Kunst zwischen KI, Nostalgie und digitalem Albtraum
Roboter in Tracht oder persönliche Geschichten: Der ungarische Medienkünstler David Szauder zeigt, wie KI und vermeintliche Wirklichkeiten kollidieren.
Die Bilder von David Szauder in eine Schublade zu stecken, ist ungefähr so aussichtsreich wie der Versuch, einen Farbtopf nach der Explosion wieder ordentlich zu verschließen.
Da trifft Nostalgie aus analogen Zeiten auf die albtraumhafte Fantasie eines Hieronymus Bosch. Man stolpert über René Magrittes surrealistische Gedankenspiele und landet mitten in einer digitalen Gegenwart, die gern mal aus dem Ruder läuft. Das ist wirklich funky, und manchmal auch ein bisschen verstörend. Genau deshalb ist das Werk so schwer zu fassen.
David Szauder und fehlerhafte Erinnerungen
Nun hat der ungarische Medienkünstler sein Schaffen zwischen Buchdeckel gepackt: Der Band „Glitches & Glory“ (Gestalten Verlag) versammelt jene Bildwelten, die aussehen, als wären die psychedelischen Sechziger mit ihren Halluzinogenen wieder angesagt. Oder sie wirken, als hätten Erinnerungen plötzlich ein Eigenleben entwickelt und wären – wie der Titel schon sagt – glitchy, also fehlerhaft.
Jean-Michel Jarre, Wegbereiter der populären elektronischen Musik, bringt es im Vorwort auf den Punkt: „Jedes Werk ist ein poetisches Rätsel, das unsere Wahrnehmung in einer digital gesättigten Welt hinterfragen lässt.“ Szauder arbeitet dabei mit Künstlicher Intelligenz. Auweh, könnte man jetzt denken. Schon wieder KI. Doch die Entwarnung Jarres folgt auf dem Fuß: „Lassen Sie uns nie vergessen, dass Technologie neutral ist. Es hängt nur davon ab, was man damit macht und wer hinter dem Pinsel oder dem Algorithmus steht“, schreibt Jarre.
Was ist eigentlich echt?
Diese Frage nach dem „Echtsein“ ist es, die Szauder schon lange umtreibt. Seine Arbeiten kreisen um das, was im digitalen Zeitalter gern ins Rutschen gerät: Erinnerungen, Identitäten und unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit. Szauder spielt mit digitalen Verzerrungen. Mal tut er dies subtil, mal radikal.
Und das schon ziemlich lange: „Seit 42 Jahren kann ich mich nicht entscheiden, ob ich Künstler oder Programmierer bin“, bekennt er im Nachwort seines Buches. Im zarten Alter von acht Jahren malte er nicht mit Pinsel und Leinwand, sondern auf einem Commodore. Während andere noch Sonnen mit Gesichtern malten, werkte Szauder bereits an der Schnittstelle von Kunst und Code.
Diese Figur passt nicht wirklich in die menschliche Welt, versucht aber mitzumachen.
©David Szauder/gestaltenSpäter studierte er Kunstgeschichte. Durchaus mit Bemühen, aber die Gotik riss ihn nicht vom Hocker. Der eigentliche Aha-Moment kam scheinbar unspektakulär daher – in Form einer dünnen Broschüre über die Kunst des Fotokopierens. „Da verstand ich“, schreibt Szauder, „dass Schöpfung nicht nur Malen oder Schnitzen ist. Es ist auch das Schreiben von Codes oder das Formen von Körperverzerrungen mit meinen Händen und meinem Gesicht auf einem alten Xerox-Gerät.“
Kreative Explosion
Das Aufpoppen der Künstlichen Intelligenz erlebte Szauder schließlich als kreative Explosion. In seiner Kunst verwebt er gerne auch Herkunft und persönliche Erfahrungen.
In der Reihe „Folkloric Robos“ (2024) steckt er Roboter in Tracht. Folkloristische Kleider aus Osteuropa treffen auf metallische Gliedmaßen, Stickerei auf Schaltkreise. Was auf den ersten Blick verspielt wirkt, entpuppt sich rasch als Kommentar zur Gegenwart: Die Bilder verhandeln die Spannung zwischen Tradition und Technologie – und vor allem das spürbare Unbehagen gegenüber kulturellen Zwängen und starren Gendernormen. Themen, die in Szauders Heimatland Ungarn besonders brennen.
Roboter treffen Folklore und kritisieren Ungarn.
©David Szauder/GestaltenIn eine ähnliche, wenn auch leisere Richtung geht die Serie „The Art of Hiding“. Hier tragen die Figuren flauschige, fast herzige Masken. Sie sind präsent, aber nicht lesbar. Emotionen verschwinden unter Stoff, Identitäten werden weich verpackt. Entstanden ist die Serie nach Szauders Rückkehr nach Budapest – in eine Stadt, mit der er zunächst fremdelte. „Ich wollte nicht unsichtbar sein. Ich wollte verschwinden und trotzdem gesehen werden“, schreibt er in „Glitches & Glory“.
Ein Satz, der sein Werk gut zusammenfasst: Szauder sucht nicht nach klaren Antworten, sondern nach Bildern für das Dazwischen.
Kommentare