Peaceful moment

100 Jahre Wochenende: Wie wir das Entspannen verlernt haben

Am 1. Mai 1926 führte Henry Ford als erster großer Arbeitgeber die Fünf-Tage-Woche ein. Ein Jahrhundert später hat der Stress die Freizeit erreicht. Warum Erholung so wichtig ist und wie sie möglich wird.

Als Henry Ford am 1. Mai 1926 das Fenster seines Büros in Detroit, Michigan, öffnete, war da etwas, das er zwar erwartet hatte, aber dennoch nicht gewohnt war: Stille. Ford hatte den 140.000 Fabriksarbeitern seiner Automobilmanufaktur als einer der ersten großen Industriellen ein Wochenende beschert, wie wir es heute kennen. Zwei Tage Pause.

Das war nicht nur selbstlos. Gewerkschaften stellten sich zu dieser Zeit knechtenden Arbeitgebern immer erfolgreicher in den Weg. Streiks konnte und wollte sich Ford auf seinem Weg zum Automobilolymp aber nicht leisten. Und so kam er Unruhestiftern zuvor. Bereits 1914 reduzierte er Arbeitstage von neun auf acht Stunden und verdoppelte den Tagessatz auf fünf Dollar (das entspräche heute rund 130 Euro).

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Henry Ford war nicht nur für die Automobilwelt wegweisend.

©Wikimedia Commons/Fab at de.wikipedia, Public domain

Zu Beginn der 1920er-Jahre beobachtete Ford in England ein Kuriosum: Manche Unternehmer gaben Arbeitern nicht nur den Sonntag, sondern auch den Samstag arbeitsfrei. Ford begann zu experimentieren. Das Überraschende: Die Produktion nahm trotz des eingesparten Tages kaum ab, dafür sank die Unfallrate während die Verbleibsquote stieg. Bis dahin musste Ford jeden Job zwei- bis dreimal im Jahr neu besetzen. Nach vier Jahren Recherche rang er sich zur Umstellung durch.

Gezielter PR-Coup

Symbolisch hätte der PR-Profi, der Ford war, keinen besseren Zeitpunkt wählen können. 1926 fiel der 1. Mai (damals kein globaler Feiertag) ausgerechnet auf einen Samstag. Während andere Arbeiter am Tag der Arbeit in die Fabriken schlurften, konnten ihn seine Mitarbeiter genießen.

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Samstags picknicken statt arbeiten - Ford hat es popularisiert.

©Getty Images/iStockphoto/fcafotodigital/IStockphoto.com

Fakten zur Arbeitszeit

Die 5-Tage-Wochen wurden vom Autohersteller Henry Ford in den USA popularisiert. Bereits 1908 hatte aber eine Baumwollspinnerei in New England Arbeitern den Sabbat freigegeben. 1938 wurde die Regel in den USA Gesetz – in Österreich erst 1975. Der industrielle Spätzünder ist China. Hier kam die Fünf-Tage-Woche 1995.

54,7Stunden arbeiten die Menschen in Bhutan im Schnitt pro Woche. Damit führen sie die Statistik der meisten Arbeitsstunden an. Österreich ist am anderen Ende des Spektrums:  2025 arbeiteten Österreicher im Schnitt 29,4 Stunden pro Woche.

 

Das war jedenfalls eine historisch signifikante Leistung, sagt die Wiener Psychologin Christina Beran. Denn kollektive freie Zeit macht etwas mit uns. Es sei eines, eine Pause zu machen, wenn es um einen herum wuselt, aber es hat eine andere Qualität, wenn bei der Entspannung die Welt um uns herum ebenfalls ruhiger ist. In den Jahrzehnten nach 1926 einigten sich also immer mehr Arbeitgeber und später ganze Staaten auf eine Fünf-Tage-Woche; Österreich zog 1975 relativ spät nach.

Doch 100 Jahre nach Fords Vorstoß reicht das Wochenende oft nicht, um richtig zu entspannen. Warum ist das so?

Nicht genug Zeit

Einen wesentlichen Faktor, der Erholung verhindert, sieht Beran in der Digitalisierung. „Früher endete die Arbeit auch im Kopf, heute tragen wir sie ständig mit uns herum. Mein Vater beispielsweise hat am Ende des Arbeitstages sein Büro nicht nur physisch, sondern auch psychisch hinter sich lassen können.“ Durch Smartphone, Internet und eMails wird das immer schwieriger. „Wenn wir aber immer in einer Daueraktivierung bleiben, belastet das unser Wohlbefinden“, sagt Beran. Das erschöpft uns langfristig und kann dann krank machen.

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Kollektive freie Zeit macht etwas mit uns, sagt Psychologin Christina Beran.

©Barbara Nidetzky

Aber sind zwei freie Tage auch einfach nicht lang genug? 65 Prozent der Österreicher wünschen sich laut Xing eine Vier-Tage-Woche. Ist sie das Erfolgsrezept für wahre Erholung? Man müsste dies differenziert betrachten, sagt Beran. Eine Vier-Tage-Woche funktioniert nur, wenn sich Arbeit dabei strukturell verändert – nicht nur zeitlich verkürzt wird. Sonst wird sie zur Verdichtung statt zur Entlastung.

Einmal mehr kann man sich Ford in gewisser Weise zum Vorbild nehmen. Er hat bei der Umstellung zur Fünf-Tage-Woche einen Rückgang an Produktivität in Kauf genommen. Er wusste, dass dies nicht der einzige Faktor für den langfristigen Erfolg eines Unternehmens ist, dass Verweildauer und Gesundheit der Arbeiter maßgeblich dazu beitragen.

Ganz ohne Zweck

Gleichzeitig hilft freie Zeit nur, wenn sie auch wirklich frei ist. Heute hetzen wir am Wochenende gerne vom Frühstücksbrunch zur Fotografieausstellung, von der Radtour zum Abendessen mit Freunden. Wir haben die Parameter guter Arbeit in die Freizeit mitgenommen: Wir wollen freie Tage optimieren, sie sinnvoll, effizient und bestmöglich nutzen.

Grafik die eine Frau mit Buch und Hund und Kaffee zeigt, dahinter ein riesiges Handy, auf dem Off steht

Abschalten muss physisch aber auch psychisch möglich sein.

©Getty Images/Kudryavtsev Pavel/istockphoto

Auch hier spielt laut Beran die Digitalisierung eine Rolle: „Sie hat die Freizeit vergleichbar gemacht.“ Wir machen Fotos, durch die wir weniger im Moment sind. Und wir sehen uns die Fotos anderer an, was Druck erzeugt.

Haben wir es also verlernt, Pausen zu machen? „Mitunter“, räumt Beran ein, „fehlt uns die innere Erlaubnis zur Erholung.“ Dazu brauche es eine gewisse Zwecklosigkeit. Ein Beispiel? „Absichtslos spazieren.“ Ohne Ziel, ohne Schritte zu zählen, ohne Fotos zu machen. „Entspannung“, ergänzt sie, „ist eine bewusste Entscheidung.“ Weg von der Leistung, hin ins Spüren. Dann merkt man schnell: So leise ist Stille gar nicht.

Anna-Maria Bauer

Über Anna-Maria Bauer

Schreibt seit 2021 als freie Autorin aus London für den KURIER über Politik, Royals und Lifestyle. Zuvor acht Jahre in der Wien-Chronik.

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