Eine Person in orange sitzt in einem blauen Raum voller zerbrochener Rieseneier und Steine, die aus den Wänden ragen.

Ei in der Kunst: Warum Dalí und Magritte davon besessen waren

Nicht zu Ostern begehrt. In Mythen und Kunst steht das Ei für Ursprung, Ordnung oder Dummheit. Warum Dalí, Magritte oder Koons kaum daran vorbeikamen – und was das verrät.

Sicher ist: Spätestens bei der Osterjause kracht’s – zumindest beim Eierpecken. Doch das Ei ist mehr als ein kulinarischer Prüfstein. Mit dem Ei beginnt’s. Es sei denn, man gibt der Henne den Vorzug.

Das Ei ist ein erstaunliches Ding mit Ecken und Kanten. An ihm entzünden sich seit jeher große Fragen: Wo beginnt das Leben, wo endet die Ordnung? In vielen Schöpfungsmythen entsteht die Welt aus einem kosmischen Ei. Es steht für Fortpflanzung, Wachstum und Erneuerung, aber auch für Torheit und moralische Unordnung. Ein zerbrochenes Ei kann verfehltes Handeln markieren. Die Wahrheit liegt, so viel ist sicher, immer im Inneren. Kein Wunder also, dass das Ei die Kunst seit jeher beschäftigt.

Dalí und das vollkommene Ei

Für Salvador Dalí ist es so wichtig, dass er es in Wände einbaut oder auf den Dächern seines Hauses in Katalonien Eier platziert. Und die sind bei ihm kein dekorativer Spleen, kein Rausch an sich selbst („Ich nehme keine Drogen. Ich bin eine Droge!“), sondern Symbole mit sehr persönlicher Bedeutung.

Ein Mann steht auf einer Terrasse am Meer, hält einen kleinen Gegenstand hoch, während ein Stuhl durch die Luft fliegt.

Salvador Dalí liebte das Ei. Etwa auf dem Dach seiner Villa in Katalonien.

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Für ihn steht es für Ursprung, Geburt und die Ruhe im Ungeborensein. In seinen frühen Werken verkörpert es Hoffnung und Liebe, später auch Reinheit und Vollkommenheit. Kurz gesagt: Das Ei ist ein Schlüssel zu Dalís Denken. 

Und natürlich taucht das Ei immer wieder in seiner Kunst auf. Am bekanntesten wohl im Gemälde „Der geopolitische Knabe beim Anblick der Geburt des neuen Menschen“ (1943): Eine männliche Figur schlüpft aus einer eiartigen Weltkugel, beobachtet von einer Frau und einem Kind. Surreal, verstörend und typisch Dalí.

Ein riesiges, aufgebrochenes Ei mit einer menschlichen Figur darin, daneben eine nackte Frau mit Kind und surrealer Landschaft.

Die Welt erinnert an ein Ei - in Dalís Bild „Der geopolitische Knabe beim Anblick der Geburt des neuen Menschen“. 

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Während er auf Pathos, Psychoanalyse und große Gesten setzt, vertraut sein Surrealismus-Kollege René Magritte auf kühle Logik. In einem Punkt sind sie sich einig – besser: ei-nig. In Magrittes Bild „La Clairvoyance“ (1936) liegt ein Ei auf dem Tisch, während auf der Leinwand bereits ein Vogel fliegt. Ein ganz früher Vogel.

Was war zuerst da?

In „Variante der Traurigkeit“ (La variante de la tristesse, 1957) treibt Magritte das Spiel weiter und stellt die alte Frage neu: Was war zuerst da? Die Henne oder das Ei? Vogel und Ei erscheinen gleichzeitig, arrangiert wie auf einer Bühne vor weiter Landschaft. Die Frage nach dem Ursprung der Dinge braucht eben ihren großen Auftritt.

Eine braune Henne steht zwischen einem Ei im Eierbecher und einem Ei auf einer Mauer vor einem Sonnenuntergang.

René Magritte über die wichtigste Frage.  

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Hieronymus Bosch gilt vielen als früher Ahnherr des Surrealismus, auch wenn Salvador Dalí das entschieden anders sieht. Für ihn sind Boschs Monster bloß das „Produkt des nebelverhangenen Nordens und der schrecklichen Verdauungsstörungen des Mittelalters“. Über Boschs Bilder rätselt man trotzdem bis heute gern, selbst wenn sie gar nicht von ihm stammen. So etwa bei „Zangers in het ei“ (um 1520–1530), wohl aus dem Umkreis des Meisters. 

Zu sehen ist eine Gruppe musizierender Menschen in einer riesigen, aufgebrochenen Eierschale. Sie sitzen im Eigelb, vermutlich ein Sinnbild für Torheit, Völlerei oder moralische Verblendung. Also so, wie sie der Bildtradition Boschs entspricht.

Mehrere Menschen sitzen in einer riesigen Eierschale, lesen aus einem Notenbuch, umgeben von Tieren und seltsamen Gegenständen.

Hieronymus Boschs künstlerische Nachfahren ließen Menschen im Ei singen.

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Entstanden ist das Werk Jahre nach Boschs Tod, vermutlich nach einem heute verschollenen Vorbild. Und das Rätsel bleibt: Welches Riesentier legt ein Ei, in dem gleich mehrere Musiker Platz finden?

Bei Bosch selbst kommt das Ei immer wieder vor. Im „Garten der Lüste“ klettern Menschen aus einem eiartigen Gebilde, im Weltgerichtstriptychon, zu sehen in der Wiener Akademie der Bildenden Künste, trägt ein Kopffüßler die Eierschale als Schutzschild. Bilder wie aus einem schlimmen Traum.

Im Eierbecher eingesperrt

Auch der Franzose Odilon Redon macht das Ei zum Thema. In seinen Kohlezeichnungen und Druckgrafiken der 1880er-Jahre erkundet er das menschliche Unbewusste mitsamt seinen Ängsten und Albträumen. Bekannt ist er für düstere Bildfindungen: Raben als Todesboten, Spinnen mit Gesicht und eben das Ei. In „L’Œuf“ (1885) erscheint es besonders verstörend: ein Ei mit Gesicht, eingezwängt in einen Eierbecher. Ein Bild für existenzielle Enge, Isolation und das Ausgeliefertsein des Subjekts.

Ein menschlicher Kopf mit großen Augen schaut aus einem dunklen Kelch, umgeben von einer strukturierten, dunklen Fläche.

Odilon Redon und existenzielle Ängste.

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Daneben wirken klassische Stillleben oder Alltagsszenen fast langweilig: Eier am Tisch, neben Fleisch, Butter oder Brot. Oder eine alte Frau, die – wie bei Velázquez – ein Ei in der Pfanne brät. Doch Vorsicht: In der Malerei sind Eier selten bloßes Kücheninventar. Sie tragen Symbolik in sich – vom Versprechen des Lebens bis zur Mahnung, dass alles einmal endet. Spätestens, wenn die Schale bricht.

Cézanne und der Weg in die Moderne

Auch der junge Paul Cézanne schlägt mit einem Ei-Bild einen neuen Weg ein. „Le pain et les œufs“ (1865) verabschiedet sich vom Stillleben als moralischem Gleichnis und wird zum Experiment über Form und Wahrnehmung. Cézanne interessiert, wie Dinge im Raum stehen, welches Gewicht sie haben – und wie sie sich gegenseitig aus dem Gleichgewicht bringen. Er ist damit die Henne – oder das Ei – für die Klassische Moderne. „Cézanne war mein einziger Meister! Er war wie ein Vater für uns“, sagt Picasso.

Ein langes Brot, zwei Zwiebeln, zwei Eier, ein Glas Wasser und ein Messer liegen auf einem Tuch auf einem dunklen Tisch.

Paul Cézanne bewegt sich in die klassische Moderne.

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Piet Mondrians „Ovale Komposition mit Farbflächen“ (1914) markiert ebenfalls einen Anfang. Weniger bekannt als seine späteren Rechtecke in Rot, Blau, Gelb und Weiß, zeigen diese Arbeiten den Übergang von kubistischen Einflüssen zur radikalen Abstraktion.

 Ein Geflecht aus horizontalen und vertikalen Linien in Grau, Schwarz und Ocker. Es ist alles im Oval eingeschlossen statt im klassischen rechteckigen Rahmen.

Abstrakte Komposition aus schwarzen Linien und farbigen Rechtecken in Blau, Gelb und Rosa innerhalb einer ovalen Form.

Piet Mondrians  Übergang zum Abstrakten

©IMAGO/SuperStock/IMAGO/ACME Imagery © 2015

„Wo die Eier herkommen und der gute Braten“ – das interessiert Paul Klee 1921. Das gleichnamige Bild wirkt wie eine Kinderzeichnung, ist aber eine Denkskizze aus Linien, Pfeilen und Zeichen. Eier, Tiere und Körperteile hängen in einem schrägen Kreislauf zusammen, irgendwo zwischen Humor und Existenzfrage. Leben und Tod sind hier nicht moralisch aufgeladen, sondern nüchtern miteinander verbunden. Mit Krixikraxi und trockenem Witz. Und plötzlich wirkt selbst das Sonntagsessen ziemlich philosophisch.

Baquiat und Warhol machten das Ei poppig

Wo Paul Klee 1921 noch zeichnet und denkt, landet das Ei bei Jean-Michel Basquiat mitten in der Pfanne. In „Eyes and Eggs“ (1983) brät ein Mann mit stechendem Blick das Ei bereits an. Basquiat, der junge Wilde der 1980er-Jahre, ist es auch, der gemeinsam mit Keith Haring Andy Warhol zur Rückkehr zur Malerei ermutigt – und zu Motiven, die dieser einst verworfen hatte.

Statt Stars und Suppendosen malt Warhol plötzlich Eier. Ganz neu sind sie nicht: Schon in den Fünfzigern hatte er sie sporadisch am Radar. Die späteren Eier tauchen in einer eher rätselhaften Phase seines Werks auf. Eiförmiges in Farbfeldern – ungewohnt für Warhol, und doch auf eigentümliche Weise sehr poppig.

Eine Frau betrachtet ein Gemälde mit bunten ovalen Formen auf schwarzem Hintergrund, im Vordergrund unscharfe bunte Muster.

Das Ei hat Andy Warhol neu zur Malerei beflügelt.

©EPA/TOLGA AKMEN

Und dann wird das Ei zerstört. In den 2000er-Jahren übernimmt die südkoreanische Künstlerin JeeYoung Lee. Ihr Werk „Broken Heart“ (siehe großes Artikelbild) greift das Sprichwort auf, mit einem Ei gegen einen Stein zu schlagen – den Kampf gegen das scheinbar Unmögliche. In der Installation steht sie vor massiven Steinen, die dennoch eine Mauer durchbrechen, als bestünde sie aus Papier. „Es ist eine Metapher für die vielen Probleme, mit denen ich im Leben konfrontiert bin“, sagt Lee. „Gleichzeitig bin ich zu schwach, um sie alle zu bewältigen.“

Jeff Koons monumentale Eier

Auch bei Jeff Koons geht das Ei zu Bruch, allerdings in XXL, Hochglanz und ganz ohne Tragik. In den 1990er-Jahren lässt der Kunststar riesige, knallbunte Eier entstehen: Im Jahr 2014 erzielte seine Skulptur „Cracked Egg (Magenta)“ bei Christie’s in London stolze 14,1 Millionen Pfund. Ein aufgeschlagenes Ei ist für Koons ein Symbol für die Geburt. „Da diese bereits stattgefunden hat, geht es um Weiterentwicklung und Überwindung, ähnlich wie bei Botticellis Geburt der Venus“, sagte der Künstler in einem Interview.

Zweiteilige, glänzende Skulptur in Pink und Silber, die wie eine aufgebrochene Eierschale aussieht.

Dezent gibt es bei dem Kunst-Superstar Jeff Koons nicht. Sein „Cracked Egg“ ist riesig, poliert und wurde im Jahr 2014 bei einer Auktion für mehr als 14 Millionen Pfund verkauft.

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Ein anderes Mal verpackt Koons monumentale Eier in glitzernde Hüllen und verschnürt sie mit Schleifen. Barocker Größenwahn in Hochglanz. Ein einzelnes Objekt bringt es auf rund sechs Quadratmeter Fläche, wiegt zwei Tonnen und ist heute Millionen wert.

Insgesamt entstanden ab 1994 über vierzehn Jahre hinweg zehn dieser Eier. Jedes einzelne verschlang mehr als ein Jahr Arbeit eines Expertenteams. Gerüchten zufolge soll Koons sich damit beinahe finanziell ruiniert haben.

Daniel Voglhuber

Über Daniel Voglhuber

ist Redakteur bei der KURIER Freizeit. Seit Dezember 2020 schreibt er über Reisen, Kultur, Essen und Lifestyle. Kurz: über alles, was schön ist und Spaß macht. 2011 startete er in der KURIER-Chronik als Mitarbeiter für Oberösterreich, später produzierte er lange verschiedene Regionalausgaben.

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