Opern-Star Katia Ledoux: "Wer sagt, dass dick nicht sexy ist?"
Ob in"Carmen", als Prinz Orlofsky in der „Fledermaus“ oder aktuell als Piratenkönig: Katia Ledoux hat die Herzen der Wiener Musikfreunde im Sturm erobert. Mit der "freizeit" sprach sie auch über Hindernisse, die sie überwinden musste.
Eine der schillerndsten Figuren der internationalen Opernszene singt – natürlich – in Wien: Katia Ledoux ist nicht nur ein fantastischer Mezzosopran, sie besticht auch durch eine unglaubliche Bühnenpräsenz. Zum Internet-Phänomen wurde sie, weil sie an der Volksoper sowohl die weibliche als auch die männliche Hauptrolle sang. An einem Abend, wohlgemerkt.
Aktuell ist sie dort als Piratenkönig in den „Piraten von Penzance“ zu sehen. Ein Auftritt, der durch eine schwere Verletzung auf der Kippe stand.
Das Wichtigste zuerst: Wie geht’s Ihrem Bein, Frau Ledoux?
Vielen Dank für die Nachfrage. Ich bin praktisch während der gesamten Proben noch im Rollstuhl gesessen. So gesehen geht’s mir jetzt schon wieder richtig gut. Und die Regisseure Toby Park und Aitor Basauri vom britischen Comedy Ensemble Spymonkey meinten: Ah, super, Krücken passen gut zu einem Piratenkönig. Vielleicht noch ein Holzbein? (lacht) Und dann wurde es doch „nur“ ein Gips.
Sie haben sich gleich am Anfang der Proben die Achillessehne gerissen. Wie ist das passiert?
Ich würde ja jetzt gerne sagen, dass es bei einem waghalsigen Stunt passiert ist oder als ich gegen fünf Ninjas gleichzeitig kämpfen musste, aber es ist leider nicht so spektakulär: Es ist beim Aufwärmen passiert, genauer: beim Seilspringen.
Es sind oft die kleinen Dinge, die große Folgen haben. Aber es ist wunderbar – und bewundernswert – dass Sie dennoch dabei sind! Was erwartet den Zuschauer bei den „Piraten von Penzance“?
Volksopern-Star Katia Ledoux
©MODI BABADas ist eine sehr traditionelle Operette von Gilbert and Sullivan, mit einer, wie soll man es nennen, etwas schrägen Story – aber was Spymonkey daraus machen, das hebt die Sache auf ein ganz neues Level! Ein genialer Schachzug der Volksoper, sie zu engagieren. Toby und Aitor sind ausgebildete Clowns, und sie haben diesen britischen Humor. Das hat schon Monty-Python-Qualität!
Sie haben schon einmal mit Spymonkey gearbeitet?
Ja! Sie haben schon bei „Orpheus in der Unterwelt“ Regie geführt, wo ich auch dabei sein durfte. Ich mag ja Operette, und der Orpheus ist für uns Franzosen geradezu ein nationaler Schatz ... Jedenfalls war es fantastisch, was Spymonkey daraus gemacht haben – und so hab ich mich umso mehr auf die Piraten gefreut. Sie machen das bei allem Humor ja auch mit sehr großem Ernst und großer Hingabe. Auch was die Kostüme und die Bühne betrifft, Julian Crouch, der dafür verantwortlich ist, hat letztes Jahr den österreichischen Musiktheaterpreis bekommen!
(lacht) Also ja, stimmt, ich sang eigentlich die Venus. Aber dann ist der Orpheus ausgefallen. Und sein Cover, also der Ersatzmann, ist auch ausgefallen. Und dann wird’s in dem Fall schon schwierig, weil „Orpheus“ wird zwar in ganz Europa viel gespielt, aber auf Deutsch nur in der Volksoper. Deshalb kann man nicht einfach irgendeinen anderen Sänger einfliegen..
Ja, am Vorabend der Vorstellung. Und alle waren natürlich enttäuscht und traurig, weil einfach kein deutschsprachiger Tenor zu finden war für den nächsten Tag. Und da hab ich so, eigentlich als Witz, gesagt, dass ich denke, dass ich die Partie schon singen könnte. Wir machen ja manchmal Witze über Tenöre, aus purem Neid natürlich (lacht). Also meinte ich: ,Es ist ein Tenor, wie schwer kann das sein?’ Und plötzlich war alles still. Und die Direktorin hat mich gefragt, ob ich mir das wirklich zutraue.
Voller Einsatz: Katia Ledoux singt nicht nur die klassische Carmen, sondern spielt auch die Hauptrolle in "Killing Carmen"
©barbara palffy/volksoper wienSie hatten nicht gerade viel Zeit, um die Rolle zu lernen ...
(lacht) Nein. Und das Schwierige war, dass ich wirklich keine Ahnung von seinem Text hatte – weil ich ja keine gemeinsame Szene mit Orpheus hatte! Ich habe also die ganze Nacht am Text gelernt, höchstens zwei, drei Stunden geschlafen. Die Dialoge sind natürlich besonders heikel, weil ich da ja auch die ganzen Kollegen aus dem Konzept bringe, wenn ich einen Blödsinn sage. Am Vormittag dann noch drei Stunden mit der Korrepetitorin am Gesang gearbeitet, von zehn bis 13 Uhr ...
Und Sie haben es geschafft!
Dank des unglaublichen Teams rund um mich. Zum Beispiel unsere Souffleuse Rita Oberparleiter, die hat mich immer wieder gerettet. Nicht nur bei Texthängern, sondern auch als ich mich kurz nicht mehr an die Choreografie erinnern konnte. Ich hatte ja ein Video bekommen und es lernen können, aber auf der Bühne war ich dann doch kurz unsicher und da hat sich herausgestellt, dass Rita auch die gesamte Choreografie auswendig konnte. „Nimm jetzt die Geige!“, hat sie mir zugeflüstert, „Geh da hin ... geh dort hin!“ Und abseits der Bühne hetzte ich atemlos von einem Kostümwechsel zum nächsten. Kleid hoch, Hirtenrock drüber, Perückenwechsel, Lippenstift rauf, Lippenstift runter – gefühlt haben 14 Hände gleichzeitig an mir gearbeitet. Wir hatten 90 Sekunden Zeit – die hab ich immer genutzt, um nochmal ins Textbuch zu schauen (lacht)! Aber es war schön – ein richtiger Team-Moment.
Katia Ledoux in "Killing Carmen"
©barbara palffy/volksoper wienAls Mezzosopran sind Sie eigentlich prädestiniert für Hosenrollen. Man sieht Sie allerdings selten in einer ...
Ja, ich würde so gerne mehr Hosenrollen singen. Früher habe ich sie oft nicht bekommen, weil ich dick bin. Dabei gibt es doch auch dicke junge Männer, oder? (lacht) Aber das ist irgendwie so drin in den Köpfen, besonders bei Casting-Agenturen. Die sagen, wenn eine Frau einen Mann spielt, dann muss sie ein androgyner Typ sein. Aber die Saison singe ich ja an der Volksoper schon Prinz Orlofsky, Nicklausse und den Piratenkönig, vielleicht heißt es, dass die Gesellschaft bereit für dicke Jungs ist – das mit der Carmen hat bei mir ja auch eine Weile gedauert.
Warum?
Na ja, aus dem gleichen Grund. Carmen muss sexy sein, heißt es. Aber wer sagt eigentlich, dass dick nicht sexy ist?
Dafür spielen Sie sie ja jetzt gleich in zwei Fassungen!
Genau, das ist sooo genial. Also die Originalversion sowieso, in die habe ich mich schon als Dreijährige verliebt. Aber was Nils Strunk, Lukas Schrenk und Gabriel Cazes in „Killing Carmen“ daraus machen, wie sie die Geschichte weiterspinnen und die Musik ins Jetzt holen, das ist schon einmalig.
Wenn Sie erwähnen, dass Sie sich früh für Oper interessierten, darf man davon ausgehen, dass Sie aus einem musikalischen Elternhaus kommen?
Nein, gar nicht! Meine Eltern hatten irgendwie so eine alte VHS-Kassette mit „Carmen“ bekommen. Und ja, mit drei, vier ist man als Kind doch in dem Alter, wo man sich total auf etwas fixiert. Dinosaurier, Prinzessin, Feuerwehr. Tierärztin. Und für mich war das eben Carmen. Meine Eltern haben das dann so interpretiert, dass ich Opernsängerin werden will. Aber ich glaube, ich wollte einfach Carmen werden.
Sie haben dann in Graz studiert, waren im renommierten Opernstudio Zürich, haben dort an der Oper gesungen, ebenso an der Nationale Opera Amsterdam und im Royal Opera House Covent Garden in London. Welche Ziele haben Sie aktuell?
Ich glaube, ich wäre jetzt bereit für Wagner. Das wäre ein Traum von mir. Eine „Waltraute“ sowieso oder „Fricka“ im „Ring des Nibelungen“, vielleicht auch die „Erda“. Ja, ich bin ready! Und, wenn ich das noch sagen darf: Ich würde sooo gerne mal im Stadttheater Klagenfurt singen. Ich war als Studentin aus privaten Gründen oft in Kärnten (lacht) und war viele Male im Klagenfurter Stadttheater. Und ich fand es WIRKLICH wunderschön. Aber irgendwie hat es für mich noch nie geklappt, dort auch zu singen. Das würde ich gerne einmal machen ...
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