freizeit
08/19/2014

Kleine Sommerserie 2014: Dichten in Wien (3)

Manchmal dichte ich noch an diversen Schauplätzen der Wiener Gastronomie.

von Ernst Molden

Wobei: Das Dichten dort ist ein zweischneidiges Schwert. Der Wiener Kaffeehausliterat genießt weltweites Renommee, überhaupt jener von vor 100 Jahren. Und bis heute wirkt das insofern nach, als nachrückende Wiener Dichterinnen und Dichter noch immer die Cafés, Beisln, Wirten, Lokale zum Spielenlassen der poetischen Muskulatur wenigstens eine Zeitlang ausprobieren. Ich, als depperter, junger Mann, lebte sechs, sieben Jahre zwischen den Spiegeln, Philodendren und Roten Achteln des immens wichtigen Café Prückel am Stubentor, von dessen unvergleichlicher Wirtin Christl Sedlar wurde ich geduldet und durch teilweise Vorfinanzierung der Roten Achteln irgendwie auch gefördert. Bei diesen wohl in die Tausenden gehenden Kaffeehausbesuchen schrieb ich nicht dauernd, aber einiges. Ich war stets ausgerüstet und hatte meine Ausrüstung auch meist ostentativ vor mir liegen. Aber was schrieb ich? – Bei unserem Umzug nach Erdberg hatte ich meine Bücher aus dieser Zeit wieder in der Hand. Oje: Impressionismus, handgeschnitzt, dafür nicht durchdacht, eher dafür geschrieben, um einem möglichen Mädchen vorgelesen zu werden, das sich dann viel zu selten zu mir setzte. Später wechselte ich ins Nachtgeschäft, Bäckerstraßenviertel, Alt Wien, Kalb, Die Bar, frage nicht. Dort konnte man sogar große Rolemodels treffen, Joe Berger, Elfriede Gerstl. Berger trank, Gerstl beobachtete. Nur ich schrieb weiter – aus dem handgeschnitzten Impressionismus wurde jetzt handgeschnitzter Surrealismus. Mein erstes Theaterstück schrieb ich zur Gänze in der alten Stadtparkmeierei, die leider einem Neureichen-Fresslokal weichen musste. Das Stück fiel bei der Kritik durch, aber ein paar Mädchen fanden es gut. Trotzdem ließ ich die Schreiberei in Lokalen dann eher bleiben. Aber manchmal tue ich es noch: Ziehe im wunderbaren Café Heumarkt einen Block hervor oder lasse mir im Engländer Kellnerzettelchen und Kuli geben. Da schreibe ich dann eher einzelne Worte auf, die Namen der Dinge, um die es später gehen soll. Wie Samen fallen diese Worte dann andernorts in die Erde und erzeugen Blumerln oder doch Halme.

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