Wie Street-Art-Star JR Perspektiven verschiebt
Er schuf die größte illegale Fotoausstellung der Welt, spielte mit der Louvre-Pyramide. Zuletzt verwandelte JR die Pont Neuf in Paris in eine Höhle. Zwei Bücher zeigen sein Werk.
Für JR sind Wahrzeichen keine Postkartenmotive, sondern Material.
Diesmal traf es die Pont Neuf in Paris. Der französische Street-Art-Künstler verwandelte im Juni die älteste Brücke der Stadt in eine 120 Meter lange und 18 Meter hohe, begehbare Höhle. Wer sie betrat, tauchte in eine Welt aus künstlichen Felsformationen, Licht und Klang ein. Den Soundtrack lieferte Thomas Bangalter, einst eine Hälfte des Elektro-Duos Daft Punk.
JRs gigantisches Kunstwerk
JR sprach vom größten immersiven Kunstwerk der Welt. Tatsächlich war die Installation weit mehr als eine spektakuläre Hülle: Sie spielte mit der Idee der Höhle als Ursprung menschlicher Geschichte und zitierte zugleich Platons berühmtes Höhlengleichnis.
Im Juni verwandelte sich die Pont Neuf in eine große, begehbare Höhle.
©JR and © Atelier JRVor allem aber war sie eine Verneigung vor Christo und Jeanne-Claude. Das Künstlerpaar hatte die Pont Neuf bereits 1985 in Stoff gehüllt.
Jean-René, Jahrgang 1983, wächst als Sohn osteuropäischer und tunesischer Einwanderer in einer Hochhaussiedlung am Rand von Paris auf. Gezeichnet hat er nie besonders gern. Lieber ritzt er „JR“ in Schultische. Nicht mit Filzstift, sondern so, dass der Name blieb. Für ihn ist das eine Botschaft: „Ich bin hier. Ich existiere.“
Vom Graffiti zur Fotografie zur Street Art
Der Weg zum Graffiti ist nicht weit. Als Jugendlicher zieht er mit Sprayern durch die Pariser Metro, um seinen Schriftzug zu hinterlassen. Dann verändert ein Zufall alles. JR findet eine Kamera. Statt selbst Mauern zu besprühen, fotografiert er seine Freunde bei ihren nächtlichen Aktionen. Kurz darauf klebt er deren großformatige Schwarz-Weiß-Porträts illegal auf Fassaden.
„Ich besitze die größte Kunstgalerie der Welt: die Mauern der Welt. So erreiche ich Menschen, die normalerweise keine Museen besuchen“, sagte er einmal. Gerade sind zwei Bildbände im Taschen-Verlag erschienen – einer über JR als Künstler, einer über das Pont-Neuf-Projekt.
Neben Paris und anderen Metropolen arbeitet JR auch an Brennpunkten, wo gesellschaftliche Brüche sichtbar werden. In Elendsvierteln oder an Grenzen, entlang realer wie symbolischer Mauern. Am Grenzzaun zwischen Mexiko und den USA ließ er etwa ein überdimensionales Kind in die USA „hinüberlugen“, das sehen möchte, was sich auf der anderen Seite befindet.
Von Angesicht zu Angesicht
Eines seiner berühmtesten Projekte war „Face 2 Face“: Gemeinsam mit dem Künstlerkollegen Marco plakatierte JR im Jahr 2007 riesige Porträts von Israelis und Palästinensern in acht Städten – auf beiden Seiten der Sperranlage. Die Gesichter standen einander gegenüber, lachten sich mitunter auch an. Die Mauer wirkte plötzlich nur noch wie eine Kulisse. Zu diesem Zeitpunkt war es die größte illegale Fotoausstellung der Welt. „Face 2 Face hat uns gezeigt, dass die Grenzen nicht dort verliefen, wo wir dachten“, sagte JR damals.
JR im Großformat: „Face 2 Face“ an der israelischen Sperranlage.
©JR and © Atelier JRAuch die ganz großen Bühnen reizen ihn. Millionen fotografieren die Louvre-Pyramide jedes Jahr. JR ließ sie 2016 einfach verschwinden. Wer am richtigen Punkt im Cour Napoléon stand, sah statt der Glaskonstruktion scheinbar die historische Fassade dahinter.
Drei Jahre später kehrte er zum 30-jährigen Jubiläum der Pyramide zurück und drehte die Idee um: Plötzlich schien die Pyramide aus einem gewaltigen Steinbruch emporzuragen, als würde sich unter dem berühmtesten Museumshof von Paris eine verborgene Landschaft öffnen.
Wie so oft zeigt sich: Ein Perspektivenwechsel schadet nie.
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