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Mit "Analog Bags" und Offline-Clubs gegen die Smartphone-Sucht

Der Wunsch, das Handy weniger oft in die Hand zu nehmen wächst. Immer mehr halten deshalb Analoge-Hobby-Taschen bereit und treffen sich zum Offline-Austausch. Eine Erkundung.

Es ist ein Drang, so vertraut, dass man ihn schon fast gar nicht mehr wahrnimmt. Er erscheint beim Fernsehen und Auf-die-Straßenbahn-Warten, beim Zähneputzen und Zur-Straßenbahn-Gehen – in jeder Millisekunde vermeintlicher Fadesse: der Griff zum Smartphone.

Es ist aber auch ein Drang, dem sich immer mehr – so auch die Amerikanerin Sierra Campbell – wieder stärker entziehen wollen. 

Kommt er doch mit einem Preis: „Die Dauerstimulation“, sagt Barbara Haid, Präsidentin des Bundesverbands für Psychotherapie: „wirkt sich auf unsere Aufmerksamkeit, Emotionsregulation und Erholungsfähigkeit aus. Unsere Gedanken werden fragmentierter, innere Prozesse immer wieder unterbrochen.“

Was also, dachte sich Sierra Campbell, wenn sie anstatt des Handys etwas anderes parat hätte? Dinge, die ihr Spaß machen und die sie zuletzt vernachlässigt hatte. Und so stellte die Amerikanerin ein analoges Notfallpaket zusammen. Einen Jutebeutel, fertig gepackt und einfach mitzunehmen, der Dinge enthält, die ihre kreative Ader wecken: ein Wochenmagazin, ein Sketchbuch, eine Polaroidkamera, ihr Strickzeug. Eine, wie sie es nannte, „analoge Tasche“.

Sich mehr spüren

Das Konzept überzeugt Barbara Haid: „Wenn wir bewusst offline sind, reduzieren wir äußere Reize und schaffen wieder Zugang zu unseren inneren Vorgängen – zu eigenen Gedanken, Gefühlen und Impulsen.“ Das macht uns präsenter, kreativer und emotional ausgeglichener.

Mit ihren Erklärvideos der „Analog Bag“ traf Sierra Campbell jedenfalls einen Nerv. Alleine in den ersten fünf Wochen des neuen Jahres wurde der Hashtag „Analog Bag“ 900 Mal geteilt. Immer mehr, vorwiegend junge Frauen, stellen in sozialen Medien, die Inhalte ihrer eigenen „Anti-Doomscrolling“-Taschen vor.

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Veränderung, sagt Barbara Haid kommt, durch kleine Schritte.

©kurier/Martin Stachl

Kurios natürlich, dass sich ein analoger Trend digital verbreitet. Und doch: Kann ein Gimmick wie eine Notfalltasche tatsächlich etwas bewirken? Durchaus, meinte Barbara Haid: „In der Psychotherapie wissen wir, wie wichtig kleine, konkret verfügbare Strukturen für nachhaltige Veränderung sind.“ Gimmicks seien genau das: „Niederschwellige Anker, die Selbstwirksamkeit stärken und dabei helfen, sich immer wieder bewusst für den Offline-Raum zu entscheiden.“

Eine vorbereitete Tasche senke die innere Hürde, ins Tun zu kommen, reduziert Entscheidungsstress und schützt vor Ablenkung.

Der Selbstversuch

Anlass genug für den Selbstversuch. Denn der Blick aufs eigene Handy hat gezeigt: Am Vortag lag die Bildschirmzeit bei 5 Stunden und 18 Minuten. Das ist mehr als der österreichischen Durchschnittszeit von vier Stunden.

Dazu kommt – ebenso wie laut Deloitte-Studie bei zwei Drittel der Österreicher – ein Wunsch den aktuellen Handyverbrauch einzuschränken.

Was soll aber nun in die eigene analoge Tasche?

 „Tätigkeiten wie Malen, Basteln, Schreiben oder textile Handarbeit sind nicht zufällig so beliebt“, meint Barbara Haid. „Sie wirken ordnend, rhythmisch und beruhigend auf das Nervensystem und fördern einen Zustand, den wir therapeutisch als ,regulierte Präsenz’ bezeichnen.“ 

In der Buchhandlung ums Eck wandern dann ein neuer Roman, ein Tagebuch und ein Stifteset in den Einkaufskorb. Zu Hause wird das in einen Jutebeutel gepackt, neben die Wohnzimmercouch gestellt und nach kurzem Zögern mit dem dem Strickprojekt ergänzt, das jedoch seit drei Jahren unangetastet ist.

Young man knitting

Stricken liegt in Österreich im Trend.

©Getty Images/iStockphoto/izusek/iStockphoto

Wie hoch in Österreich die Handarbeitsliebe derzeit eigentlich ist, zeigt sich in diversen Veranstaltungsreihen: Am 15. Februar kann man im Wiener Votivkino zu „Marie Antoinette“ stricken, am 21. Februar wird in der Burggasse zu „Stitch & Brunch“ geladen. In Innsbruck hat im Oktober der „Crochet & Knit Club“ gestartet und im Grazer Kai36 werden alle zwei Wochen gemeinsam Strick- und Häkelnadeln ausgepackt. Denn natürlich, ergänzt Barbara Haid: „Die soziale Verbindlichkeit motiviert, dranzubleiben, und das gemeinsame Tun fördert Kreativität und Inspiration.“

 

Ab ins Handy-Hotel

Ein Projekt geht hier noch einen Schritt weiter. Vergangenen Sommer haben Lena, Stefan und Jake zum gemeinsamen Nachmittag in die Superbude im Wiener Prater geladen. Bevor die Teilnehmer jedoch zur Bastelstation, zur Leseecke oder zum Entspannen auf die Couch durften, mussten sie ihre Smartphones im Handy-Hotel einschließen – damit einen Nachmittag lang das Smartphone wirklich nicht zur Hand genommen werden konnte.

„Die Idee entstand aus der Not“, erklärt Event-Organisatorin Lena Wagner. „Wir arbeiten alle drei im Online Marketing Bereich und haben bemerkt, wie sehr uns das ständige Erreichbar-Sein bzw. Scrollen zusetzt. Dass wir auch beim Treffen mit Freundinnen und Freunden nicht immer 100 Prozent präsent sind.“ Und weil sie gerne Events organisieren, riefen sie den Offline-Nachmittag ins Leben.

Offline Club Wien
©Niclas Venneker

Mit der großen Resonanz, hatten sie aber doch nicht gerechnet. Mehr als 100 Menschen kamen zum ersten Treffen in der Superbude. Auch der offizielle „Offline Club“ in den Niederlanden wurde auf drei aufmerksam und so leiten die drei nun die Wiener Dependance der globalen Marke.

Ende Februar geht es nun zur gemeinsamen Offline-Wanderung in den Prater, tags darauf laden sie zum Offline-Hangout im Heurigen Alter Bach-Hengl.

Neue Zugehörigkeit

Für Haid ist der Wunsch nach expliziten Offline-Gruppen „eine verständliche Antwort auf eine hochgradig digitalisierte Lebenswelt“.

Online-Plattformen vermitteln zwar das Gefühl von Vernetzung, ersetzen aber keine reale Beziehungserfahrung. Sie ergänzt: „Psychotherapeutisch betrachtet braucht der Mensch Resonanz. Er möchte gesehen werden, gemeinsam etwas erleben.“ Offline-Gruppen schaffen echte Nähe, geteilte Zeit und ein gemeinsames Tempo. Das Gefühl, „etwas zu verpassen“, das im Online-Bereich so schnell entsteht, wird in Zugehörigkeit verwandelt.

Unterdessen ist seit dem Besuch der Buchhandlung eine Woche vergangen. Fazit zur „Analog Bag“?

Die ersten Seiten im Tagebuch sind dicht gefüllt. Auch das Lesezeichen im Buch liegt deutlich hinter der Mitte. Und die Bildschirmzeit konnte sich im Wochenschnitt auf 3 Stunden und 16 Minuten reduzieren.

Einzig das Strickprojekt harrt weiter vergeblich auf seine Wiederaufnahme. Alle Trends kann man doch nicht mitmachen.

Anna-Maria Bauer

Über Anna-Maria Bauer

Schreibt seit 2021 als freie Autorin aus London für den KURIER über Politik, Royals und Lifestyle. Zuvor acht Jahre in der Wien-Chronik.

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