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freizeit
02/28/2015

Gute-Nacht-Geschichten

Die historische Comic-Serie „Little Nemo in Slumberland“ gehört nicht nur zu den Klassikern des Genres, sondern wird von Kunsthistorikern als Wegbereiter des Surrealismus betrachtet. Jetzt sind die Bildgeschichten erstmals komplett gesammelt erschienen.

von Martin Kubesch

In unseren Träumen können wir nicht sterben. Wie haarsträubend und surreal die Dinge auch sein mögen, die sich in unserem Kopf abspielen, sobald wir die Augen zum Schlaf schließen, wenn es ans Eingemachte geht, ist Schluss mit lustig. Geraten wir im Traum in Todesgefahr, zieht das Gehirn die Notbremse – und man wacht auf. Diese Erfahrung hat wohl jeder Mensch bereits gemacht. Was sich aber in den Stunden, Minuten, Sekunden davor abspielt, welche Filme vor unserem inneren Auge ablaufen, während der Körper ruht und regeneriert, ist eine ganz andere Sache. Eine Sache, die den Menschen schon immer fasziniert hat, seit er sich seiner selbst bewusst ist. Die moderne Naturwissenschaft versucht die Geheimnisse unserer Träume mittels modernster Schlafforschung und Gehirnstromanalysen zu erfassen. Die Psychologie sieht seit Sigmund Freud Träume als Botschaften unseres Inneren, die es zu entschlüsseln gilt, um zur Selbsterkenntnis zu gelangen. Und die Kunst, vor allem die bildende, fand ebenfalls bereits früh Formen und Formeln, um die Welt unserer Träume auf allen möglichen Trägermedien abzubilden und wiederzugeben – von den albtraumartigen und mit Symbolen gespickten Bild-Tableaus eines Hieronymus Bosch bis zu den Surrealisten des frühen 20. Jahrhunderts.

Die Welt der (Alb-)Träume hat den Menschen schon immer zutiefst fasziniert und zu einer künstlerischen Auseinander- setzung angespornt.

Winsor McCays Little Nemo - Gesamtausgabe“, mit einer Einführung von Alexander Braun, 2 Bände mit insg. 708 Seiten, Überformat in Schuber, Taschen Verlag, 150 Euro

Doch während sich Künstler wie René Magritte oder Salvador Dalí vor allem durch Bilder und Skulpturen auszudrücken verstanden und so zumeist den gebildeten Eliten vorbehalten waren, brachte ein anderer, früher Surrealist seine Vorstellungen und Ideen auf viel breiterer Basis und millionenfach unter das Volk. Der amerikanische Comiczeichner und -autor Winsor McCay, 1871 in Michigan geboren, gehörte mit seinen ab Beginn des 20. Jahrhunderts in großen Tageszeitungen veröffentlichten Bildergeschichten nicht nur zu den Wegbereitern des Surrealismus, sondern gilt mit den von ihm geschaffenen – im wahrsten Sinne – traumhaften Bildmontagen bis heute als einer der größten uns großartigsten Meister dieser damals noch sehr jungen Kunstform. Wie niemandem vor und kaum jemanden nach ihm gelang es Winsor McCay, die Grenzen des Mediums Tageszeitungs-Comicstrip auszuloten, immer weiter zu verschieben und mit seinen Mitteln etwas vollkommen Einzigartiges zu schaffen: Eine Symbiose aus breiter Unterhaltung für Millionen von Menschen, die gleichzeitig sowohl optisch wie auch inhaltlich höchsten Ansprüchen zu genügen vermag. Vor allem mit seinem opus magnum, der Serie „Little Nemo in Slumberland“ („Der kleine Nemo im Schlummerland“), sprengte McCay alle bis dahin gängigen Vorstellungen, was ein Comicstrip zu erzählen und wie er auszusehen hat. 88 Jahre, nachdem der letzte „Little Nemo“-Strip in einer Zeitung veröffentlicht worden ist, erfährt dieses Stück Kunstgeschichte nun die Ehrung einer bibliophilen Gesamtausgabe. Von der Idee, Geschichten über (Alp-)Träume zu erzählen, war der gelernte Grafiker und Karikaturist bereits früh fasziniert.

Kurz nachdem er mit der Comic-Serie „Little Sammy Sneeze“ das Medium für sich erobert hatte, schuf McCay mit „Dream of a Rarebit Fiend“ einen Comicstrip, dessen Protagonist jeden Abend warme Käsetoasts isst und danach regelmäßig in mehr oder minder heftige Albträume fällt.

Doch während Winsor McCay bei „Dreams of ...“ meistens im gängigen Rahmen des Mediums blieb – die bunt gedruckten Geschichten wurden halb- oder ganzseitig in den Sonntagsausgaben der Tageszeitungen abgedruckt, während die täglichen Strips wirklich nur Streifenformat hatten und schwarzweiß waren – sprengte er diesen mit der Nachfolgeserie „Little Nemo“ rasch. Wobei das Grundgerüst dieser Geschichten immer das Gleiche war: Nemo (Winsor McCay schuf den Buben übrigens nach dem Vorbild seines eigenen Sohnes Robert) schläft ein und versucht in seinen Träumen ins Schlummerland des König Morpheus zu gelangen, um mit dessen Tochter spielen zu können. Auf dem Weg dorthin erlebt er fantastische Abenteuer, die im letzten Bild jeder Seite immer damit enden, dass Nemo aufgewacht ist und entweder verwirrt dasitzt oder in der Hitze des Traumes gar aus dem Bett gefallen ist.

Insgesamt erschien die Serie von 1905 bis 1911 im New York Herald, von 1911 bis 1913 im New York American und noch einmal von 1924 bis 1927 in der Herald Tribune. Und die Reisen, die der kleine Nemo dabei im Lauf der Zeit erlebt, werden immer irrealer – genauso wie die Zeichnungen McCays. Denn sind seine Bilderstrecken zunächst noch ordentlich und gesittet, so werden sie mit zunehmender Exaltiertheit der Geschichten auch immer wilder, immer außergewöhnlicher und abenteuerlicher. Der geniale Zeichner wechselt permanent die Perspektiven, ändert Größenverhältnisse nach Gutdünken und schmückt auch die Hintergründe seiner Bilder so detailreich und liebevoll aus, dass das ohnedies große Tageszeitungsformat oft gar nicht ausreicht, um alle Feinheiten seiner Bilder zu entdecken. McCay wurde mit seiner Kunst zum wohlhabenden Mann, experimentierte nebenbei auch mit Trickfilmen und malte sogar Plakate für amerikanische Kriegsanleihen.

Doch das Kino wurde für die Tageszeitungs-Comics zur immer größeren Konkurrenz, und die Bildwelten des Künstlers gerieten für viele Jahre in Vergessenheit. Jetzt wäre eine gute Gelegenheit, sie wieder zu entdecken.

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