freizeit
12/15/2014

Weihnachtswunder

von Ernst Molden

In der Vorweihnachtszeit, vor der ich bekanntlich auf der Hut bin, suche ich nichtsdestotrotz nach Weihnachtswundern, und, yeah, bisweilen finde ich eins. Heuer: Die Kupferstecherei Schön und das Stehenbleiben der Zeit. Von Anfang an: Meine Mutter rief mich an und sagte: Du, der Schön existiert noch, wir brauchen doch ein Briefpapier. – Vor vielen, vielen Jahren ließ sich meine Familie beim alten Meister Eberhard Schön Kupferplatten stechen und Briefpapiere drucken. Die sind jetzt bei allen Familienmitgliedern aus, und so gingen die Mutter und ich hin. Das bedeutete: Naglergasse, im derzeit besonders angstbesetzten Ersten. Die Liebste druckt das dort besser durch als ich, der ich jeden Tag der U3 dafür danke, dass sie mich unbeschadet, unterirdisch, quasi unter dem Popo des Ersten hinweg etwa nach Breitensee zum guten Zahnarzt H. bringen kann. Diesmal aber galt es auszusteigen. Herrengasse, ein paar Schritte über den Kohlmarkt, welcher mit der Tuchlauben zusammen die Aorta des Bösen bildet. Vor meinem Auge entstand das innere Bild, wie das Christkind mit seinem weltallumspannenden Kinderdaumen den ganzen Kommerz zermatschkert wie ein Gelse. Dann aber die Erlösung. Das stille Mezzanin in der Naglergasse, die Kupferstecherei. Der alte Eberhard Schön war nicht mehr da, sein Sohn ist jetzt der Meister. Wie früher schon streckte er uns den Unterarm zum Schütteln hin, denn auf der Hand wohnte wie stets die Druckerschwärze. Um ihn herum ein schweigender, von Elektronik völlig freier Raum und sein Inhalt: enorme, uralte, aber blitzsaubere Druckerpressen, Papiersorten, wuchtige Arbeitstische, Kupferplatten. Während Herr Schön die alten Platten mit unseren Namen hervorsuchte, tat dieser Raum sein Wunder. Durch die mehr als mannshohen Fenster sah man über Tuchlauben, Bognergasse und Graben verzerrte Gesichter über Einkaufssackerln dahingleiten, aber sie wurden immer kleiner, je länger man schaute, immer unwirklicher. Herr Schön schrieb unsere Bestellung auf ein kleines Zetterl. Zum Schluss überreichte er meiner Mutter die Kupferplatte unseres im heurigen Jahr verstorbenen Vaters. Wir weinten ein Tränchen, aber in unseren Seelen klang ein Lied.

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