serien schauen.

Ethan Hawke deckt in „The Lowdown“ auf

Manchmal führt der Noir-Weg nicht nach L.A. oder New York, sondern schnurstracks runter in die Südstaaten. Passt ja auch perfekt: schwer zugängliche Sümpfe, flirrende Hitze, staubige Landstraßen und Menschen, die wilder sind, als einem lieb ist. „Southern Noir“ nennt man das. Zuletzt hat hier „The Lowdown“ (Disney+) mit Ethan Hawke ein Ausrufezeichen gesetzt: Er spielt einen ramponierten Investigativreporter, der die Machenschaften einer reichen, korrupten Familie ans Licht zerren will.

Die erste Staffel von „True Detective“ ist fürs Genre so etwas wie das Aushängeschild: Matthew McConaughey und Woody Harrelson liefern sich ein Duell darum, wer der kaputtere (Ex-)Cop ist. Dazu dieses schwüle, unheimliche Louisiana, das wirklich alles ist, nur nicht heimelig, eine Mordserie und ein dubioser, mächtiger Familienclan, der überall seine Finger drin hat. Packend. Nur: In den folgenden drei Staffeln wurde es schwieriger.

Zumindest die zweite war optisch eine echte Wucht. Und sie führte immerhin dorthin, wo Noir gefühlt immer funktioniert: ins schillernd-dreckige Los Angeles. Mit dabei Colin Farrell als brutaler Polizist. Der Mann kann Noir.

Daniel Voglhuber

Über Daniel Voglhuber

ist Redakteur bei der KURIER Freizeit. Seit Dezember 2020 schreibt er über Reisen, Kultur, Essen und Lifestyle. Kurz: über alles, was schön ist und Spaß macht. 2011 startete er in der KURIER-Chronik als Mitarbeiter für Oberösterreich, später produzierte er lange verschiedene Regionalausgaben.

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