Willem Dafoe

Willem Dafoe in Wien: „Ich kann kein Mörder sein“

Willem Dafoe hat in Wien gedreht, bei Vollbetrieb im Hotel Intercontinental. Verliert der Mann sich in seinen Rollen?

Eine Suite im neunten Stock des Hotels Intercontinental in Wien. Gedämpftes Licht. Abendstimmung. Zur Tür herein zum Einzelinterview kommt Hollywoodstar Willem Dafoe, gut gelaunt zurück von einem Spaziergang. Seinen Mantel legt er aufs Sofa, trägt leger einen warmen Winterpullover – und Rauschebart. Das hat seinen Grund: Er kommt gerade aus London vom Dreh des Horrorfilms „Werwulf“. Ab 13.2. ist er zuvor allerdings in „The Souffleur“ zu sehen. Die Hauptrollen: spielen Dafoe, Wien und das Hotel Intercontinental. 

Im Film verkörpert er den Hotelmanager Lucius, der damit fertig werden muss, dass die Welt rund um ihn sich rapide verändert. Dazu gehört auch sein Hotel, das vom Abriss bedroht ist. Und mit dem der neue, arrogante Investor (gespielt vom Regisseur Gastón Solnicki) große Pläne hat. Der Dreh war ein Abenteuer: mit Drehbuch-Fragment, bei Vollbetrieb im Wiener Interconti, und Laiendarstellern. Ein poetisches, lose gehaltenes Experiment. Und mit Auftritten von Wiener Originalen wie dem Kult-Herrenschneider Knize. Im Interview gibt Willem Dafoe mit sonorem Timbre Einblick in sein Kunstverständnis.

Dieses Hotel sei wie ein Schiff, heißt es zu Beginn des Films. Können Sie diesen Vergleich nachvollziehen – und sind Sie quasi der Kapitän?

Folgt man dieser Logik würde es mich zum Kapitän dieses Schiffs machen. Zumindest im Film. Diese Zeilen dienen dazu, die romantische Verbundenheit meiner Figur zu diesem Ort zu zeigen. Für den Hoteldirektor, den ich spiele, ist das mehr als ein Job, es ist sein Leben. Aber das sind nicht meine Worte. Meine Aufgabe ist lediglich, mich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Es gibt Menschen, die finden Hotels faszinierend, man denke nur an die opulent ausgestatteten Filme von Wes Anderson. Geht es Ihnen genauso?

Wie gesagt, ich spiele eine Rolle. Das sind nicht unbedingt meine persönlichen Obsessionen.

Noch ein Vergleich: Ist ein Hotel vergleichbar mit einem Filmset? Beides ist eine Bühne.

Stimmt, Hotels wie Filmsets sind eine Drehscheibe, Menschen kommen und gehen wieder ab. Oft gleichen sie sich; dann unterscheiden sie sich wieder in Details, je nach Stil des Regisseurs.

Sie haben den Film während laufendem Betrieb des Hotels Intercontinental gedreht. Wie war das?

Das Hotel war im Vollbetrieb, wie es jetzt der Fall ist und wir hier sprechen. Das Management war sehr großzügig, es hat uns ziemlich freie Hand gelassen, unseren Film zu drehen. Das war praktisch, weil wir einige Szenarien erst direkt vor Ort entwickelt haben. Es kam ständig zu neuen Situationen, die Richtung, in die es gehen sollte, war nicht sehr vorgegeben. Gleichzeitig drehten wir mit Menschen, die sonst keine Schauspieler sind. Wir waren alle sehr pragmatisch, haben es genommen wie es kommt. Ich habe mich einfach konzentriert, im Moment zu sein.

Willem Dafoe am Dach des Intercontinental im Film „The Souffleur“

Wien mit Aussicht: Willem Dafoe am Dach des Intercontinental im Film „The Souffleur“

©Little Magnet Films, Filmy Wiktora, Primo Content, KGP Filmproduktion

Wie war es, einen Film zu drehen, der praktisch ohne Drehbuch auskommt?

Ich bin durchaus daran gewöhnt, auf solche Art zu drehen.

Das ist also keine Schwierigkeit für Sie?

Ich finde, dass einige der besten Momente in der Geschichte des Kinos nicht unbedingt der Art, wie sie erzählt sind, zu verdanken sind. Oder dem Drehbuch. Sie haben mit dem Ort, dem Licht, dem Ton zu tun – der Welt, die damit erschaffen wird. Also suche ich mir von Zeit zu Zeit ein Projekt aus, bei dem die Erzählung zweitrangig ist. Eine schöne Geschichte ist zwar wunderbar – aber sie verbirgt auch die Wahrheit.

Wie meinen Sie das?

Wenn man einer Geschichte folgt und sich mit ihr identifiziert, kommt irgendwann der Moment, an dem man aufhört zu denken. Die Empathie übernimmt die Kontrolle. Besonders wenn die Macher bestimmte Knöpfe bei einem drücken.

Knöpfe, die darauf angelegt sind, dass sie etwas in uns auslösen.

Die Emotionen, die dann bei uns erzeugt werden, überschatten unser Staunen und unsere Neugier. Auch unseren Willen zu hinterfragen. Manchmal ist das schön, aber unser Film wollte etwas anderes erreichen. Der Regisseur hat eine einfache Ausgangssituation erschaffen und dann die Poesie des Lebens darin gesehen.

Gehen Sie gerne Risiken ein, wenn Sie eine Filmrolle auswählen?

Ich denke schon. Ich meine, ich will damit nicht prahlen. Auch, weil es relativ ist, was es heißt, ein Risiko einzugehen. Im Grunde macht es mir einfach Spaß, zu lernen, über Menschen, über mich selbst. Und mir etwas anzueignen, das ich sonst nicht mache. Es geht darum, Erfahrungen zu machen – und ein Leben zu leben, das eine andere Person sich vorgestellt hat.

Was ist für Sie wichtiger, der künstlerische Prozess oder das Ergebnis?

Über das Ergebnis darf man nicht nachdenken. Und man muss es auch nicht. Denn wenn jeder Schritt auf dem Weg dorthin eine gewisse Integrität und ein Engagement aufweist, wird das Ergebnis wahrscheinlich gut ausfallen. Wenn man sich zu sehr um das Resultat seiner Arbeit sorgt, erstickt das den künstlerischen Impuls.

Also keine Sorge, dass man ohne Plan keinen guten Film zusammenbringt?

Natürlich möchte ich, dass die Leute den Film mögen. Ich möchte, dass es ein guter Film wird. Aber wenn man zu viel nachdenkt, zermürbt einen das.

Ihre Filmografie changiert zwischen Arthouse und Hollywoodkino. Das ist außergewöhnlich. Wie wichtig ist Ihnen diese Gratwanderung?

Wissen Sie, das ist zur Hälfte Absicht und zur Hälfte Zufall. Ich mag es, unterschiedliche Erfahrungen zu machen. Wenn man sich immer wieder in die gleiche Situation begibt, erlebt man nicht dieselben Abenteuer, wie wenn man sich immer wieder neu auf etwas einlässt. Etwas, von dem man nicht genau weiß, wie man es angehen soll. Wenn man das als Herausforderung bezeichnen will – okay, vielleicht ist es das. Mir geht es darum, dass es ein ergiebiger Ort der Inspiration ist.

Willem Dafoe

Willem Dafoe: "Es gibt Filmstars und es gibt Schauspieler"

©kurier/BARBARA NIDETZKY

Welche Rolle spielt dabei das Image, das ein Schauspieler hat?

Es gibt Filmstars und es gibt Schauspieler. Klar, es kann jemand auch beides sein. Aber üblicherweise läuft es so: Ein Filmstar bekommt ein Drehbuch und verändert es so, dass es zu seinem Image und der von ihm geschaffenen Persona passt. Das kann natürlich auch Spaß machen. Der Charakter, den jemand nach außen verkörpert, gerät zu einer eigenen Art von Filmsprache. Und man kann auf diese Weise bestimmte Geschichten erzählen. Aber ich ziehe etwas anderes vor.

Was bevorzugen Sie?

Den umgekehrten Weg. Ich ziehe es vor, jemand zu sein, der sich dem Material anpasst. Ich versuche es zumindest. Auf diese Weise macht es mehr Spaß, so fesselt es mich. Auch weil es mich auch aus dem Konzept bringt. Mache ich hingegen etwas bloß aus Selbstzweck, blockiert es die Kunst. Man ist sich selbst zu treu.

Bedacht auf das Bild, das man von sich in der Öffentlichkeit erschaffen hat. Welche Fragen beschäftigen einen da?

Man sagt sich: „Oh, das kann ich nicht tun, weil ich nun einmal so und so gesehen werde.“ Von solchen Gedanken muss man sich frei machen. Ich glaube, das erreicht man, indem man seine Lage immer wieder verändert. Warum nicht? Das ist die erste Frage, die man sich stellen sollte, wenn es darum geht, jemand zu verkörpern. Gut, man selbst lebt vielleicht ein anderes Leben. Aber warum sollte es mir nicht möglich sein, etwas anderes zu tun?

Willem Dafoe

Neugierig bleiben: "Jedes Mal, wenn man ein neues Projekt beginnt, fragt man sich: Was zum Teufel ist das?!", so Dafoe

©kurier/BARBARA NIDETZKY

Sich im Beruf ständig neu herauszufordern, hält Sie im Leben lebendig?

Ich mag Menschen. Und ich mag das Abenteuer. Ich arbeite gerne an etwas, bei dem ich mich herausgefordert fühle. Sodass es meine Neugier weckt und zwingt, mich echt lebendig zu fühlen.

Und das gelingt Ihnen gut. In jedem Film sind Sie ein gänzlich anderer.

Nichts ist normal. Jedes Mal, wenn man ein neues Projekt beginnt, fragt man sich: Was zum Teufel ist das?! Ich weiß es nicht, ich muss es rausfinden. Klar, man muss sich auch sicher und aufgehoben fühlen können. Aber im Grunde möchte man ins kalte Wasser geworfen werden, wissen Sie?

Man muss schnell dazulernen, sonst geht man unter.

Diese Erfahrung ist unschlagbar. Du kämpfst dich nach oben, fühlst dich dabei jedoch gut, und das Schöne daran ist: Wenn du das oft genug machst, wird deine Angst weniger und du fühlst dich freier. Du siehst mit einem anderen Blick auf die Welt, dein Leben, das Leben anderer. Auf eine größere, umfassendere, auf eine weitläufigere Weise.

Kurier-Redakteur Alexander Kern, Willem Dafoe

Hollywoodstar Willem Dafoe beim Interview mit Alexander Kern im Wiener Hotel Intercontinental 

©BARBARA NIDETZKY

Und Neugierde ist der Schlüssel dazu.

Ein bisschen. Weil du dich ständig fragen musst: Warum sind die Dinge so, wie sie sind? Ich denke, der grundlegende Impuls hinter allem, was man tut, ist, seine Beziehung zu dem zu finden, warum wir hier sind. Ich will jetzt nicht zu schwermütig werden, aber selbst wenn man nur eine alberne Komödie dreht, hat das seine Richtigkeit. Man fragt sich: Was bedeutet diese Zeit, die wir auf dieser Erde haben?

Sie spielen oft abgründige Rollen. Was zieht Sie zu diesen Charakteren hin?

Ich weiß nicht, ob das stimmt. Ich höre das aber nicht zum ersten Mal, manche sehen das wohl so. Aber vielleicht ist es ja ein guilty pleasure für mich, sich seiner Angst zu stellen. Außerdem: Wenn man einen Bösewicht spielt, kann man Dinge tun, die im echten Leben nicht erlaubt sind. Ich kann kein Bankräuber sein. Ich könnte schon, aber ich mache es nicht. Ich kann kein Mörder sein. Kein Perverser. All diese Dinge. Wenn man sich solche Möglichkeiten jemand zu sein erspielt, öffnet es deine Beziehung zu Tugend und Moral – all das, was zu einem guten, positiven Leben führt.

Willem Dafoe

Willem Dafoe

Willem Dafoe wurde 1955 in  Appleton, Wisconsin als zweitjüngstes von acht Kindern geboren. Stand schon in seiner Jugend auf der Bühne, tourte später mit einer Theatergruppe durch die Welt.  Er spielte u.a. in „Mississippi Burning“, „Wild at Heart“,  „Shadow of the Vampire“, „Spider-Man“,  oder „Antichrist“. Verheiratet, ein Sohn aus einer früheren Beziehung. 
 

Sie verbringen die meiste Zeit in Rom. Wie ist es, als Amerikaner, der aus Wisconsin stammt, in Europa zu leben?

Ich sehe mich nicht als typischen Amerikaner, der jetzt in Italien lebt. Ich reise gerne, mein ganzes Leben war ich auf Tournee. Schon bevor ich mit 22 nach New York gezogen bin, war ich mit meiner Theatergruppe monatelang unterwegs, in Europa, Asien, Südamerika. Das habe ich fortgesetzt. Ich genieße es, woanders zu leben, selbst für nur kurze Zeit.

Alexander Kern

Über Alexander Kern

Geboren in Wien, war Chefredakteur verschiedener Magazine und stand im Gründungsteam des Seitenblicke Magazins des Red Bull Media House. 12 Jahre Chefreporter bzw. Ressortleiter Entertainment. Schrieb für 110%, das Sport- und Lifestyle-Magazin von Die Presse. Seit 2020 Redakteur der KURIER Freizeit mit Reportagen, Kolumnen, Texten zu Kultur, Gesellschaft, Stil, Reise und mehr. Hunderte Interviews, von Beyoncé und Quentin Tarantino über Woody Allen und Hugh Grant bis Jennifer Lopez und Leonardo DiCaprio sowie in der deutschsprachigen Kulturszene. Reportagen vom Filmfestival Cannes bis zur Fashionweek Berlin. Liebt Kino, Literatur und Haselnusseis.

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