Judith W. Taschler

Judith W. Taschlers Bibliothek: "Ich war ein sensibles Kind"

Schon als Kind waren Bücher für die Bestseller-Autorin ein Zufluchtsort. Daheim stapeln sie sich sogar auf Heizkörpern.

Lesen, lesen, lesen. Schon bevor Judith W. Taschler für Romane wie „Die Deutschlehrerin“ oder „Über Carl reden wir morgen“ preisgekrönt wurde und in den Bestseller-Listen landete, hat die in Innsbruck beheimatete Autorin als Kind Bücher verschlungen. 

„Ich habe in der Pubertät ziemlich unter meiner Adoption gelitten, unter der quälenden Frage nach dem Warum und heimlich begonnen, meine leiblichen Eltern zu suchen“, erzählt sie. Lesen als Flucht, auch vor dem Trubel im großen Elternhaus, gern am Dachboden. „Ich war ein sensibles und fantasiebegabtes Kind, habe mir Geschichten ausgedacht, mich verloren in Tagträumereien, weil mir die Realität oft einfach zu viel war.“ 

Erst las sie die fetten Wälzer zuhause, von Charriere bis Simmel, später – einem engagierten Deutschlehrer sei Dank! – Stefan Zweig. „Die Ungeduld des Herzens“ war das erste, über die tragische Achterbahn der Gefühle eines jungen Leutnants vor dem Ersten Weltkrieg – „ein wahnsinnig intensives Leseerlebnis, berauschend und beglückend. Beim Lesen schwang auch das Bewusstsein mit, endlich angekommen zu sein. Ich wusste, womit ich mich im Leben beschäftigen will, sei es als Lehrerin, Lektorin oder Schriftstellerin – auf alle Fälle sollte es mit Literatur zu tun haben.“

Judith W. Taschler

Schreibt derzeit an zwei Romanen gleichzeitig: Autorin Taschler

©Peter Taschler

Auch „Die Wand“ von Marlen Haushofer hat sie als Mädchen entdeckt. „Ich habe es von Anfang an geliebt, ich muss 18 gewesen sein“, so Taschler. Eine namenlose Ich-Erzählerin wird durch eine unsichtbare Wand von der Welt getrennt und kämpft einsam ums nackte Überleben. „Ich habe mich stark in die Einsamkeit der Protagonistin hineingezogen gefühlt und die nüchterne Sprache hat mich fasziniert.“

„Schande“ von J.M. Coetzee hat sie erst später entdeckt, als junge Mutter von drei Kindern. Ein Werk über moralischen Verfall, eines Einzelnen, aber auch eines ganzen Landes, über Macht- und Kontrollverlust. „Lesen hat mir geholfen, diese nicht ganz so leichten Jahre zu schaffen.“

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Lesestoff: Das Buchregal von Judith W. Taschler

©Peter Taschler

Drei ihrer Lieblinge zu nennen war für Taschler nicht leicht. Leon de Winter, Ian McEwan, Alice Munro, Han Kang – so viele tolle Autoren! Selbst arbeitet sie an Roman zehn und elf. Der erste spielt zwischen Wien und Phnom Penh und handelt von einem Spitzenkoch und Drogenhandel. Der zweite wird autofiktional, Taschler möchte über ihre Adoption schreiben: „Über das Aufwachsen in diesem schönen, großen, gelben Haus, das mit amerikanischen Dollars bezahlt wurde, über die Suche nach den leiblichen Eltern ...“

Die Bücher im Überblick:

  • Stefan Zweig: „Ungeduld des Herzens“ – ein junger Leutnant, eine Blamage und ein starrer Ehrbegriff mit tragischen Folgen
  • Marlen Haushofer: „Die Wand“ – eine gläserne Wand trennt eine Frau von der Welt. Weibliche Robinsonade
  • J.M. Coetzee: „Schande“ – ein Professor in Ungnade,  Gewalt im postapartheidlichen Südafrika
Alexander Kern

Über Alexander Kern

Geboren in Wien, war Chefredakteur verschiedener Magazine und stand im Gründungsteam des Seitenblicke Magazins des Red Bull Media House. 12 Jahre Chefreporter bzw. Ressortleiter Entertainment. Schrieb für 110%, das Sport- und Lifestyle-Magazin von Die Presse. Seit 2020 Redakteur der KURIER Freizeit mit Reportagen, Kolumnen, Texten zu Kultur, Gesellschaft, Stil, Reise und mehr. Hunderte Interviews, von Beyoncé und Quentin Tarantino über Woody Allen und Hugh Grant bis Jennifer Lopez und Leonardo DiCaprio sowie in der deutschsprachigen Kulturszene. Reportagen vom Filmfestival Cannes bis zur Fashionweek Berlin. Liebt Kino, Literatur und Haselnusseis.

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