Solar-Architektur: Wer im Glashaus sitzt, spart Energie
Wie Wintergärten oder Glasdächer beim energieeffizienten Bauen eingesetzt werden, um die Lebensqualität zu verbessern.
Von Ingrid Greisenegger
Vor rund 2.500 Jahren hat sich schon Sokrates ein Solarhaus gebaut. Es war trichterförmig nach Süden hin geöffnet, um die Sonne einzufangen.
Massive Wände und Steinfußböden speicherten die Tageswärme für die Nacht. Im Winter, bei tief stehender Sonne, gelangten Licht und Wärme bis tief in das Gebäude. Im Sommer, bei hochstehender Sonne, sorgte ein Dachüberstand für Schatten.
In den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts griff das Wiener Architektenteam Georg Reinberg und Martin Treberspurg diese Idee wieder auf. Anlässlich des drastischen Anstiegs des Ölpreises war Ressourceneinsparen angesagt. Sie wurden mit ihrer zeitgemäßen Variante von Nutzung der gratis Sonnenergie zu Pionieren eines energieeffizienten Bauens.
Vater und Sohn: die Architekten Christoph und Martin Treberspurg.
©Treberspurg/ReinbergSolarbau-Architektur
Zugleich waren sie auch Wegbereiter des „partizipativen Wohnens“, wie es dann 20 Jahre später beispielsweise im „Wohnprojekt Wien“ auf dem ehemaligen Nordbahnhofgelände praktiziert wurde. Bei beiden Fällen haben sich potentielle Bewohner:innen zwecks gemeinsamer Finanzierung zusammengeschlossen und ihre Ideen und Wünsche in die Planung eingebracht.
Architekt Georg Reinberg. Gemeinsam mit Martin Treberspurg entwarf er das passiv Solarhaus mit vorgesetzten Wintergärten in Purkersdorf.
©Architekturbüro ReinbergRealisiert wurde die Solarbau-Architektur von Reinberg/Treberspurg erstmals in Purkersdorf mit zwei Gebäuden aus den Jahren 1983 und 1986, die ins Blickfeld Bahnreisender geraten, die Wien nach dem Westen hin verlassen. Markante Architekturelemente der an einem Südhang gelegenen Gebäude sind die jeweils über zwei Stockwerke vorgesetzten Wintergärten in Holzkonstruktion. Sie bilden Pufferzonen zwischen drinnen und draußen, zwischen den Wohnräumen und der Natur.
Auf den ersten Blick erinnern diese Glashäuser an Veranden, doch sie können weit mehr – wärmt sich der Wintergarten durch Sonneneinstrahlung auf, lässt sich Wärme über ein Gebläse in die dahinterliegenden Räume leiten. So spart man Heizenergie und -kosten. Bei Sommertemperaturen hingegen setzt man auf Lüftung oder lässt den Wintergarten vorübergehend auch einmal ungenutzt. Im Frühjahr und Herbst wird er zum wohltemperierten zusätzlichen Wohnraum, in dem sich in einer Hängematte, oft umgeben von Grünpflanzen, die Freizeit genießen lässt.
Pflanzen als Luftbefeuchter
Vorläufer dieser „passiven Solararchitektur“ orteten Georg Reinberg und Martin Treberspurg in der Architektur der 20er- und 30er-Jahre in den USA, in der Hippie-Bewegung und ab den späten 70er-Jahren in den „Pflanzen-Solarhäusern“ des Tübinger Architekten Dieter Schempp. Dieser plante in seine Häuser, die oft zu einem Drittel aus einem Glashaus bestehen, viele und großblättrige Grünpflanzen ein. Sie dienen der Luftbefeuchtung, der Luftreinigung und der Stimmungsaufhellung. Wie in einem Dschungel saß man dann auch in von Schempp geplanten Büros, beispielsweise bei BMW in München.
Den Wohnungen vorgesetzte zweigeschossige Wintergärten aus Holz und Glas sind Klimapuffer zwischen drinnen und draußen.
©Treberspurg/ReinbergIm Gegensatz zu den seinerzeit beliebten beheizten Wintergärten, die nicht selten wie Beulen an Einfamilienhäusern saßen und erhebliche Energiefresser waren, dienen die der Solararchitektur einem Energiegewinn. Und das zu einem Quadratmeterpreis, der für das Purkersdorfer Projekt am Hang nicht höher war als für konventionelle, ohne Nachhaltigkeitsanspruch konzipierte Wohnungen unten im Tal.
Energieeffiziente Ruheoase in Purkersdorf.
©Treberspurg/ReinbergChristoph Treberspurg, der wie sein Vater Architekt geworden ist, kehrte mit seiner Familie in das Haus, das sein Vater gebaut hat und das er von Kindheit an kennt, zurück. Warum er wieder gekommen ist? „Weil es ein schönes Haus ist“, sagt er, „und weil ich hier, in einem der ersten gemeinschaftlichen Wohnprojekte, die in Österreich entstanden sind, eine schöne Kindheit verbringen durfte. Wir waren 17 Kinder. In vier von den sechs Wohnungen lebt heute noch die Gründergeneration von damals“.
Auch nach 40 Jahren gibt es in der Anlage von 1986 nicht viel nachzujustieren. „Das war dann schon eine Überraschung für uns“, erzählt Treberspurg, „doch ein Energieberater hat das bestätigt“. Es wurden neue Bäder eingebaut mit Glasfronten, um mehr natürliches Licht hereinzulassen und der Wohn-und Küchenbereich zusammengelegt. Planungen zur Umstellung des alten Heizsystems auf eine dekarbonisierte Lösung mit zentraler Wärmepumpe in Verbindung mit Ökostrom oder Photovoltaik laufen bereits. Erneuert ist das Glasdach in der „Halle“. Die ursprüngliche Zweifachverglasung wurde durch Dreifachverglasung ersetzt.
Die Halle: ein großer Solarkollektor mit Glasdach, das sich im Sommer auch öffnen lässt, dient als Gemeinschaftsraum im Mehrparteienhaus.
©CHRISTOPH TREBERSPURGDie „Halle“, wie die Wintergärten ein unbeheizter Pufferraum zwischen Außen-und Innenwelt, liegt im Zentrum des Hauses. Sie steht als Gemeinschaftsraum allen sechs Familien zur Verfügung, zum Spielen, Sporteln und Feiern. Das funktioniert auch in heißen Sommern recht gut, weil sobald die Raumtemperatur 25 Grad Celsius erreicht, automatisch über Dachfenster entlüftet wird.
Bewohnbarer Sonnenkollektor
Pionier eines Wohnbaukonzepts, in dessen Zentrum, auch wörtlich genommen, eine Halle steht, ist der oberösterreichische Architekt Fritz Matzinger. Seit über 50 Jahren errichtet er laufend Wohnprojekte mit einem gemeinsam genutzten Atrium. Es handelt sich um einen Innenhof, der durch Überdachung mit Isolierglas zu einem riesigen bewohnbaren Sonnenkollektor wird. Inspiration dazu holte sich Fritz Matzinger vom Leben auf den Dorfplätzen Afrikas und Asiens.
Der oberösterreichische Architekt Fritz Matzinger.
Durch den Dschungel in die Schule
Auch bei uns sollte man viel Zeit wie im Freien verbringen können, rund ums Jahr. Sein bekanntestes Objekt ist „Guglmugl“ aus dem Jahr 2001 am Rande der Altstadt von Linz. 32 mehrstöckige Reihenhäuser sind um ein 60 m langes dschungelartig begrüntes Atrium gruppiert, die von diesem aus auch betreten werden. Die Kinder wandern gleichsam durch den Dschungel Richtung Schule. Das Glasdach über dem Atrium lässt sich, je nach saisonalem Bedarf, öffnen oder schließen.
Im Atrium des Gemeinschaftswohnprojekts „Genawo“ gibt es einen Bananenwald.
©MatzingerAuch das Projekt „Genawo“ von 2016 in Garsten in Oberösterreich bietet spektakuläre Wohnqualität mit einem Schwimmkanal in einem Bananenwald, in dem tatsächlich geerntet wird.
Auch der Schwimmkanal bietet eine besondere Wohnqualität.
©MatzingerNeunutzung statt Abriss
Entstanden ist das Mehrgenerationen-Wohnprojekt für 27 Erwachsene und 16 Kinder durch Revitalisierung eines alten Hofes. 2027 soll ein ähnliches Projekt in einem Schloss im Innkreis fertig werden. Neunutzung alter Substanz statt Abriss gilt als die ökologisch sinnvollere Lösung. Weil kein Grünland versiegelt und keine Ressourcen vergeudet werden.
Neugierig geworden?
Mehr Informationen dazu unter:
Kommentare