Von wegen Kinderspiel: Warum Schaukeln perfektes Ganzkörpertraining ist
Warum haben wir je damit aufgehört? War es am Ende der Volksschulzeit, als die Nachmittage nicht mehr frei, sondern mit Hausaufgaben, Schwimmunterricht und Klavierstunde gefüllt waren? Als Teenager, wenn die Suche nach der eigenen Identität meist mit einer radikalen Ablehnung der verspielten Leichtigkeit einhergeht? Spätestens aber wohl mit dem Eintritt in die Arbeitswelt, wenn die Spaziergänge in den Feierabend rücken und zunehmend zweckorientiert werden.
Und doch behält die Schaukel eine seltsame Anziehungskraft. Das erlebte vor einigen Jahren auch der deutsche Philosoph Wilhelm Schmid. Als er während eines Familienausflugs zum Geburtstag seiner Tochter an einem Spielplatz vorbeikam, zog es alle drei zu dem Gerät. So beschwingt, im buchstäblichen wie im übertragenen Sinn, war Schmid nach dem Schaukeln, dass der Philosoph dieser Tätigkeit ein eigenes Buch widmete: „Schaukeln: Die kleine Kunst der Lebensfreude“.
Denn diese Freizeitbeschäftigung – das entdecken immer mehr Forscher, von Philosophen über Psychologen bis zu Physiologen – kann uns helfen, gesünder und glücklicher zu werden. Aber warum ist das so?
In Damüls in Vorarlberg kann man entlang der Wanderrouten bis zu acht Schaukeln ausprobieren.
Weniger Schmerz, mehr Schlaf
Wie tröstlich Schaukeln etwa für Demenzkranke ist, zeigte bereits 1998 eine Studie der Universität von Rochester. Alzheimer-Patienten, die auf einen Schaukelstuhl gesetzt wurden, konnten sich durch das Schaukeln beruhigen, in einigen Fällen allgemeine Ängstlichkeit abbauen und manchmal sogar die Einnahme von Schmerzmitteln reduzieren.
Dass Schaukeln auch Erwachsene generell in einen tieferen Schlaf wiegen kann, ergab vor einigen Jahren eine Studie aus der Schweiz. Neurowissenschaftler aus Genf und Lausanne baten 18 junge Erwachsene ins Schlaflabor. Nach einer Eingewöhnungsnacht ließen sie die Teilnehmenden eine Nacht in einem sanft schaukelnden, eine andere in einem unbeweglichen Bett nächtigen. Das Ergebnis: Die Erwachsenen schliefen im schaukelnden Bett nicht nur schneller ein, sie verbrachten auch mehr Zeit im tieferen und erholsameren Non-REM-Schlaf und wachten auch seltener spontan auf.
In seinem Buch „Schaukeln: Die kleine Kunst der Lebensfreude“ (Suhrkamp, 13 Euro) ergründet der Philosoph Wilhelm Schmid , wie uns die Tätigkeit gesund und glücklich macht.
Aber warum empfinden wir diese Bewegung eigentlich als entspannend? „Aus psychologischer Sicht“, erklärt die Wiener Psychologin Christina Beran, „kennt unser Nervensystem das Schaukeln schon sehr lange.“ Es sei kein Wunder, dass Eltern weinende Babys zur Beruhigung wiegen und sich Kleinkinder zu Schaukelpferden hingezogen fühlen. Die rhythmische Bewegung, erklärt die Psychologin, empfinden wir als entspannend. Auch als Erwachsene fühlen wir uns also von der Schaukel getragen. „Die Beruhigung“, fährt Beran fort, „wirkt über das Gleichgewicht, den Rhythmus und die Vorhersehbarkeit der Bewegung. So können wir loslassen und bleiben dabei doch nicht stehen, kommen vielleicht sogar in einen Flow, schütten Endorphine aus, bauen Stress ab und fühlen uns geborgen.“
Um diese Art der Beruhigung zu nutzen, muss man sich nicht unbedingt auf die Schaukel setzen: „Wenn einem das Schaukeln unangenehm ist, vielleicht weil einem schwindelig wird, kann man auch auf Atemübungen mit leichten Pendelbewegungen zurückgreifen.“ Denn auch das sanfte Vor- und Zurück-Schunkeln entspannt unser Nervensystem.
Die Pendelbewegung der Schaukel kann aber auch auf intellektuellem Weg beruhigen. Das Leben, ergründet Philosoph Wilhelm Schmid weiter, sei kein ewiger Aufstieg, sondern vielmehr ein Kommen und Gehen. Ein Streben vom einen Ende des Spektrums zum anderen. Nach der Kälte des Winters sehnen wir uns nach Wärme; nach der Hitze des Sommers freuen wir uns über entspannende Kühle. Im Schaukeln erkennen wir, ergänzt Christina Beran, vielleicht ein wenig beruhigend: „What comes up, must come down.“ Das Zurückschwingen ist also kein Rückschritt, sondern vielmehr notwendiger Akt im Kreis des Lebens.
Mehr Balance und Konzentration
Nun wirkt das Schaukeln aber nicht nur beruhigend, es bietet auch ein überraschend effektives Ganzkörpertraining. In Wahrheit ist diese Tätigkeit nämlich alles andere als kinderleicht: Meist ist da ja nur ein dünnes Brett, das lose an zwei langen Schnüren baumelt. Man muss sie also fest packen, die Schnüre, um das Brett zu stabilisieren und dann, sobald man sitzt, die Bauch- und Rückenmuskeln anspannen, um die Balance auf dem Brettchen nicht zu verlieren.
Die „Swing at the end of the world“ am Rande des Baumhauses La Casa Del Arbol in Ecuador.
Wir holen mit Oberkörper Schwung, stoßen uns mit den Füßen ab oder werden von hinten angeschubst. Auf einmal saust die Welt an uns vorbei, nur um uns gleich wieder zu überholen. Der Wind rauscht uns um die Ohren, und wir können nicht anders, als ein bisschen zu jauchzen. Schaukeln beansprucht also Muskeln vom Nacken bis zu den Fußgelenken und erhöht durch die tiefere Atmung unseren Sauerstoffgehalt im Blut. Das wiederum steigert unsere Lernfähigkeit, unsere Konzentration.
Mancherorts wird der belebende Aspekt des Schaukelns mittlerweile in aufregendem Stil kultiviert. In den jüngsten Jahren sind immer mehr „Extrem-Schaukeln“ entstanden, aber warum ist das eigentlich so? „Manchmal“, sagt Christina Beran, „braucht es eine intensive Körpererfahrung, die uns aus der Langeweile oder aus einem Gedankenstrudel reißt und radikal in die Präsenz bringt.“ In aufregender wie in ruhiger Version zwingt uns das Schaukeln also ins Hier und Jetzt. Und damit an den einzigen Punkt, an dem wir wirklich ins Wohlgefühl kommen.
Auch bei der Zufriedenheit sollten wir uns mehr an der Schaukelbewegung orientieren. Ein ständiger Glücksrausch ist nicht nur unmöglich, es wäre gar nicht erstrebenswert. Der höchste Punkt, den man auf der Schaukel erreicht, ist nur deshalb so aufregend, weil man ihn nur kurz passiert. Würde man in ihm verharren, man säße fest, sei unbeweglich und, über kurz oder lang, gelangweilt. Und so ist dies wohl die wichtigste Botschaft der Schaukel: Das wahre Glück ist in Bewegung.
Wem schon auf der Spielplatzschaukel schwindelig wird, für den sind diese Attraktionen eher nichts: In Neuseeland schleudert die Nevis Swing Adrenalinsuchende in 1,5 Sekunden auf 100 km/h in die zerklüftete Schlucht des Nevis River Valley in den südlichen Alpen der Insel. Die Giant Swing am Grand Canyon lässt Teilnehmer wiederum über die berühmteste Schlucht Amerikas hinwegsausen. In Yunyang China kann man so schnell werden wie auf der Autobahn: auf der Regenbogenschaukel erreicht man bis zu 130 km/h. Und bei der Big Swing in Südafrika können Wagemutige freien Fall sogar bis zu 180 km/h erleben.
Doch geht es auch ein wenig gemäßigter. In Ecuador kann man an der Swing at the end of the world am Rande des Baumhauses La Casa Del Arbol, am besten zwischen Juni und September, ins gefühlte Nichts schaukeln. Im Vorarlberger Damüls kommen seit ein paar Jahren nicht mehr nur Skifahrer, sondern auch Schaukelliebhaber auf ihre Kosten. Im Land der Schaukeln kann man entlang der Wanderrouten bis zu acht „Hutschn“, massive Holzschaukeln mit herrlichem Panoramablick, erreichen. Die Schaukeln dienen nicht nur als Sitzgelegenheit entlang der Wanderung. Der Tourismusverband möchte uns anhalten, innezuhalten, loszulassen und Perspektiven zu wechseln.
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