Festspiele Reichenau: Maria Happel, das Analoge und der Hausgeist
Die Festspiele Reichenau feiern 100 Jahre Theater. Intendantin Maria Happel führt hinter die Kulissen eines Hauses mit eigenem Gefühl und besonderem Geist.
Sie macht es spannend. „Dürfen wir ein schlimmes Wort sagen?“, fragt Maria Happel in die Runde. Die Volksschulkinder aus Reichenau, die das Theater besichtigen, schauen zu ihr. Dann sagt die Intendantin vorm Gruppenfoto das entscheidende Wort: „Ameisenscheiße.“
Die Kinder prusten los. Auch wenn die Zeit knapp ist: Solche Begegnungen sind ihr wichtig. Denn „der erste Theaterbesuch, das erste Stück entscheiden oft darüber, ob jemand wiederkommt.“ Die einen sind begeistert. Die anderen sagen: „Ich geh lieber ins Happel-Stadion als ins Happel-Theater.“
Bei den Festspielen Reichenau, die die Schauspielerin und Regisseurin leitet, läuft der Countdown. Am 1. Juli geht’s los, die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Dann gibt es 130 Vorstellungen in fünf Wochen. „Es ist kribbelig – aber im guten Sinne. Man muss sich das vorstellen wie vor einem heiß ersehnten Rendezvous: Man weiß noch nicht, wie es ausgeht, aber man ist angenehm aufgeregt.“
100 Jahre mit der Fledermaus
Im Foyer warten schon Requisiten für die Dramatisierung von Stefan Zweigs „24 Stunden aus dem Leben einer Frau“: Sofas und Plastikpflanzen. Dann öffnet sich der Große Saal: honigfarbene Decken, geschwungene Stucklinien, historische Gemälde und ein hölzerner Balkon. Heuer feiert das Theater sein 100-jähriges Jubiläum. 1926 eröffnete das Haus, das zuvor eine Mühle war, mit der „Fledermaus“. Nils Strunk und Lukas Schrenk, die auf gefeierte Inszenierungen abonniert sind, haben das Stück passenderweise in die Roaring Twenties verlegt. Das Bühnenbild passt dazu. Nur allzu viel soll vor der Premiere nicht nach außen: streng geheim.
Maria Happel zwischen den Kostümen für die Fledermaus in der Garderobe.
©kurier/Barbara NidetzkyFür Happel ist das Theater weit mehr als eine Spielstätte: „Es ist eine Auster oder ein Schmuckkästchen, das nur einmal im Jahr geöffnet wird. Und wenn man Glück hat, findet man eine Perle darin.“ Ein gebildetes Publikum treffe auf Künstler von großen Wiener Bühnen, aus der Off-Szene bis hin zum Film. „In dieser Konstellation gibt es das nur hier.“ Und daraus entsteht etwas, das sich schwer auf ein Programmheft reduzieren lässt; ein Reichenau-Gefühl. „Es ist wie die große Pause in der Schule , da kommen alle aus unterschiedlichen Bereichen zusammen – und da passiert wahnsinnig viel.“ Oft gehe das sehr gut, sagt Happel, die früher auch selbst hier gespielt hat: Es entstünden neue Projekte. Manchmal merke man aber auch: „Die müssen wir lieber auseinanderhalten.“
Das Risiko in Reichenau gewagt
Auch der Ort ist eine eigene Welt. Die Region habe einen besonderen Geist: „Nicht umsonst haben sich hier so viele Menschen inspirieren lassen. Dieser Geist ist noch immer spürbar.“ Daher hätten Arthur Schnitzler, Stefan Zweig oder Heimito von Doderer hier natürlich ihren Platz. Aber, betont die Intendantin, man versuche auch, den Horizont zu erweitern. Mit Werner Schwabs „Die Präsidentinnen“ habe man 2023 ein Risiko gewagt. Und es habe funktioniert. „Wir wollen uns immer ein bisschen mehr trauen.“
„Wir versuchen, möglichst pur zu sein und alles aus dem Stück selbst heraus zu entwickeln.“
Früher galt Reichenau als erfolgreich, aber doch auch etwas verstaubt. Happel, die seit 2022 künstlerische Leiterin ist, widerspricht höflich, aber bestimmt. „Theater ist immer ein Produkt seiner Zeit und ständiger Veränderung unterworfen.“
Was das Haus heute auszeichne, sei ausgerechnet etwas, das andernorts rar geworden sei: das Analoge, das Unmittelbare. „Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht. Bei uns gibt es keine Videoeinspielungen. Wir versuchen, möglichst pur zu sein und alles aus dem Stück selbst heraus zu entwickeln.“
Der Kartenschalter ist noch zu, dafür parkt das Rad der Standortleiterin davor.
©kurier/Barbara NidetzkySelbst die Musik erklingt unverstärkt. Bei einer Probe zur „Fledermaus“ habe sich der Große Saal als ein akustisches Wunder erwiesen. Ein Trompeter erzählte, wie selten es geworden sei, die eigenen Töne unverfälscht und ohne Verstärker zu hören: „Bei uns dürfen die Musiker ihren Klang selbst erleben – und wir mit ihnen.“ Auch hinter den Kulissen läuft manches anders als an großen Bühnen. Keine Lautsprecherstimme ruft die Schauspieler zur Bühne. Wer den Auftritt verpasst, ist selbst schuld. „Man muss schon aufpassen, wenn man draußen im Garten eine spannende Partie Schach spielt.“
Warum sich mit Schnitzlers Reigen der Kreis schließt
Vielleicht ist das ein bisschen wie vor hundert Jahren und mehr – als das Haus hier noch eine Mühle war und zum Schloss der Familie Waissnix gehörte. Tochter Olga traf gerne Arthur Schnitzler. Es soll mehr als nur Bekanntschaft gewesen sein. Genaueres verliert sich in Geschichten. „Für mich schließt sich damit ein Kreis, oder eben ein Reigen“, sagt Happel.
Genau deshalb läuft Schnitzlers Stück heuer im Programm, inszeniert von Alexandra Henkel und Dietmar König. Interessant sei dabei auch der Blick auf die Zeit dazwischen: Was habe sich in den vergangenen hundert Jahren für Frauen verändert? Und was nicht? „Mir war wichtig, sowohl den männlichen als auch den weiblichen Blick mitzudenken.“
Wir spielen mit vollem Personal auf der Bühne: Kleines Theater, große Bühne oder kleine Bühne, großes Theater.
Das Ganze spielt auf einer 360-Grad-Bühne im neuen Teil. Für die Schauspieler ist das eine Herausforderung: „Man muss ständig in Bewegung sein, um alle Zuschauer zu erreichen. Man muss auch mit dem Rücken spielen.“
Im Saal wird noch gearbeitet: Bühnen- und Kostümbildner Dimitrij Muraschov ist vor Ort. „Der Spielraum ist relativ untypisch. Das muss man in die Konzeption des Bühnenbilds einbeziehen“, sagt er. Gerade näht er Tücher, die den Bühnenboden bedecken sollen, zu einem großen Ganzen zusammen. Ein Teil liegt über Erhebungen. „Wir haben uns überlegt, wo die Sichtlinien zusammenkommen und wo man verschwindet.“
Schneidern für Schnitzlers „Reigen“: Bühnenbildner Dimitrij Muraschov mit Helferin (li.) näht die Bedeckung des Bodens zusammen.
©kurier/Barbara NidetzkyHappel setzt in Reichenau bewusst auf große Besetzungen. „Wir spielen mit vollem Personal auf der Bühne“, sagt sie. „Kleines Theater, große Bühne oder kleine Bühne, großes Theater.“ Gerade jetzt, wo Einsparungen oft die erste Idee sind, höre man schnell: „Das kann man doch auch zu dritt spielen.“ Für Happel ist das keine Option. Sie will „so vielen Kolleginnen und Kollegen wie möglich im Sommer die Möglichkeit geben, hier spielen zu können“.
Auch künstlerisch sei das ein Gewinn: „So haben wir natürlich die Chance, alle Schichten anders zu beleuchten. Das ist auch für das Publikum toll.“ Dass man Schnitzlers „Reigen“ theoretisch auch als Minimalbesetzung spielen könnte, bestreitet sie nicht. Aber: „Heuer nicht – und generell nicht bei uns“. 51 Menschen arbeiten im Sommer hier.
Damit aus ihnen ein Betrieb wird, dafür sorgt Tina Schmidt. Sie kennt dieses Haus so gut wie kaum jemand anderer. Die Standortleiterin und Prokuristin hat hier praktisch jede Position einmal bekleidet: Kartenbüro, Technik, Regieassistenz. Heute ist sie die Frau, bei der vieles zusammenläuft. Sie ist dann hier, wenn längst niemand mehr da ist. Im Winter kann es passieren, dass sie allein durch das Gebäude geht.
Ist da jemand? Dabei begegnet sie gelegentlich einem ganz besonderen Mitbewohner: dem Hausgeist. „Man spürt, dass da jemand ist. Oder dass da etwas ist“, sagt sie und lächelt. Vor allem im Großen Saal habe der unsichtbare Bewohner seine Lieblingsplätze. Wer oft genug allein durchs Theater gehe, entwickle ein Gespür dafür. Und manchmal, erzählt Schmidt, meldet sich der Hausgeist auch bei den Proben. Wenn auf der Bühne etwas partout nicht funktionieren will, gilt das intern fast als zusätzliche Abnahmeprüfung. „Dann denkt man sich schon: Vielleicht sollten wir lieber auf Nummer sicher gehen.“
Dass in Reichenau trotz eingespielter Professionalität nicht immer alles nach Plan läuft, zeigte sich im ersten Jahr unter Intendantin Maria Happel. Kurz vor der Premiere legte ein Fest in der Umgebung die Stromversorgung lahm. Im Theater blieb es dunkel. Schmidt kontrollierte alles, was zu kontrollieren war. „Aber ich habe nichts gefunden. Da wurde mir schon heiß“, sagt sie.
Die Premiere stand auf der Kippe. 20 Minuten vor Beginn ging das Licht an. Ob der Hausgeist seine Finger im Spiel hatte? „Wir fanden das als gutes Empfangsomen, dass sich der Geist bemerkbar gemacht hat. Er hatte alles im Griff.“
Programm
- Die Fledermaus: Nils Strunk & Lukas Schrenk inszenieren den Strauss-Klassiker, der bei der Eröffnung vor 100 Jahren zu sehen war.
- Reigen: Arthur Schnitzlers einst skandalöses Stück u. a. mit Stefanie Dvorak und Daniel Jesch.
- Krieg und Frieden: Dramatisierung von Tolstois Roman. Passend zu unserer Zeit. Im Südbahnhotel Semmering.
- Die Legende vom heiligen Trinker: Theaterstück nach Joseph Roths Novelle über das Glück und Unglück einer gescheiterten Existenz.
- 24 Stunden aus dem Leben einer Frau: Stefan Zweig fragte, ob man gewinnt, wenn man nicht wagt. U. a. mit Julia Stemberger und Sona MacDonald.
Der kleine Prinz: Fürs junge Publikum der Klassiker von Antoine de Saint-Exupéry.
Mehr Infos: festspiele-reichenau.at
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