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Von Lilith bis Sharon Stone: Die Macht der Femme fatale

Erotisch, aber grausam: Was fasziniert Männer, dass sie sich ihrem Ruin ausliefern? Historie und Psychologie des Phänomens.

Zuerst die Verführung, dann das Verhängnis. Der Mythos der Femme fatale hat sich heiß wie Feuer in die Kulturgeschichte und unsere Köpfe eingebrannt. Betörend schön, erotisch aufgeladen, geheimnisvoll und manipulierend. So bringt sie die Männer um den Verstand. Gefährlich, unheilbringend und meistens tödlich: Ihre unwiderstehliche Anziehungskraft führt die vermeintlich starken Männer, die bei ihr schwach werden, zielsicher ins Verderben. Es gilt: keine Gnade. Da hilft auch kein Valentinstag.

So extrem, drastisch und radikal ist dieses Bild einer Frau, dass es eigentlich nur der Mythologie, der Literatur und den schönen Künsten entsprungen sein kann. Bereits aus jüdischen Überlieferungen ist etwa die Figur der Lilith bekannt, eine Art Ur-Mutter der Femme fatale: Hier gilt sie als von Gott erschaffen und erste Frau Adams – also noch vor Eva. Doch will Lilith nicht nach Adams Pfeife tanzen und sich ihm unterordnen – und verlässt das Paradies. Immer wieder wurde ihr Name neuen Interpretationen unterzogen. In Mesopotamien galt sie als Nachtdämon, der Schwangeren und Säuglingen den Tod bringt, im Mittelalter als Succubus, ein lüsterner Sexteufel, der die Männer verführt.

Brigitte Bardot in „Und immer lockt das Weib“

Thrill zwischen Angst und Faszination: Brigitte Bardot in „Und immer lockt das Weib“

©IMAGO/Capital Pictures/IMAGO/Supplied by Capital Pictures

Salome, Circe, Loreley

Doch die Femme fatale hat viele Namen: In der Antike heißt sie Salome, tanzt den Tanz der sieben Schleier und bringt den Tod; die unglückbringende Pandora aus der griechischen Mythologie sowie Circe aus Homers „Odysee“ sind weitere Paradebeispiele. Melusine, die nixenhafte Sagengestalt aus dem Mittelalter, könnte als Femme fatale gesehen werden, und die Loreley aus Heinrich Heines Gedicht: Eine Frau, so wunderschön und mit solch betörendem Gesang, dass die Schiffe der Kapitäne reihenweise am Felsen des Rheins zerschlagen. Franz Wedekinds Lulu ist ein ebenso magnetisches Beispiel und erleidet als Folge ihres ungehemmten Lebens in „Die Büchse der Pandora“ ein schlimmes Ende.

Und in der Bildenden Kunst? Caravaggio etwa malte seine Judith mit dem abgeschlagenen Haupt des Holofernes, Rembrandt die Delila, die Samson verraten hatte, bei Edvard Munch taucht die Angst vor der Bedrohung Frau im Zyklus „Der Lebensfries“ auf. Durch die Epochen hinweg fasziniert das Konzept der Femme fatale die Kunst. 

Greta Garbo in „Dämon Weib“

Begehrenswert und grausam: Greta Garbo in „Dämon Weib“

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"Mein Herz ist aus Eis"

Im Kino avanciert sie zur unverzichtbaren Akteurin und zum Mittelpunkt der Handlung, Helden wie Zuschauer lässt sie um sich tanzen wie Motten ums Licht. Auf der Leinwand gilt: „Sie ist sexuell unersättlich und liebt ihre Opfer vielleicht sogar auf ihre eigene Art und Weise“, wie Dominique Mainon und James Ursini im Buch „Femme fatale“ schreiben, „aber das hindert sie nicht daran, sie in den Wahnsinn zu treiben.“ Die Mannsbilder, die ihr „nachlaufen, riskieren betrogen, gedemütigt und in Armut und Verzweiflung getrieben zu werden, während sie um ihre Aufmerksamkeit buhlen.“

Herzerfrischend, nicht? Und doch auf der Leinwand so herrlich anzusehen. Und zwar schon seit den Zeiten des Stummfilms. Die erste Femme fatale dieser Zeit war wohl Theda Bara. Vermarktet wurde sie als geboren in der Sahara und in Besitz übernatürlicher Kräfte. In Wahrheit hieß sie Theodosia Burr Goodman und kam aus Cincinnati. Der Begriff „Vamp“ basiert auf ihrer Rolle als vampirhafte Verführerin im Film „A Fool There Was“, der sie zu einem der ersten Sexsymbole machte – und in dem sie im Finale Blütenblätter auf den Leichnam ihres Opfers streut. In „The Devil’s Daughter“ wiederum gibt sie die Grundsatzerklärung ab: „Was dieser Mann mir angetan hat, werde ich fortan allen Menschen antun. Mein Herz ist aus Eis, meine Leidenschaft ein verzehrendes Feuer. Die Menschen sollen sich in Acht nehmen.“

Auch die große Greta Garbo wurde mit einer Rolle als Femme fatale mit 21 zum Weltstar, der vielsagende deutsche Titel: „Dämon Weib“. Später führte der Film noir der Fünfziger noch zu cineastischen Höhepunkten.

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Sinnliche Verführung: Ava Gardner in „The Killers“

©mauritius images / Screen Prod/Screen Prod/mauritius images

„Ich bin Gift, für mich selbst und alle um mich herum!“, kasteit sich Ava Gardner als verruchte Kitty etwa im Klassiker „The Killers“ selbst; die tiefen Blicke der sinnlichen Schönheit kosten Burt Lancaster das Leben. Die unkontrollierbare Rita Hayworth und ihr sinnlicher Handschuh-Striptease in „Gilda“ prägte eine Generation.

Der Film noir hat die Femme fatale verherrlicht wie verteufelt und zur zentralen Figur seines Universums gemacht: Nicht allein als Bedrohung – sondern auch als Reaktion auf eine unterdrückerische Männerwelt. Ohne Zweifel eine zerstörerische Kraft, doch ebenso eine moderne Heldin, welche die ihr zugeteilte Rolle (still, gehorsam) nicht akzeptiert. Und mit traditionellen Frauenbildern bricht.

Die berühmteste Femme fatale der jüngeren Gegenwart: eindeutig Sharon Stone in „Basic Instinct“ – mysteriös, manipulativ, hochintelligent, bisexuell. Mit Eispickel und ohne Unterwäsche. Dass sie auf Moral pfeift und Zügellosigkeit lebt, macht sie nur noch mächtiger – widerstehen kann Michael Douglas alldem nicht.

 Sharon Stone und Michael Douglas in „Basic Instinct“

Gefährlich schön: Sharon Stone in „Basic Instinct“ 

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Die dämonisierte Frau

„Aus heutiger Sicht ist die Femme fatale eine Projektionsfläche ausschließlich männlicher Fantasien“, erklärt die Psychologin Doris Jeloucan (jeloucan.at)im Interview. „Eine selbstbewusste, schöne, dominante Frau, die sich ihrer Sexualität bewusst ist, wird dämonisiert – die Femme fatale verkörpert ein Begehren, das aber gleichzeitig gefürchtet wird.“ 

Eine solche Frau, so der Gedanke, muss schließlich Böses im Schilde führen. „Diese Ängste spiegeln eine gesellschaftliche Verunsicherung wider – und die ist heute aktuell wie nie zuvor.“ Schließlich sind die Fronten zwischen den Geschlechtern aktuell angespannt bis verhärtet. Unterschiedliche – und oft völlig verschiedene – Verhaltensmuster versuchen das abzufedern. Einerseits zum Beispiel Männer, die auf Dominanz setzen und sich in der Alpha-Male-Szene verorten.

Rita Hayworth in „Gilda“

Verwirrend schön: Rita Hayworth in „Gilda“ 

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Diese Unsicherheit, so Psychologin Jeloucan, wird in einen frauenfeindlichen Zugang umgewandelt. „Nach dem Motto: Es gibt nichts Gefährlicheres in der Geschichte als eine Frau, die so selbstbewusst ist, dass man sie nicht beschämen kann.“ Also versucht ein verunsichertes Patriarchat, sie kleinzuhalten, indem es einen negativen Archetypus schafft – zum Beispiel die Ausgeburt einer Femme fatale.

Auf der anderen Seite der Extremskala formiert sich ein Trend wie die Tradwives: Junge Frauen, die ein konservatives Frauenbild aus den Fünfzigerjahren zelebrieren, sprich, sich auf Hausarbeit und die Versorgung des Mannes konzentrieren. Hier gilt es, sich dem Mann unterzuordnen – etwas, das einer Femme fatale gar nicht passen würde. So bleibt sie Spielball zwischen allerlei Fronten wie Sexualität, Rollenbildern, Ängsten und Unabhängigkeitsbestrebungen. Und das ist diesem Rollentypus ja vielleicht gar nicht so unrecht. Vereinnahmen lassen will die Femme fatale sich nämlich nicht. Wie sagt Sharon Stone doch in „Basic Instinct“: „Ich bin nicht dumm. Ich mag es nur nicht, wenn man mir sagt, was ich tun soll.“

Alexander Kern

Über Alexander Kern

Geboren in Wien, war Chefredakteur verschiedener Magazine und stand im Gründungsteam des Seitenblicke Magazins des Red Bull Media House. 12 Jahre Chefreporter bzw. Ressortleiter Entertainment. Schrieb für 110%, das Sport- und Lifestyle-Magazin von Die Presse. Seit 2020 Redakteur der KURIER Freizeit mit Reportagen, Kolumnen, Texten zu Kultur, Gesellschaft, Stil, Reise und mehr. Hunderte Interviews, von Beyoncé und Quentin Tarantino über Woody Allen und Hugh Grant bis Jennifer Lopez und Leonardo DiCaprio sowie in der deutschsprachigen Kulturszene. Reportagen vom Filmfestival Cannes bis zur Fashionweek Berlin. Liebt Kino, Literatur und Haselnusseis.

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