Literaturagenten: Die Bestseller-Macher
Hinter dem nächsten Bestseller steht oft ein Literaturagent, der den Autor vermittelt hat. Lässt sich ein Bucherfolg planen?
Im Anfang war das Wort. Dann kam ein Verlag und publizierte es. Entsteht so ein Buch? Nicht ganz. Hinter den Kulissen werken Lektoren, Buchhändler, Vertreter – und Literaturagenten. Sie sind relativ neue Player im Gewerke des Literaturbetriebs und haben sich als Bindeglied zwischen Autoren und Verlagen hohen Stellenwert erarbeitet. Wer als nächster Hemingway entdeckt werden möchte, besorgt sich einen Agenten. Wer bereits (eine Art) Hemingway ist, zählt ohnehin auf einen. Die Agenturen prüfen gewissenhaft Manuskripte, helfen mitunter beim Schreibprozess, vermitteln Autoren an Verlage, handeln Verträge für sie aus – und machen Karrieren.
Denn auch wenn sie sich an den jeweiligen Kriterien, Vorlieben und Nischen der Verlage ausrichten müssen, wird ihnen in ihrer Vermittlerrolle einiges an Macht zuteil. Sie beurteilen, was von hoher Qualität oder zumindest Erfolg versprechend ist, sitzen in den Vorzimmern der Verlage – und entscheiden als wichtige Schleusenwärter, über welche Manuskripte in den Konferenzen von Suhrkamp, Hanser & Co beraten wird und was in Zukunft im Buchhandel landet. Und dann hoffentlich gekauft wird.
Autoren sichtbar machen
„Ich bin ein Empfehler, ein Geschmacksbildner, ein Tastemaker“, erklärt Günther Wildner von der österreichischen Literaturagentur Wildner. „Und zugleich nicht nur ein Manuskriptmakler, der im Erfolgsfall eine Provision einstreicht, sondern jemand, der den Aufbau eines Autors mitentwickelt.“ Heißt: Wildner versucht, diesen in den Medien zu platzieren, plant Lesungen und konzipiert Ideen, um die Sichtbarkeit des Künstlers zu erhöhen. Das erhöht die Erfolgschancen. Zumal Verlage bei mauem Erfolg die Zusammenarbeit eher bald einmal einstellen.
Bevor ein Verlag ein Manuskript annimmt, um es zu verlegen, muss ein Agent es akzeptieren. Wildners Kriterien: „Es muss mich emotionalisieren und begeistern“, so der Literaturagent. „Ich muss darauf brennen, es zu vertreten, dafür unzählige Telefonate zu führen, viele Meinungen anzuhören und auszuhalten – und auch Ablehnungen zu kassieren.“ Dazu kommt die Markteinschätzung. Lässt sich das verkaufen? Der Traum, ein Buch nicht nur zu schreiben, sondern es bei einem Verlag zu veröffentlichen – dieser Traum, das wird bald sichtbar, ist schnell geträumt, jedoch schwierig zu realisieren.
Schlüssel zum Erfolg: Literaturagenten vermitteln Manuskripte, handeln Verträge aus – und machen Karrieren
©Kurier Grafik/ChatgptWelche Kriterien sind wichtig?
Szenenwechsel nach Deutschland. Hier ist die Agentur Graf & Graf in Berlin seit 30 Jahren eine der bekanntesten und renommiertesten. Sie vertritt vor allem anspruchsvolle Belletristik, aber auch ausgewählte Spannungs- und Unterhaltungsliteratur. Zu ihren prominenten, oft preisgekrönten Klienten zählen Robert Menasse, Terézia Mora, Marc Raabe, Shida Bazyar oder Daniel Schreiber.
Geschäftsführerin Heinke Hager erklärt die Kriterien, nach denen die Agentur ein Manuskript auswählt, angesichts des harten Kampfes um Aufmerksamkeit: „Einerseits ist die inhaltliche Originalität sehr wichtig, dann die gewählte Form und Erzählperspektive.“ Das zielt vor allem auf literarischen Anspruch. Bei Genre-Texten, etwa Thrillern, sind „der souveräne Umgang mit den Anforderungen des Genres“ gefragt – oder eben genau das „konsequente Umgehen dieser Anforderungen.“
Und dann ist noch die Einschätzung entscheidend, ob ein Manuskript erfolgreich im Buchmarkt platziert werden kann. Im Sachbuch, so Hager, ist neben den gewählten Sujets auch die „Absenderkompetenz“ der Urheber relevant. Ist der Autor qualifiziert, fundiert über sein Thema zu schreiben, einschließlich der gewählten Perspektive? Alles in allem zählt eines: die Überzeugungskraft aus der Qualität eines Textes heraus.
Bitte ein Bestseller
Bleibt die Gretchenfrage: Lässt sich ein Bestseller planen? Ein Coup, von dem viele träumen. Und dafür von allen möglichen Seiten Rat einholen. Bei Buchcoaches, die Autoren zur Veröffentlichung hinmanagen. YouTube-Tutorials, die versprechen, mit einem „Sechs-Schritte-Plan“ sein Buch fertig zu kriegen. Ratgebern und Podcasts, die mit bestimmten Zutaten und Mechanismen helfen sollen, damit ein Buch sich verkauft.
Heinke Hager sieht die Sache realistisch. „Wäre es möglich, einen Bestseller zu planen, würde es mehr davon geben“, so die Literaturagentin. „Das wird sich trotz der Macht der Algorithmen und KI auch in Zukunft nicht machen lassen.“ Nachsatz: „Aber sag niemals nie.“ Was sie aber weiß, ist: Dass „die Marketing-Budgets bei Verlagen sehr wohl mitbestimmen, welcher Titel potenziell ein Bestseller werden kann und welcher eher ein günstiges Momentum benötigt.“ Dieses versucht sie zu beeinflussen. Etwa bei der Positionierung im Verlagsprogramm.
Zusammen durch die Krise
Um diese geheimnisvolle Komponente, die einen Bucherfolg ausmacht, wissen auch Roman Hocke und Markus Michalek von der AVA International. Sie sind im Bereich der gehobenen Unterhaltung erfolgreich. Die Geschäftsführer der deutschen Literaturagentur vertreten etwa Bestseller-Lieferant Sebastian Fitzek oder die Österreicher Ursula Poznanski und Andreas Gruber. Hocke lacht auf. „Planen lässt sich ein Bestseller vielleicht schon – ob er’s dann wird, entscheiden aber ausschließlich die Leser. Es gibt keinen anderen Markt, der so stark von Mundpropaganda abhängig ist. Das schafft kein noch so großer Aufmerksamkeitsschub bei der Markteinführung.“
Gearbeitet wird mit Autoren an der Ideenfindung- und Entwicklung, Karriere-Strategien werden entworfen. „Wobei der Plan nicht von uns kommt, sondern vom Autor“, so Michalek. Dessen Ziele werden versucht in den Buchmarkt zu überführen.
Was ist derzeit gefragt beim Leser? Etwa „Healing Fiction“: Geschichten, die in erzählender Form heilen und trösten sollen
©Kurier Grafik/ChatgptFür Heinke Hager beginnt eine Zusammenarbeit mit einem gemeinsamen Blick auf den Text. An Buch und Schreiber bleibt auch sie stetig ganz nah dran – mitsamt aller Höhen und Tiefen. „Für Autoren ist es extrem wichtig, eine Person zu haben, die immer da ist und der sie voll vertrauen können – nicht nur in der Expertise bei Verträgen, Verlagssuche oder Marketingmaßnahmen, sondern auch in kreativen Krisensituationen.“
Welche Genres im Trend sind
Immer interessant: Welche Genres am Markt derzeit gefragt sind. Da öffnet sich ein weites Feld. „Spannung, New Adult, Romantic Fantasy oder literarische Unterhaltung, die ernste Themen behandelt, aber nicht zu sehr aus der Komfortzone führt“, zählt etwa Markus Michalek auf.
Hager von Graf & Graf ortet „generationsübergreifende Familiengeschichten, besonders gerne dysfunktionale. Auch große Themen wie Heimat, Herkunft und Identität bleiben wichtig, sowohl aus der Erinnerung heraus, als Bestandsaufnahme oder aus neuer Perspektive. Im Trend liegen Buchclub-Romane, Sports Romance und ,Healing Fiction’: Geschichten, die heilen und trösten sollen. Überhaupt ist das ,Feelgood’-Prinzip sehr erfolgreich: emotional stark aufgeladene Romane, mit trendigen Themen und atmosphärischer Anbindung an populäre Sehnsuchtsorte.“
Wer hier das richtige Momentum findet, landet vielleicht tatsächlich einen Hit. Sonst bleibt immer noch das Selfpublishing. Oder der Wille entdeckt zu werden: So wie Jonathan Held, der eigentlich Jörg Freihold heißt, ein Gymnasiallehrer aus Mittelhessen ist, und dem Günther Wildner einen Verlag vermittelt hat. Jetzt erscheint von ihm im August „Scorpio Rising. Niemand überlebt allein“, ein Thriller über eine globale Pandemie und den Kampf der letzten Überlebenden. Ein Bestseller? Man wird sehen.
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