Bibiza im Interview: „Tief im Herzen war immer die Rockmusik“
Mit „Wiener Schickeria“ wurde Bibiza zum Star – über die Grenzen Österreichs hinaus. Am 31. Juli bringt er ein Album heraus, das seine Fans zwischen Hamburg und Hollabrunn überraschen dürfte.
Wien, Schickeria, Dauerparty – der Vergleich mit Falco ist zwar naheliegend, hat Franz Bibiza, wie der 26-Jährige mit vollem Namen heißt, aber eher gelangweilt. „Natürlich fühle ich mich geehrt“, betonte er in Interviews immer wieder geduldig, „aber musikalisch haben wir nicht wirklich viel miteinander zu tun“. Wie er das meint, wird im aktuellen Gespräch klar, für das er sich mit der freizeit im Café Jelinek traf. Und auf seinem spektakulären neuen Album „Rocknrollstar“ natürlich.
Bibiza bringt mit "Rocknrollstar" ein neues Album heraus
©Tereza MundilovaWer – oder was – ist Bibiza? Lebemann, Hedonist, Rapper, Rocker, Punk mit Glam-Flair, Indieschlapfen ...
(lacht) Alles. Und musikalisch ist es so, dass Genregrenzen für mich nicht vorhanden sind. Ich liebe so viele verschiedene Stile.
Hört man sich die Songs des neuen Albums an, scheint sich allerdings der Rockstar durchzusetzen.
Die Attitüde, ja ... Aber es wird kein Rock’n’Roll-Album per se. Gitarrenlastiger, ja, und es gibt mehr Rock – aber nicht nur.
Stimmt, es gibt 80s-Anleihen, die an die letzten Platten erinnern. Aber mehr Druck. Bibiza klingt jetzt wie eine richtige Band und nicht wie ein Solo-Act.
Ja genau. Ich hab mit den Jungs ja schon länger gespielt, und wir hatten in den letzten Jahren so viele Konzerte, dass das wie eine richtige Familie wurde. Und das hört man jetzt auch auf dem Album. Solo-Projekt ist es insofern noch immer, als ich die Texte schreibe, ich kümmere mich um die Videos, ich mach alles drumherum, da frag ich auch nicht alle extra. Aber was die Musik betrifft, ja, da ist das jetzt ein richtiges Bandprojekt.
Wie wird’s jetzt live aussehen: Hängt Franz Bibiza sich selbst eine Axt um? Sie spielen ja auch Gitarre.
Ja schon, ich komponiere ja auch auf der Gitarre. Live hab ich mich halt immer eher als Entertainer gesehen, da stört die Gitarre doch bei der großen Geste. Aber ja, es würde mich schon reizen bei ein paar Songs.
Wo wird sie hängen? Old School oder so knapp unter der Brust, wie man es bei vielen Youngsters sieht?
Old School, auf jeden Fall! Ganz tief, auf cool natürlich.
Mit „Bis einer weint“, dem Titelsong des letzten Albums, wurde ja schon angedeutet, wo die Reise hingeht. Das war astreiner Indie-Rock. Ist es nicht dennoch ein Risiko, den Rock-Anteil beim neuen Album so hinaufzuschrauben?
Ja. Aber Risiko hat auch was (lacht). Ich hab das Gefühl, es wird wohl nischiger mit dem neuen Sound. Mehr Künstler-Bubble als Bierzelt. Mit „Wiener Schickeria“ hatte ich dagegen alle Klassen abgeholt. Aber ich bin angetreten, um Musik zu machen, auf die ich Bock hab und nicht, um zehn Jahre denselben Song zu schreiben. Die Leute brauchen zwar ein bissl Zeit, so vor zweieinhalb Monaten meinten manche noch What the Fuck!, aber jetzt grooven sie sich schon ein. Meine Alben waren meistens Slowburner. Dafür bleibt’s dann aber auch. Nachhaltig eben (lacht), find ich cool. Und mit „Soda Zitron“ und zwei anderen Songs gibt’s eh auch den alten Bibiza auf dem neuen Album.
Wie kam es überhaupt zum Richtungswechsel?
Tief im Herzen war da immer die Rockmusik. Smashing Pumpkins, Red Hot Chili Peppers – das waren die ersten Bands, die ich mit 13 auf der Gitarre nachgespielt hab. Aber ich hatte damals nicht die Mittel, das weiterzuverfolgen. Und Rap kannst du sehr gut alleine produzieren. Und ja, so mit 15, 16 fand ich die Rapper auch richtig cool. Aber dann bin ich da rausgewachsen, wollte wieder echte Songs machen, nicht mit Samples arbeiten. Und über die Popsongs der letzten Jahre hat sich alles zum Ursprung zurückentwickelt. Gehört hab ich selbst immer am liebsten Rock.
Ist Bibiza eine Kunstfigur?
(zögert) Ja ... na ja, unter anderem.
Oder anders gefragt: Wie viel Bibiza steckt in Franz?
(lacht) Schon sehr viel, ehrlich gesagt.
Und der ist ja ein unverbesserlicher Hedonist und Lebemann, wie wir wissen. Vor zwei Jahren haben Sie eine Charity-Aktion fürs St. Anna Kinderspital gemacht. Wie passt das zusammen? Wie sozial ist der Hedonist?
Ach ja, das hatte ich schon ganz vergessen ... Ja, das waren so T-Shirts, die ich gemacht habe. Die haben mich gefragt, und für mich war klar, dass ich dabei mitmache. Die leisten unglaublich wichtige Arbeit. Auf die Gesellschaft umgelegt: Diese Extreme zwischen Arm und Reich – die sind erschütternd, die müssen endlich abgefangen werden. Aber leider werden die Unterschiede immer krasser.
Ist der Lebemann auch ein Feminist? Sind Männer Schweine?
Na ja, die Ärzte sagen das. (lacht)
Und Sie im Song „Tanzen“ ...
Ja der ... der ist entstanden, als ich mit einer guten Freundin auf einem Rave war. Da war ich nüchtern und wollte es auch bleiben, und da ist mir richtig aufgefallen, wie Männer in so einen Urzeitmodus verfallen und Frauen voll auf ungut antanzen und einfach nicht aufhören wollen.
Im Video nehmen die Mädchen Rache.
Ja genau, das war ein Move für die Frauen. Ich bin ja nicht so der performative Male. Heißt, ich bin schon voll für Flirten und für Spaß und für Aufreißen – aber ich bin gegen Männer, die nicht wissen, wo die Grenzen sind. Die ein Nein nicht akzeptieren wollen. Dabei ist es doch echt simpel. Vielleicht bin ich auch einfach gut erzogen.
Wie woke ist Bibiza?
Ich verstehe die ganze Woke-Sache schon. Sie muss wohl übertreiben, damit sich auch mal was ändert. Ich versteh auch, wo das ganze Männer-Bashing herkommt, das hat seine Berechtigung. Denn auch in den super gechillten 90ern kam es zu vielen Übergriffen, die nur lang nicht öffentlich wurden. Und jetzt holen sich die Frauen das zurück, was voll okay ist. Ich hoffe nur, dass es nicht zu einer noch tieferen Spaltung führt.
Wir haben zuvor über Ihre frühen musikalischen Inspirationen gesprochen. Was hören Sie heute?
(lacht) Dasselbe! Ja, ehrlich. In letzter Zeit auch viel Radiohead, „Jigsaw Falling into Place“! Sonst check ich natürlich immer alles aus, was rauskommt, vor allem im deutschsprachigen Raum. Aber ich höre mir kaum etwas ein zweites Mal an. Tendenziell ist mir das alles viel zu brav. Deutschpop kann ich mir überhaupt nicht geben. Das ist alles so brav, so woke. Da muss man ständig allen aufs Aug’ drücken, wie sehr man jetzt alles versteht. Ich bin auch woke. Aber nicht brav.
Sie haben in einem Interview gesagt, dass man als Künstler heute ständig Output liefern muss. Wieso?
Vor allem, um sich aufzubauen. Aber auch um oben zu bleiben. Ja, das musst du. Wenn ich jetzt hier im Café Jelinek ein Selfie mit dem KURIER mach, dann bekommt das x-mal mehr Aufmerksamkeit als ein um 30.000 Euro gedrehtes Musikvideo. Absurd eigentlich. Aber du musst ständig Content machen, der kaum was mit deiner Musik zu tun hat. Weil auf Instagram, TikTok einfach immer die privaten Sachen geklickt werden. Und ja nicht zu lange dürfen sie sein. Ein Vier-Minuten-Video? Da bekommen viele schon die Krise. Verticals, Shorts, das ist gefragt. Das macht die Kunst kaputt.
Ihre Gegenstrategie?
Ich mach halt klassische Videos, Old School, nehme Alben auf, für die ich ein klares Konzept hab – und mach zusätzlich Content. Aber mir ist sehr wichtig, dass ich in 10, 20 Jahren, wenn ich so auf meine Legacy zurückschau, dass ich dann geile Platten in der Hand hab, mit durchgeplanten Farbschemen, und nicht mal meinen Kindern so TikTok-Videos zeigen muss von mir. Sondern echte Videos, im Querformat, weil ich an die Dinge wirklich glaube.
Franz Bibiza wurde 1999 in Wien geboren. Mit zwölf brachte er sich selbst Gitarre bei und spielte Songs der Smashing Pumpkins nach. Mit 14 produzierte er seine ersten eigenen Rap-Songs, mit 19 sein erstes Album. Der Durchbruch gelang ihm 2023 mit „Wiener Schickeria“, das ebenso wie das Folge-Album „Bis einer weint“ mit dem Amadeus ausgezeichnet wurde.
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