Back view of couple man and woman is walking around city with their dog. Sunset light in background
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Gehen wir eine Runde?

Warum der schlichte Spaziergang gerade zum Date, Beziehungstraining und einem entschleunigten Gegenentwurf zur omnipräsenten Selbstoptimierung wird.

Es klingt ja fast zu einfach: Wer in seiner Beziehung besser reden und friedlicher streiten will, sollte öfter zu zweit vor die Tür gehen. Ganz so eindeutig ist die Wissenschaft zwar nicht, doch eine neue Studie der „Brigham Young University“ (BYU) liefert ein Argument dafür, gemeinsam in Bewegung zu kommen.

Für die Untersuchung wurden die Angaben von 1693 jungen Ehepaaren in den USA ausgewertet. Bei Paaren, die gemeinsam körperlich aktiv waren, fielen auch die Angaben zur Kommunikation und zum Umgang mit Konflikten günstiger aus. Ein ähnliches Bild zeigte sich zwar bei Personen, die allein trainierten, stärker waren die Zusammenhänge jedoch beim gemeinsamen Sport. „Von allen drei untersuchten Bereichen hatte Bewegung den größten Einfluss auf die Kommunikation“, sagt Studienautorin Ashlyn Mildenhall in der Aussendung der Universität. „Deshalb war es interessant, dass Gehen die am häufigsten genannte Aktivität war. Es schafft auf natürliche Weise Gelegenheiten zum Gespräch.“

Miteinander gehen

Diese Pointe hat allerdings einen Haken: Die im Fachjournal Family Relations veröffentlichte Untersuchung beruht auf Selbstauskünften, zeigt nur Zusammenhänge und beweist daher nicht, dass Spazieren besser wirkt als andere Formen gemeinsamer Bewegung; es war lediglich die am häufigsten genannte Aktivität. Die Aufforderung „Geht miteinander“ ist also kein wissenschaftlich geprüftes Eherettungs-Rezept.

Doch zumindest beim Kennenlernen ist der Spaziergang wieder angesagt: „Walking Date“ oder „Walk Date“ heißt die Verabredung ohne Tischreservierung und Dresscode: zwei Menschen, ein Weg, vielleicht ein spontaner Kaffee unterwegs. Während der Pandemie war das Treffen im Freien oft eine der wenigen Möglichkeiten, seither ist der Spaziergang gekommen, um zu bleiben.

Auch in den Trendreports diverser Dating-Apps ist das Gehen inzwischen angekommen. Tinder ließ 4000 aktiv partnersuchende 18- bis 25-Jährige in vier Ländern befragen. Gefragt nach der bevorzugten Form eines ersten Treffens, nannten sie am häufigsten einen Spaziergang oder einen Kaffee. Logisch: Nebeneinander zu gehen ist weniger konfrontativ als ein Gegenübersitzen; Pausen lassen sich mit einem „Schau mal, dort“ überbrücken. Fehlt die Chemie, endet die Runde bei der nächsten Bim-Station.

close up photo of young couple holding hands on street in summer

Miteinander gehen: Spazieren als Muße und Paar-Therapie

©Getty Images/iStockphoto/dobok/iStockphoto

Die Kunst des Schauens

Dass Menschen gehen, ist selbstverständlich, dass sie ohne praktisches Ziel spazieren, ist es historisch nicht. Erst wer Wege nicht nur zur Arbeit, zum Markt oder zur nächsten Ortschaft zurücklegen muss, kann das Gehen als Muße inszenieren.

Höfische Gärten und Promenaden machten daraus ein gesellschaftliches Ritual; im 19. Jahrhundert wurde der „Flaneur“ zur Figur der modernen Großstadt. Charles Baudelaire prägte sein Bild als Beobachter, der sich durch Paris treiben lässt. Flanieren heißt: schauen, ohne ankommen zu müssen.

Der Spaziergang wurde oft auch zur Inspiration: Beethoven soll auf seinen Runden Notenpapier bei sich getragen haben, Henry David Thoreau erklärte das Gehen zur Kunst.

Spaziergangswissenschaft

Eine Schule des Schauens entstand in Kassel. Der Schweizer Soziologe und Planungstheoretiker Lucius Burckhardt entwickelte dort in den 1980er-Jahren mit seiner Frau Annemarie die „Promenadologie“, auch „Spaziergangswissenschaft“ oder „Strollology“ genannt. Ein reguläres Studienfach ist sie nicht; Burckhardt nannte sie schmunzelnd ein Nebenfach. Sie fragt, wie Mobilität unsere Wahrnehmung verändert und wie diese wiederum Stadt und Landschaft formt.

Martin Schmitz studierte bei Burckhardt und lehrt heute an der Kunsthochschule Kassel. Im Gespräch mit dem KURIER sagt er: „Was wir machen, ist eigentlich die Verbindung zur Gestaltung.“ Bewegung, Wahrnehmung, Planen und Bauen gehören zusammen. „So wie wir die Welt wahrnehmen, so wird sie auch gestaltet.“

Wer eine Straße nur aus dem Auto kennt, erlebt eine andere Stadt als jemand, der an Fassaden, Geräuschen und Hindernissen vorbeigeht. Für Schmitz ist das Gehen deshalb „die fundamentalste und auch die genaueste Methode“, sich einen Raum zu erschließen.

Das ist politischer, als der Sonntagsspaziergang vermuten lässt: Die Promenadologie prüft die gebaute Welt im Gebrauch: Wo führt ein Weg hin? Was verschwindet bei höherem Tempo? Für wen wurde geplant? Ihre Wurzeln liegen in Burckhardts Kritik an einer Stadtplanung, die vieles dem Autoverkehr opferte. Der Spaziergänger wird zum Feldforscher.

Und doch beginnt Forschung vor der Haustür, denn selbst bei der hundertsten Runde um den Block lasse sich Neues entdecken, sagt Schmitz. Das Licht, das Wetter, die Menschen, selbst die eigene Aufmerksamkeit ändern sich. „Jeder Spaziergang ist auch ein Original.“ Darin steckt ein Gegenentwurf zum Leistungsdenken, denn wer jeden Weg in 10.000 Schritte, Tempo und Kalorien übersetzt, macht selbst das Schlendern zu „einer Art Selbstoptimierungsprogramm“. Hier kommen Walk Date, Ehe-Runde und Promenadologie zusammen: Beim Gehen entsteht was Drittes zwischen den Menschen, eine Welt, auf die zwei schauen können. Das löst Beziehungskonflikte nicht zwingend, bringt aber Körper, Gedanken und Gespräche in Bewegung.

Faktisch:
Eine kleine Geh-KundeWissen. Vom Flaneur zum Vorteil des flotten Gehens.Alles, was man über den Spaziergang wissen sollte – oder auch nicht:

Spazieren: Das deutsche Verb geht auf das italienische „spaziare“ zurück:  sich räumlich ausbreiten, sich ergehen bzw. direkt vom lateinischen spatiari ab. Beide Begriffe bedeuten, sich gemächlich und ohne Eile zu bewegen. Im Deutschen ist es seit dem 15. Jahrhundert belegt.
Flanieren: Kommt vom französischen „flâner“: müßig/ziellos umherschlendern. Zur Leitfigur der Moderne wurde der Flaneur im Paris des 19. Jahrhunderts: Charles Baudelaire machte den schauenden Spaziergänger zum Sinnbild der  Großstadt.
Promenadologie: Bezeichnung für die von Lucius und Annemarie Burckhardt in Kassel entwickelte Spaziergangswissenschaft. Im Mittelpunkt stehen Wahrnehmung, Mobilität und Gestaltung, nicht die Schrittzahl oder Fitness.
Ähnlicher Befund: In einer 14-tägigen Tagebuchstudie mit 191 älteren Ehepaaren hing gemeinsames Bewegen mit fast allen erhobenen Beziehungswerten bei beiden Partnern zusammen 
11 Minuten: So viel moderate Bewegung pro Tag – etwa flottes Gehen – war in einer großen Cambridge-Analyse  mit einem niedrigeren Risiko für einen frühen Tod verbunden.

Gabriele Kuhn

Über Gabriele Kuhn

Seit 1995 an Bord des KURIER - erst 14 aufregende Jahre lang als Ressorleiter-Stv. im Freizeit-Magazin, dann als Leiterin des Ressorts Lebensart. Seit 2017 Autorin. Kolumnistin. Interessens- und Know-How-Schwerpunkte: Medizin, Lifestyle, Gesundheit. Und Erotik. Die ironische Kolumne "Sex in der Freizeit" gibt es seit 2002. Damit's nicht fad wird, schreibe ich seit Anfang 2012 die Paar-Kolumne "Paaradox" gemeinsam mit Ehemann und Journalist Michael Hufnagl. 2014 wurde Paaradox zum Lesekabarett - mit Auftritten im Rabenhof und auf vielen Bühnen Ostösterreichs.

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